Zuhören

Das Versprechen ist groß: „Kommen Sie und tauchen ein in andere faszinierende Welten!“ Nur selten geht es wirklich ums Tauchen in fremde Unterwasserwelten. Meist ist Ablenkung aus dem Alltag gemeint, der allzu gleichförmig dahin fließt. Da braucht es etwas Abwechslung. Und zum Glück findet sich eine spektakuläre Wohlfühloase oder ein aufregender Freizeitpark gleich hinter der nächsten Ecke. Da kann abgeschaltet werden, oder man kommt einfach nur auf andere Gedanken.

Was auf der einen Seite wünschenswert ist, kann sehr schnell sehr anstrengend werden, wenn es darum geht die fremden Welten einer Person zu ergründen. „Muss man ja zum Glück nicht, bin ja kein Therapeut“, sagen sie jetzt vielleicht und haben Recht. Trotzdem begegnet mir die Welt des anderen täglich. Meist hat das keine großen Auswirkungen. Die Alltagskommunikation ist meist banal und lässt nur wenig von diesen anderen Welten zum Vorschein kommen. Aber wehe der erste Elternabend nach den Schulferien findet statt, oder die Konfirmation im Familienkreis; erst recht wenn ich durch meine Social Media Kanäle scrolle: Die Welt der anderen ist bunt, gut aussehend und vor allem laut.

Ich habe die Vermutung: Seit wir alle senden können was wir denken und fühlen, hat die Bereitschaft zuzuhören abgenommen. Wirkliches Zuhören ist nämlich gar nicht so einfach. Ich muss ein grundlegendes Interesse an dem haben, was den anderen bewegt. Und ich muss das, was ihn bewegt für mindestens ebenso interessant halten wie meine eigenen Themen, Marotten und Muster. Gut zuhören und sich auf den anderen einzulassen, bedeutet, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Mit „ich hab meine Meinung, du hast deine Meinung, muss halt jeder selber wissen“ ist es nicht mehr getan. Dazu sind die Fragen, wie wir zusammenleben wollen, zu dringlich.

Als Jesus einmal bedrängt wird, weil alle Welt von ihm Lösungen erwartet, sagt er: „Ich muss Abstand bekommen.“ Also richtig Abstand! Mehr als 1 Meter 50. Er lässt sich mit einem Boot auf den See hinausfahren. Ein Unwetter zieht auf. Diejenigen, die mit ihm im Boot sind, fühlen sich hilflos. Jesus bekommt von allem nichts mit. Er schläft. Als die Angst immer größer wird, wecken sie ihn und er bringt Wind und Wellen zum Schweigen. Stille tritt ein. Keine Ruhe vor dem Sturm, sondern der Moment in dem vollkommen klar ist, was wirklich wichtig ist.

Es ist ein großes Versprechen: Tritt ein in eine faszinierende Welt und entdecke den anderen.

Dieser Beitrag erschien am 14.7.2020 bei Kirche im WDR:

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