Es läuft mit Gottes Hilfe

Im Nachhinein ist man immer schlauer, oder? „Hätte ich das nur vorher gewusst“, sage ich dann gerne, obwohl ich weiß, dass das natürlich Quatsch ist. Man kann nicht alles im Voraus wissen und manchmal ist das auch gar nicht so schlecht.

Ich denke an Jonas: Eigentlich läuft es bei ihm. Nein, es lief! In der Schule unauffällig, Abitur, dann Studium, alles ohne Probleme. Auch die Leute in der WG fanden ihn prima! Wann er sichnicht mehr prima fand, kann er gar nicht sagen. Ja, ob er sich selbst je prima gefunden hat, weiß er heute nicht mehr.

„Ich weiß nicht, welche Kurve ich nicht gekriegt habe“- sagt er von sich. Nach dem Prüfungsstress will er einfach nur ein paar Monate ausspannen, bevor er Bewerbungen wegschickt. Hawai – davon träumt er schon lange; endlich mal richtige Wellen zum Surfen! Doch schon nach zwei Wochen zieht es ihn zurück nach Hause. Kraftlos fühlt er sich, ohne Antrieb. So kennt er sich gar nicht. „Du musst zum Arzt“, rät ihm seine Mutter. Doch alle Untersuchungen sind unauffällig.

„Hab ich doch gesagt, der Jonas zieht irgendwo Luft,“ spötteln die ehemaligen WG Bewohner. Mit ihnen ist er schon länger nicht mehr zum Feiern gewesen. „Ja, der tickt nicht mehr ganz richtig“!

Jonas wohnt jetzt wieder bei seinen Eltern. Bewerbungen hat er nicht mehr weggeschickt. Dafür geht er jetzt dreimal am Tag mit dem Hund. Die Runde führt an einer Kirche vorbei. Eigentlich hat er es nicht so mit Kirche, aber diese ist täglich von 10-17 Uhr geöffnet. Der Kirchraum gefällt ihm, er ist hell mit vielen Fenstern und warmen Holztönen. Man kann eine Kerze anzünden und seine Gedanken in ein Buch schreiben. Manchmal blättert er in diesem Buch, während die Küsterin den Hund mit Wasser versorgt.

„Der HERR gibt den Müden Kraft und den Unvermögenden Stärke. Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ liest er da. ( Jes. 40, 29+31) Jemand hat den Vers aus der Bibel wie in ein Poesie Album geschrieben und mit einem Regenbogen verziert.

„Bestimmt werde ich kein Adler mehr“, denkt er bei sich. „Muss ich aber auch nicht. Ich frage nicht mehr, warum ich so bin, wie ich bin, das macht mich auch nicht schlauer. Die Kraft für den nächsten Tag finden, das reicht mir. Dann läuft’s. Zwar nicht rund, aber es läuft. Mit Gottes Hilfe.

Dieser Beitrag wurde am 15.7.2020 bei Kirche im WDR gesendet:

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