Allgemein, ekirSpot(t)

Micha 5,1-4 statt Hashtag-Keule

Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. Das kann –seit Martin Walser-nicht gut gehen. Zu verstrickt die Debatte, wenn es um ein „Wegschauen“ geht. Seitdem gilt: „Wegschauen“ ist nicht mehr. Stattdessen ereilt uns die Hashtag-Keule wie Salz in offener Wunde.

Die Stimmen, die eine „geistliche Rettungsgasse“ freihalten wollen sind selten. Wer als erster #prayforXXX brüllt, gilt als am Puls der Zeit. Ich möchte das nicht. Gaffern gleich wälzt sich die News-Desk-Redaktion durch den Stream. Flugs ein gepostetes Bildchen zur Anteilnahme und das Fürbittengebet aus der Cloud, schnell noch eine virtuelle Kerze auf einer Gedenkseite entzündet, fertig.

Der gekommen ist zu heilen, was zerbrochen ist, hat so keine Chance.

Der Krummes gerade macht und zu Ende bringt, was abgebrochen erscheint, hat keinen Platz.

Nachgedacht über den, der unscheinbar begann und unspektakulär beseitigt wurde, über den von dem dann behauptet, und erst recht geglaubt wurde, dass er es sei, der den Kreislauf der Bedeutungslosigkeit durchbrochen habe und damit etwas wahrhaft Neues begonnen hat? Kein Platz in der Herberge!

-Wie, so fragen Christen, soll man in einer Welt leben, die nie Pause hat -sich auch nie Pause gönnt), die sich auf Dominanz, Erfolg und Klickzahlen etwas einbildet und die zu spät kommenden gnadenlos bestraft?

-Wie, so fragen Christen soll man vertrauen finden können, wenn hinter jeder Ecke der vermeintliche Nutzen den letzten Ausschlag gibt und die Nutzlosen noch nicht mal mehr geduldet, sondern gar mit Füßen getreten werden.

-Wie, so fragen Christen, soll man in einer Welt leben, in denen diejenigen die Werte festlegen, die ausschließlich der von ihnen selbst definierten Norm entspringen?

Wie soll man in einer Welt leben, die es sich zum Ziel gemacht um jeden Preis gewinnen zu müssen, selbst wenn immer mehr offensichtlich wird, dass das nicht gut ausgehen kann.

Nichts ist gut! Nichts ist gut?
Und das an Weihnachten?

Ja, wenn wir die Bereiche unseres eigenen Lebens, des Lebens der Weltgemeinschaft, und des Lebens unseres Planeten ansehen, dann kann man das mit Sicherheit so bewerten. Und Generationen vor uns haben das aus ihrer Sicht und mit ihren Problemen ebenso bewertet.

Und genau diese Sicht braucht es auch um zu ermessen, welche Wucht hinter der Weihnachtbotschaft steckt, dass Jesus diesen Frieden nicht nur bringen will, sondern, dass mit ihm und in seiner Person Frieden bereits Wirklichkeit geworden ist.

Es ist nicht ein leises Friedenslüftchen, dass da unscheinbar und klein zwar begonnen, aus dem dann aber leider nichts geworden ist.

Nein mit der Geburt, mit dem zur Welt Kommen Gottes, setzt sich der Wille Gottes fort, der von Anbeginn der Welt an so auf die Welt geschaut hat, dass gesagt werden konnte: „Und siehe es war gut!“ Dies „siehe es war gut“ durchzieht die Geschichte Gottes mit den Menschen von den Vätern Israels bis zum beginnenden Königtum.
Aus dem dann der Sproß Isais als Frieden Gottes Wirklichkeit wird.

Ja, der Friede ist in Jesus Christus Wirklichkeit geworden.
Er ist wirklich geworden, auch wenn nicht alle Menschen diese Wirklichkeit zu erkennen in der Lage sind. Das ist nicht ihre Schuld. Das ist überhaupt nicht Schuld, das ist schlichtweg unerklärlich.

Und doch breitet sich diese Unerklärlichkeit weiter aus oder artikuliert sich vielleicht einfach nur lauter als in der Vergangenheit. Die Deutungshoheit und ein Monopol auf „Sinnhaftigkeit“ haben wir als Kirche schon seit längerem verloren. Aber in Notsituationen und Katastrophen (t)wittern wir Morgenluft.

Mit diesem Verhalten werden wir uns dem Spott und auch dem Verdacht aussetzen müssen, wir wollten über den wahren Zustand der Welt hinwegtrösten. Als Trost verkleidete Empörung hilft da gar nicht.

Christen täten gut daran von ihrer Gewissheit zu erzählen und die Zuversicht, die sich daraus ergibt, erlebbar zu machen. Sie wären aber schlecht beraten ihre Gewissheit als Hashtag in die Öffentlichkeit zu posaunen und sich selbst damit als (noch) relevant zu proklamieren.

Denn eins ist sicher: machtvoll und laut kommt die Weihnachtsbotschaft nicht daher.
Sie wirbt leise um Vertrauen. Gerade weil sich die Wahrheit des Glaubens im Lebensvollzug erweist und nicht einer lauten Proklamation bedarf, ist die Weihnachtbotschaft eine werbende. An Weihnachten wirbt Gott um unser Vertrauen.
Damit wir erkennen: das Friede schon ist! Und er wirbt darum, dass Friede um seinetwillen auch sein soll.

Er wirbt um unser Vertrauen angesichts einer friedlosen Welt.