Machen was ich will

Ich treffe ihn mitten im Wald – Reinhold – 66 Jahre alt. Es regnet in Strömen. Wir haben uns unter gestellt – in einer Schutzhütte. Reinhold sagt: „Ich mach jetzt nur noch, was ich wirklich will! Das ist zwar eine späte Erkenntnis, aber immerhin besser als gar keine. Man muss den Wald schon sehr mögen, um bei diesem Wetter unterwegs zu sein. In dem dem dunklen Unterstand riecht es nach Lehm und kalter Holzkohle. Früher bin ich oft am Wochenende in die Alpen gefahren, „zum klettern“, sagt er und deutet auf seinen Filzhut. Dort steckt eine Nadel vom Alpenverein. Seit 50 Jahren ist er bereits Mitglied. Oft ist er mit seinem Vater losgezogen – ein richtig wilder Hund. Von ihm habe er viel gelernt. Im Laufe der Zeit aber nicht alles beherzigt. Zu abgelenkt sei er gewesen, hätte nicht mehr unterscheiden können, was wichtig und unwichtig ist im Leben. „Dann ist einiges aus dem Ruder gelaufen“, sagt er und streicht sich nachdenklich über die rechte Hand. Erst jetzt bemerke ich, dass sein Zeigefinger komplett fehlt. Wir schweigen. Die Regentropfen prasseln auf das Dach. Nach einer Weile fragt er, was ich denn hier draußen mache.
„Ich kann nicht nur das machen, was ich wirklich will“, scherze ich, „bis zur Rente sind‘s noch einige Jahre! Aber ich bin gern draußen im Wald. Ich mag das Allein Sein. Kein Lärm, keine Hektik, keine Menschen. Da ist es mir auch egal, wenn es regnet.“
„Du bist bestimmt Lehrer?“
„Pastor, also auch was mit Zeigefinger“, sage ich dummerweise und möchte im selben Augenblick im Boden versinken. Reinhold hebt seine rechte Hand mit den drei Fingern in die Höhe. Wir müssen beide lachen.
„Ein Pfarrer, der Gott eher im Wald als in der Kirche findet, das gefällt mir.“
„Interessant!“, sage ich, „von Finden haben wir gar nicht gesprochen, eher von dem, was wir suchen. Aber wo wir schon mal beim Finden sind: Wenn wir allein unterwegs sind, werden wir nichts finden; Außer: uns selbst. Manchmal ist das auch schon hilfreich.
Gott lässt sich aber nur in Begegnungen finden. In denen mit Menschen und in denen mit Worten der Bibel. Ich nehme oft einen Vers aus der Bibel mit nach draußen.
Heute übrigens einen, in dem Berge vorkommen: „Gott, du bist unsere Zuflucht, ehe die Berge und die Erde geschaffen wurde. Sei freundlich zu uns und fördere das Werk unserer Hände“ (Ps 90, 1+12) „Das mit der Zuflucht passt ja schon mal zur Schutzhütte hier und das mit den Händen auch irgendwie, nur ein echter Berg fehlt“, meint Reinhold und wir müssen schon wieder lachen. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen und wir schultern unsere Rucksäcke. Ob die kleine Waldkapelle in der Nähe nach ihrer Renovierung schon wieder geöffnet sei, will er wissen. Und da ich es auch nicht weiß, beschließt er einen kleinen Umweg zu gehen. „Wenn‘s wieder regnet gehe ich bestimmt rein“, sagt er zum Abschied. „Und wenn nicht, vielleicht auch.“

Foto: https://unsplash.com/photos/Lh2qwkppkf8

Der Beitrag wurde am 3.12.2019 bei Kirche im WDR gesendet.