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SEO und Ethik

Kaum jemand wird bestreiten wollen, dass es schon einmal besserer Zeiten für die Kirchen gab. Der Skandal um Holocaust-Leugnung und sexuellen Missbrauch hat vor allem die katholische Kirche in solch einen Misskredit gebracht, dass sie einem „angeschlagenen Boxer“ gleichkam, der von einer Ecke in die andere taumele, wie Thies Gundlach es vor einiger Zeit (kirchenintern) formulierte. Die evangelische Kirche sah sich demgegenüber in einer Art „Haftungsgemeinschaft“, wie Nikolaus Schneider formulierte, was dazu führte, dass die ethische Urteilsgabe „der Kirche“ insgesamt bestritten wurde. Die alkoholisierte Autofahrt der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann kam da gerade recht.

Wo sicher geglaubte Handlungsfelder weg brechen braucht es natürlich Zeit sich neu zu orientieren. Und das dauert in der verfassten Kirche nun mal seine Zeit.

Kein Wunder, dass andere in den Markt drängen.
Und dabei ist Markt wirklich als „Markt“ zu verstehen wie J.A. Männing sehr anschaulich in seinem Blogbeitrag zeigt.

Auch eine andere Berufsgruppe stellt sich die Frage an welchen Urteilen sich menschliche Verhaltensweisen messen lassen sollte. Gilt für die SEOs wirklich: „Was Moral ist definiert derjenige mit den meisten Links.“ (Zitat von U. Weider von xplus-web.de, durch den ich auf die Fragestellung aufmerksam wurde.)

Und wenn dem so sein sollte: in wessen Dienst stellt man seine Fähigkeiten? Interessant an der Themenstellung ist die jeweilige Selbsteinschätzung derjenigen die nach Maßstäben ihres eignen Handelns fragen.

SEOs, so lerne ich, haben mit Selbstbild zu kämpfen „kalte Macher“ zu sein, denen es vollkommen egal zu sein scheint was sie in den Suchmaschinenergebnissen nach oben bringen: Hauptsache die Kasse stimmt.
Die „Kirchen“ dagegen sehen sich -überwiegend noch- in einer Monopol Stellung ethische Fragestellung betreffend und argumentieren ähnlich wie der ADAC mit ihrem, wenn auch schwindenden, Mitgliederbestand.
Der „Markt“ (BDA) wiederum geht von der monetären Verwertbarkeit jeglichen Gutes aus: Warum sollte sich eine ethische Fragestellung dem entziehen können sollen?

Die unterschiedlichen Bezugssysteme und eine inkongruente „vision of life“ der Individuen verstellt nun oft genug den Blick darauf worüber „wirklich“ Einigung erzielt werden müsste. Wo traditionelle Themen (z.B. Atomkraft) diskutiert werden ist die Frontenlinie seit gut 30 Jahren ungebrochen. Wo aber neue ethische Herausforderungen beantwortet werden wollen, greift ein Rückgriff auf bewährte (kirchliche) Instanzen nur noch begrenzt. Das ist nicht zu beklagen, sondern aus Sicht einer von der Reformation her kommenden Kirche sogar konsequent!

Nur ist noch nicht entschieden, wie die westliche Welt des 21. Jahrhunderts sich selbst durch sich selbst erklären und bestimmen will. Und aus der Sicht des Theologen ist das natürlich ein aussichtsloses und bedenkliches Unterfangen. Hier ist ein Rückgriff auf „open source“ Philosophie und Theologie nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten. Dieser Rückgriff nun findet sich nicht immer auf Seite eins des Suchmaschinenergebnisses. Daher ist die immer wieder aufkommende Bewertung von Google, Facebook und Co. als „böse“ nicht verwunderlich, denn hier ist die Frage von „Relevanz“ von Belang und nicht die nach „Reichweite“.
Eine Welt in der alles in Reichweite erscheint ist eben keine „wirkliche“ Welt, sondern nur die „Vorstellung von so etwas wie“ Welt. Dieses Phänomen wird meist mit dem Begriff  „Web 2.0“ etikettiert.
Meine Lieblingsetikette ist freilich die „360° Grad“ Metaphorik: Alle laufen im Kreis und landen daher immer wieder bei sich. Eine Frage ist, wie es gelingen kann diesen selbstreferentiellen Kreislauf zu durchbrechen um „für andere“ „da“ zu sein.

Ja:
Ich bin mir bewusst, dass ich mich meist in einer „kirchlichen Parallelgesellschaft“ aufhalte und nehme staunend die Veränderung einer „Informationsgesellschaft“ wahr und gelegentlich auch an ihr teil.