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Wie infantil ist Weihnachten?

„Weihnachten ist Katzenberger“.
So könnte man den Artikel von Arno Kleinebeckel zusammen fassen.
Dass sich jemand über das nicht zu seinem Lifestyle passendes Fest Luft macht ist nachvollziehbar, für manchen sogar verständlich.
Und dass darin betont wird, dieses Fest habe in sich gleich mehrere „Schwindel“ zeigt ein Behüten diesem „Event Weihnachten“ irgendwie auf die Schliche zu kommen.
Das finde ich zunächst einmal sympathisch.
Und die These, dass das Fest ohne religiösen „Kontext“ auskommt wird dann richtig, wenn „religiös“ gegen „kirchlich“ ausgetauscht wird

Nun ließe sich zu den vielen (teilweise auch theologisch angeschnittenen) Punkten einiges erwidern, ich möchte aber nur auf die Quintessenz des Artikels eingehen, die da lautet: „Das Wesen des Festes ist der infantile Ritus selbst, die Wiederholung des Immer-Gleichen. Mag auch sonst alles fraglicher geworden sein.“

Abgesehen davon, dass die Begriffe „Magie“,“Mythos“, „Ritus“ nicht nur umgangssprachlich gebraucht werden können und schon präziser zu fragen wäre, was damit bezeichnet werden soll, ist zu fragen, ob ein Aspekt des Rituals (nämlich der „Wiederholung des Immer-Gleichen“) wirklich „infantil“ genannt zu werden verdient. Und heißt „infantil“ dann „kindisch“ oder „kindlich“? (Kinder ab dem 6.Lebensjahr sind entwicklungspsychologisch betrachtet immerhin kleine „Erwachsene“)

Das Interesse am Ritual ist vor allem durch Ethnologen in Diskussion gekommen und wird seitdem von so ziemlich jeder Wissenschaft „beackert“. Wenn sich dabei eins zeigt ist es dies, dass Rituale alles andere als „kindisch“ sind, sondern dass sie höchst unterschiedliche Funktionen in Gesellschaften erfüllen. Manche gesellschaftlichen Funktionen sind ohne Rituale überhaupt nicht denkbar, von Alltagsritualitäten einmal ganz zu schweigen. (Für weitergehende Überlegungen zum Ritual finde ich die Zusammenstellung von Benedikt Kranemann „Riten und Rituale in der Postmoderne“ sehr hilfreich)

Das Wesen dieses Festes ist nun allerdings keineswegs der Ritus selbst, mag er, und da hat Kleinebeckel durchaus recht, von Bratwurst, Eierlikör und LED-Tannenbeleuchtung auch noch so überlagert werden. Gleichwohl wäre auch hier zu fragen, welche Funktion das Ritual für diejenige Männergruppe erfüllt, die mit roten Mützen bekleidet über Weihnachtsmärkte läuft und „Glühwein rechts!“ und „Jagatee links!“ gröhlt.

Wenn das offenkundig nichts mit dem „Wesen des Festes“ zu tun hat, ist die Suche nach der Intention solcher Handlungen nicht uninteressant. Steht dahinter vielleicht eine kindliche Sehnsucht, die kein anderes Ventil findet als pubertäre Demonstrartionssymbolik?

Das Wesen des Festes ist freilich die Erinnerung der Christenheit an die Geburt Jesu, die deswegen zu erinnern ist, weil sich in ihm und an seinem Lebensweg und Schicksal zeigt, auf welche Weise sich das „Wesen“ Gottes erschließt.
Das überhaupt an Jesus zu erinnern ist, liegt an einem anderen kirchlichen Fest, für das ähnliche Überlagerungen festzustellen sind, wie für das Weihnachtsfest: Ostern. Ohne den Osterglauben der ersten Jüngerinnen und Jünger würden christliche Feste zu einem leeren Ritus.

Dass die christlichen Kirchen an Weihnachten den Eindruck erwecken, es handele sich um „das“ christliche „Hauptfest“, kann ihnen kritisch entgegengehalten werden. Schließlich weiss kaum jemand, dass der höchste evangelische Feiertag der „Karfreitag“ ist.
Er ist es deshalb, weil er dazu nötigt „Gott“ und „Tod“ zusammen zu denken.
Das ist zweifelsfrei sperriger als die Weihnachtsgeschichte nach Lukas Evangelium Kapitel 2.

Umgekehrt könnte allerdings auch angemerkt werden, dass die Kirchen an Weihnachten den Vertriebs Strategen der großen privatwirtschaftlichen Konzerne schon weit voraus sind. Denn diese müssen erst noch lernen die „Kundenbrille“ aufzusetzen.

Würden die Kirchen mit Hilfe des Net Promoter Score (NPS) versuchen die Kundenzufriedenheit zu steigern, wären sie wohl schlecht beraten Weihnachtsgottesdienste zugunsten von Osternachstfeiern zu streichen.

Ich feiere Weihnachten jedenfalls jährlich gerne wieder.

Dieses Jahr ganz besonders gerne mit dem Slogan, mit dem das iPhone 4 beworben wird: „Verändert alles. Wieder einmal.“