„Digitale Kirche“ ein Missverständnis

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Die Debatte um #digitalekirche ist beendet. Auch wenn der Hashtag sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Zur Erinnerung: Angefangen hatte es mit einem Printartikel, der viel Beachtung auch außerhalb (digitaler) sozialer Medien fand und darauf hin wiederum intensivere online Aufmerksamkeit erlangte. Nun hat Hannes Leitlein in einem Podcast deutlich gemacht, dass ihm die Debatte manchmal lästig ist. Vor allem, weil die diskutierten Aspekte in alle erdenklichen Richtungen laufen. Dabei war eigentlich etwas ganz banales gemeint: Der nächste Gottesdienst am Sonntag, der bekanntlich an jeder Ecke stattfindet, sollte möglichst schnell und benutzerfreundlich im Internet auffindbar sein. Soweit so schlicht! Und: Weitgehend ungelöst. Aber immerhin ist das Problem erkannt und Ausnahmen sind erfreulicher Weise auch zu finden. Schluss aber mit Debatten über Online-Abendmahl und „Digitale Theologie“ braucht kein Mensch! 

Natürlich lassen sich Diskussionen nicht unterbinden. Durch stetige Impulse verändert sich immer wieder die Richtung. Vielleicht ist es Zeit für ein Zwischenfazit. Im Moment tendiere ich zu folgendem: Digitale Kirche ist zu einer Symptom-Beschreibung geworden, dass wir nicht in Kontakt sind mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie beschreibt die Sehnsucht von Menschen das zu ändern. Und das äußerst unterschiedlich. So wir wir halt sind. 

Das lässt sich schwer in eine Kommunikationsstrategie packen, die von einer Stabstelle koordiniert wird, auch wenn die einzelnen Landeskirchen und besonders die EKD das gerne möchte. (Warum das so ist, kann man sehr trefflich beobachtet bei Hilmar Gattwinkel auf futur2.org nachlesen.) Die ständige Suche nach guten, gelungenen und erfolgreichen -also messbaren- Ergebnissen, die die jeweiligen Koordinatoren evaluieren wollen (müssen), ist nur dann sinnvoll, wenn diese auch unterstütz werden. Anders gesagt: Der „digitale Schulterblick“, den Kirchenleitungen hin und wieder einem ausgewählten Kreis interessierter Menschen gewähren, ist nur insofern interessant, als er Einblicke in die Arbeitsweise kirchlicher Gremien bietet. Denn diejenigen Akteure, die freiwillig und meist ohne besonderen kirchlichen Auftrag auf den verschiedenen Plattformen unterwegs sind, gewähren fortwährend einen „Schulterblick“. Und ernten dafür Schulterzucken oder sogar Gegenwind. 

Die älteren unter uns –„Internetpioniere“ wider Willen, die seit einiger Zeit ihre kirchliche Nische gefunden haben und die Diskussionen aus der Distanz verfolgen- reiben sich verwundert die Augen und fühlen sich zehn Jahre zurück versetzt: „Nicht alles geht in 280 Zeichen“, müssen wir aktuell wieder lesen (mehr nur für Abonnenten). Als wenn irgendjemand behauptet hätte, dass schon in 140 Zeichen „Alles“ gesagt worden wäre. Die Argumentation von Altbischof Huber hinkt der Zeit um mindestens zehn Jahre hinterher, als man noch erklären musste, ob pfarramtliche Zeit überhaupt für Tweets geopfert werden dürfte. Inzwischen darf Mann, sogar als Altbischof. Und man darf sogar die Erfahrung machen, dass die Welt voller Ambivalenzen ist, eben auch in moderner Kommunikation. Aber man muss schon eine besonders „idyllische Blase“ erwischt haben, wenn man zuerst steil behauptet die „Kirche sei ein Ort der Begegnung an dem Menschen sich nicht durch twittern aus dem Weg gehen“ und sich dann wundern, dass genau dieses aus-dem-Weg-gehen nicht stattfindet, sondern einen Dialog öffnet, dem man sich dann aber verschließt. Dem geneigten Zeitzeichen Leser* wird dies freilich verschlossen bleiben, während die Phantasie welche „Kübel des Spottes“ sich auf Twitter ergossen haben mögen, sicher an die Qualität reformatorischer Schmähschriften heranreichen dürfte.

Wenn es nicht so ernst wäre und um die verpasste Anschlußfähigkeit kirchlichen Handelns ginge, könnte man mit Tony Marshall singen: „Wir lassen uns das twittern nicht verbieten“ oder rheinisch-jahreszeitlich brüllen „Dat wor der Nubbel!“, aber das hilft nur begrenzt. Denn auch im nächsten Jahr wird sich die Frage nicht verdrängen lassen, ob wir wirklich über „physische Kopräsenz“ als Kennzeichen von Kirche debattieren sollten, oder doch nicht besser über „Virtualität und Pneumatologie“ (auf S.24 im PDF unter d.). Vielleicht ist das aber schon wieder ein Missverständnis von digitaler Kirche, die Theologenfalle.

Beitragsfoto: Photo Credit: <a href=“https://www.flickr.com/photos/133488379@N08/25206854546/“>BarnImages.com</a> via <a href=“http://compfight.com“>Compfight</a> <a href=“https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/“>cc</a>