Autor: knuuut

Kirche im WDR

Optimismus

Es ist Sonntag 10.30 Uhr. Der Gottesdienst ist gerade zu Ende. Alle Besucher:innen, etwa 20 Personen, stehen vor der Kirche und rauchen. Das ist ganz normal, denn es ist eine besondere Kirche: Sie steht in einem Gefängnis. Hier leben Menschen im offenen Strafvollzug. D.h. sie können tagsüber arbeiten gehen. Sonntags kommen auch Menschen von draußen zum Gottesdienst. Ich habe meinen Talar ausgezogen und gehe auf das Grüppchen zu, da ruft mir eine Frau zu: „Ihren Optimismus möchte ich haben! Obwohl, eigentlich reicht mir schon die Hälfte davon.“ Bevor ich etwas antworten kann, hat ihr etwa vierjähriger Sohn Jason, sie zurück in die Kirche gezogen. Dorthin wo ein großer Korb mit Spielsachen steht. Im Gottesdienst ging es um einen Vers aus dem Buch Jeremia:

„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“

Kirche im WDR

Halbfinale

Und? Heute Abend um 20.00 Uhr schon was vor? Wenn Ihnen jetzt ein „Warum“ durch den Kopf geht, interessieren Sie sich bestimmt nicht für Fußball. Alle anderen wissen: Heute ist Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft! Anschalten oder das Fernsehgerät ausgeschaltet lassen? Noch nie in der Vergangenheit wurde zu WM-Zeiten über eine solche Frage diskutiert. Gut: Noch nie vorher fand eine Weltmeisterschaft im Winter statt. Aber an der Tatsache, dass eher Glühwein statt Kölsch-Zeit ist, liegt es ja nicht, dass eine klare Mehrheit keine Spiele angucken will. Allerdings ist die Umfrage schon vier Wochen alt. Und es war noch nicht entschieden, dass die deutsche Nationalmannschaft schon nach der Gruppen-Phase nicht mehr im Turnier sein würde. Die Zeiten ändern sich…

Kirche im WDR

Trost

Nun ist die Hälfte der Zeit rum. Also das 12. Türchen im Kalender darf heute geöffnet werden. Vermutlich ist der Dezember der einzige Monat im Jahr, an dem man jeden Tag weiß, der wievielte gerade ist. Für viele ist es der Countdown, der besagt: Bis zum 24.12. ist noch  Zeit, da kann ich mir noch Gedanken machen, was ich wem schenken will. Melanie ist da vollkommen anders. Zum ersten Dezember -diese Regel hält sie seit mehr als zehn Jahren ein- zum ersten Dezember müssen alle Geschenke gekauft sein. Daher beginnt sie pünktlich am ersten November mit den Vorbereitungen, also: Listen machen, einkaufen. Was vor Ort erhältlich ist wird vor Ort gekauft. Besonders ausgefallene Sachen kauft sie im Internet. Am ersten Adventssonntag beginnt sie dann ihre Trostbriefe rumzuschicken. Manche schickt sie tatsächlich mit der Post, an andere ihr fernere Menschen schickt sie sie per E-Mail. Ich stehe auch in Melanies Verteiler und bekam zum ersten Advent folgendes Trostwort zu lesen: Es ist mehr als ein Wort, irgendwie fühlt es sich an, wie eine warme Quelle von Trost:

Baum in der Wüste
Kirche im WDR

Wann wirds richtig Sommer?

Genau 47 Jahre mussten wir auf die Beantwortung der Frage warten „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ Ohne dieses Lied von Rudi Carrell würde sich wohl kaum jemand an den regenreichen Sommer 1974 erinnern. Wie es mit diesem Sommer 2022 in Zukunft aussieht, muss sich erst noch rausstellen. Fest steht schon jetzt: Es ist der heißeste und trockenste seit 1951. Kein Tag an dem man nicht das Wort „Klima“, hören oder lesen kann, selbst wenn man sich nicht für den Wetterbericht interessiert. Klar ist auch: Es nicht ausgeschlossen ist, dass es nächstes Jahr einen nass-kalten Sommer geben kann. Eine kontinuierliche Erderwärmung und das Wissen darum, dass das am Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre liegt, bestreiten aber die wenigsten. Im Jahr 1972 hatte der Club of Rome zum ersten Mal eine Studie über die Zukunft der Menschheit veröffentlicht. Die Vereinigung der Wissenschaftler hatte anhand umfangreicher Daten die Prognose gewagt, dass der Mensch auf Dauer für die Natur nicht zu ertragen ist. Es sei denn er ändere sein Verhalten. In ihrem neusten Bericht beschreiben die Wissenschaftler die gegenwärtige Situation nicht nur als eine ökologische Krise, sondern (und das ist neu) auch als eine soziale Krise,

Kirche im WDR

Versprechen

Wenn Versprechen nicht eingehalten werden, wie geht man damit eigentlich am besten um?Diese Frage stelle ich mir in den vergangenen Jahren öfter. Dabei geht es mir um die Versprechen, die ich selbst gegeben habe. Diejenigen, die mir gegeben wurden, finde ich gar nicht so problematisch. Entweder hab` ich auch vergessen, was mir versprochen wurde, oder es nagt noch an mir, solange bis ich es dann schließlich auch vergesse. Was ich anderen versprochen und nicht eingehalten habe, beschäftigt mich. Jedenfalls wenn es ein größeres Versprechen ist als: „Ich komme demnächst noch mal auf einen Kaffee vorbei.“ …

Kirche im WDR

Apfelschnitzel

Die Mutter holt die Apfelschnitzel aus ihrem Rucksack und das selbst gebackene Brot. Die Töchter–schätzungsweise zehn und zwölf Jahre alt– wollen lieber Schokolade. „Zuerst das Brot, dann die Äpfelchen und zum Schluss Schokolade“ bestimmt die Frau Mama. „Seid froh, dass Papa überhaupt Schokolade mitgenommen hat!“ Auch sonst ist die Familie gut vorbereitet: An den Rucksäcken aller vier hängen weiße Helme und bunte Klettersteig-Sets. Vor ihnen spannt sich eine etwa 100m lange Hängebrücke über eine eben so tiefe Schlucht. Dahinter tut sich eine Felswand auf, die man über eine 40m lange senkrechte Leiter erklimmen muss. Nach der Stärkung legt die Familie ihre Klettersteig-Sets an. „Liebster, ich habe einen Auftrag für dich!“ sagt die Frau.

Kirche im WDR

Liebesversprechen

Phillip hatte sich endlich getraut. Mit 32 Jahren kann Mann heiraten, denkt er. Und Familie haben: Kind, Haus Hund; das volle Programm. Lena ist glücklich, dass er endlich auch einverstanden ist. Wäre es nach ihr gegangen, hätte er ihr auch schon früher einen Antrag machen können. Hat er aber nicht. Nun kann die Vorbereitung zur Hochzeit beginnen. Standesamt nur klein, mit Eltern und Trauzeugen. Zum großen Fest dann die kirchliche Trauung. Das ist Lena wichtig. Als Teenager war sie Helferin im Kindergottesdienst. Deshalb soll es eine evangelische Hochzeit werden. Philipp ist katholisch und möchte das auch bleiben. Die Trauung soll in der Kirche sein, in der er früher Messdiener war. Eine evangelische Trauung in einer katholischen Kirche? Kommt gar nicht in Frage, meint die rheinisch-katholische Kirchengemeinde. Darüber ist Lena richtig sauer: „Wir haben 2020, sind zwei junge Menschen, die noch in der Kirche sind und die stellen sich so an! Unglaublich!“ Philipp schweigt. Als Lena ihren Freundinnen davon erzählt, können die nur müde lächeln. Lena ist nämlich die einzige, die überhaupt noch in der Kirche ist. „Du und dein Kirchen-Gedöns“…