Predigt

Weniger ist mehr (Predigt über Lukas 9)

„Weniger ist mehr“!
Das sagt man so in genügsamer Bescheidenheit, oder wenn man und frau auf einen gewissen Luxus nicht verzichten ihn vielmehr bewusst genießen möchte.
„Weniger ist mehr“, lieber ein glas Wein weniger, dafür aber einen besseren.
Lieber einen Smart für den Stadverkehr, als gar keinen Parkplatz;
lieber walken statt joggen, das ist besser für die Gelenke;

„Weniger ist mehr“ das honoriert unserer Gesellschaft. Menschen wie der IKEA Gründer und Multimilliardär Ingvar Kamprad sind gerade wegen ihrer Knauserigkeit bekannt:

Sein Haus in der Nähe von Lausanne hat Kamprad mit Ikea- Ware möbliert.
Obst kauft Kamprad nachmittags auf dem Markt, dann ist es billiger.
Bus und Bahn sind seine Verkehrsmittel. Dabei nutzt er gerne den Pensionärsrabatt.
Kamprad gönnt sich immerhin ein Auto und zwar einen 15 Jahre alten Volvo.
Er beschreibt Papier stets beidseitig, seine Mitarbeiter sollen das auch so machen.
Der Friseur ist ihm zu teuer. Die Haare schneidet ihm seine Frau.

Kurzum: Das „Weniger ist mehr Credo“ wird von unserer Gesellschaft respektiert und geachtet.

Ungeachtet dessen gilt allerdings genauso also das genaue Gegenteil das da lautet „mehr ist mehr“.
Verabredete alkoholische Massenexzesse, wie jüngst aus Spanien berichtet, sind da nur der Gipfel dessen, was als „Party machen“ als angesagt gilt.

„mehr ist mehr“

In der Kölner Innenstadt kann man US-Militärgeländewagen vom Typ Hummer entdecken, auf Hochglanz polierte Limousinen und natürlich tiefer gelegt, 4 smart lang und 2 smart breit.

„All you can eat“ Angebote werden ebenso gern genommen, wie Marathonläufe, die offenbar die Ostermärsche abgelöst haben. „Mehr ist mehr“ gilt auch hier: je extremer der event, desto größer die Aufmerksamkeit.

„Mehr ist mehr“ oder „weniger ist mehr“, beide Lebenseinstellungen gelten gleichermaßen und nebeneinander, in unserer Gesellschaft,
also auch unter uns, so wie wir heute morgen hier sitzen.

Warum das so ist, darüber könne Soziologen allerlei Gelehrsames sagen.
Dass es so ist, ist allerdings in der Kirchenjahrezeit in der wir uns im Moment befinden besonders interessant.

Die aus dem öffentlichen Bewusstsein fast gänzlich verdrängte Passionszeit thematisiert nämlich das säkularisierte „Weniger ist mehr“, ebenso wie das gleichermaßen säkularisierte „Mehr ist mehr“.

Verdeutlichen lässt sich das etwa an den Worten Jesu über die Nachfolge, die beim Evangelisten Lukas im Kontext der Leidensankündigung stehen.
Lukas 9, die VV 23+24:
„Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.24 Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s retten.“

Nun mag sich dem ein oder der anderen unter uns die Frage aufdrängen, wie die Passionszeit die beiden skizzierten Lebenshaltungen thematisiert.
Sie tut das zunächst einmal vordergründig, indem sie uns wahrnehmen lässt, dass sich hinter ihnen eine echte Frage nach dem verbirgt, wie wir leben sollen.
Theologisch gesprochen befinden wir uns also auf dem Gebiet der Ethik, der Fragestellung also, wie wir leben sollen.
Neutestamentlich ließe sich das auch „Nachfolge“ beschreiben.

Der Text erweitert nun gleichsam diese Fragestellung, indem er die Frage nach dem „wie wir leben sollen“ radikalisiert.

Und zwar dahingehend, dass er die Frage um die Dimension des „verlierens“ und der des „retten“ erweitert.

Radikalisiert deswegen, weil durch diese Dimesion des „verlorenen“ bzw. „geretteten“ Lebens die Frage in ihrer ganzen Bedrohlichkeit erscheint:

Kann ich mein Leben sozusagen verspielen, indem ich so lebe, dass ich die wichtigen Fragen des Lebensaus dem Blick verliere; oder habe ich einen Mehrwert, wenn ich mich an einige Leitlinien des Lebens halte?

Genau das ist auch die Kernfrage hinter den beiden skizzierten Lebenseinstellungen. Es ist dieselbe Frage die in die Nachfolge Jesu ruft.

Wer versucht –und zwar auf die ein oder andere Weise- sein Leben zu retten, der begeht einen katastrophalen Versuch!

Denn ich rette mein Leben gerade nicht, wenn ich es retten will.
Was der Text verurteilt ist eine Selbstrettung, bei der ich meine Hoffnung aus eigener Kraft verwirklichen will,
durch mein Tun, meine Anstrengung, meine Gedanken, meine Leistungen.
Ich verpasse also gerade worauf ich abziele, wenn ich mein Leben für mich selbst aufsparen will.
Gott schenkt mir mein Leben, das mir gehört, wenn ich es anderen schenke.
Das muss nicht, aber es kann soweit gehen wie bei Dietrich Bonnhoeffer, der genau heute vor 61 Jahren im KZ ermordet wurde.

Gott schenkt uns ein Leben, das uns gehört, wenn wir es anderen schenken, weil Gott selbst und nicht wir selbst der Grund und das Ergebnis dieses Lebens ist.

Gerät dieses Wissen und dieser Glaube in Vergessenheit, steht nicht nur unser Leben auf dem Spiel, sondern unser Überleben als Menschen überhaupt.
Denn wer für sich selbst sein Leben aufsparen will gerät in die Isolation, in die rein selbstbezogene Existenz.
Diese wird scheitern, weil sie die Qualität und die Wärme des menschlichen Miteinanders verpasst.

Wie wichtig und lebensnotwendig menschliches Miteinander und menschliche Wärme sind erkenne wir erst dann, wenn wir an die Ränder unseres Lebens schauen: Den Beginn und das Ende menschlichen Lebens.
Dort, bei den Kindern und bei denen, die an das Ende ihres Lebens gekommen sind, entscheidet sich ganz extrem, ob wir für uns oder für andere da sind.

Die Passionsgeschichte in ihrem Ruf in die Nachfolge stellt uns nicht vor die falschen Alternativen des Verzichtes oder des Schwelgens, vielmehr überschreibt sie unsere Vorstellung von gelungenem Leben
mit „unseren mehr´s oder weniger´s“ zugunsten eines geretteten Lebens.

Ich bin gerettet, weil Gott in Jesus Christus beschlossen hat sein Leben zu verlieren, damit ich meins durch ihn retten lasse.

Ich muss mich nicht immer wieder in die Entscheidungssituation bringen, ob und wie ich das beste aus meinem Leben mache, oder gemacht habe.
Von diesem Zwang sind Christen gerade befreit.

Gerettes Leben liegt nicht in unsere Hand, sondern wird durch Gott an Gott vollzogen, damit wir gerettet werden.

So können wir dann auch wieder wählen, zwischen einem „weniger ist mehr“ oder einem „mehr ist mehr“ wohlwissend, das dadurch nicht unsere Rettung kommt.
Ob ich walke oder Marathon laufe, was ich esse, welches Auto ich fahre, ob ich Sekt oder Selters trinke ist dann nur noch eine Geschmacksfrage, aber nicht mehr eine, an der sich mein Leben entscheidet.

Über mein Leben ist entschieden und zwar zugunsten von Rettung. „Der Herr macht Gefangenen frei“, wie der Psalmbeter bekennt. Als von Lifestylfragen befreite können wir unser Leben von nun an führen; bereit unsere Leben vom anderen zu empfangen.