Autor: knuuut

Kirche im WDR

Verlorene Söhne

Seit einer viertel Stunde steht er in der Kälte. Vor dem Gefängnis. An seiner knallroten Skijacke ist ein Schildchen angesteckt. „Besucher“ ist darauf zu lesen. Für Walter ist heute ein besonderer Tag. Er will noch einmal an den Ort seiner Jugend – ins Gefängnis. Walter ist inzwischen 86 Jahre. Er steht aufgestützt auf zwei Walking-Stöcke an der Pforte. Ich bin Gefängnisseelsorger und hole ihn ab.
Zur Begrüßung strecke ich ihm die Hand entgegen und greife in einen dicken Fausthandschuh. Wir gehen los…

unverzeihlich zerbrochen
Kirche im WDR

Unverzeihlich!

„Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas passieren würde, nie. Anderen vielleicht, aber mir doch nicht! Und wenn es einem anderen passiert wäre, wüsste ich, was ich mit ihm gemacht hätte: Lang hätte ich ihn gemacht, der wäre nicht mehr auf die Füße gekommen. Da bin ich konsequent!“ Nun aber hat es ihn getroffen…

Kirche im WDR

Machen was ich will

Ich treffe ihn mitten im Wald – Reinhold – 66 Jahre alt. Es regnet in Strömen. Wir haben uns unter gestellt – in einer Schutzhütte. Reinhold sagt: „Ich mach jetzt nur noch, was ich wirklich will! Das ist zwar eine späte Erkenntnis, aber immerhin besser als gar keine. Man muss den Wald schon sehr mögen, um bei diesem Wetter unterwegs zu sein. In dem dem dunklen Unterstand riecht es nach Lehm und kalter Holzkohle. Früher bin ich oft am Wochenende in die Alpen gefahren, „zum klettern“, sagt er und deutet auf seinen Filzhut. Dort steckt eine Nadel vom Alpenverein. Seit 50 Jahren ist er bereits Mitglied. Oft ist er mit seinem Vater losgezogen – ein richtig wilder Hund. Von ihm habe er viel gelernt. Im Laufe der Zeit aber nicht alles beherzigt. Zu abgelenkt sei er gewesen, hätte nicht mehr unterscheiden können, was wichtig und unwichtig ist im Leben. „Dann ist einiges aus dem Ruder gelaufen“, sagt er…

Baby Hand
Kirche im WDR

Blau oder Rosa?

Die Einladungskarte habe ich in die Mitte unseres Adventskranzes gestellt. Ich finde dass passt. Meine Familie findet das unpassend. „Das ist so gar nicht adventlich“ sagen sie. Außerdem Brandgefahr usw. „Na gut!, sage ich, nehme die Karte mit ins Büro und stelle sie auf meinen Schreibtisch. „Herzliche Einladung zur Bestimmungsparty“ steht da auf der Vorderseite und auf der Rückseite ein Ultraschallbild von einem ungeborenen Baby, darunter steht „Blau oder Rosa?“…

Kirche im WDR

Wann reisst der Himmel auf?

Es ist immer noch sehr warm. Am Morgen. Dabei ist es erst viertel vor acht. Auf der Straße ist niemand zu sehen.Von der Bushaltestelle drüben kommt Musik. Das kleine Kofferradio liegt im Transportkorb eines blauen Rollators, auf den sich ein kleiner, älterer Herr stützt. Die Antenne des Radios berührt bei jedem Schritt seinen, kleinen Kugelbauch. Sein Strohhut ist so groß – er würde glatt noch einem zweiten Rollator Schatten spenden können. Jetzt hat er den Lautstärkeknopf bis zum Anschlag aufgedreht: „Infos, die ich brauche, Musik, die ich mag“ tönt es aus dem Lautsprecher.

Er lässt sich etwas unbeholfen auf die hölzerne Bank an der Haltestelle fallen. Dann beginnt sein Fuß im Rhythmus der Musik zu wippen…

Kirche im WDR

Keine Termine

Der Blick in den Terminkalender verheißt nichts Gutes. Die Ferien sind gerade vorbei, da geht alles wieder los. Die ganz normale Arbeit. Das Sich Abhetzen – von Termin zu Termin. Zum Einkaufen, zum Sport, der Grillabend, das Open-Air Kino, die Partei, die Kirche. Und plötzlich wird Opa auch noch 80!

Was früher ins gute alten DIN A5 Format gepasst hat, erscheint heute in schönen farbig abgesetzten Balken auf dem Bildschirm. Jedenfalls wenn man die digitale Variante wählt und das tun bekanntlich immer mehr Menschen.  Als kürzlich der Google Kalender down gewesen ist, haben  Sie da noch auf Ihre Termine zugreifen können? Im Netz  ist die Empörung natürlich groß gewesen. Empörung geht ja eigentlich immer. Hier und da hat es aber auch Erleichterung gegeben: „Hey, klasse“, schreibt da jemand, „ich habe keine Ahnung, wo ich in 30 Minuten sein soll, gehe jetzt Eis essen.“…

Kirche im WDR

Luft nach oben

„Mit Gott hab ich ja keine Probleme, aber sein Bodenpersonal, da ist viel Luft nach oben, sag ich mal.“ Solche Sätze, egal wo, egal in welchem Zusammenhang geäußert, finden immer viel Beifall.

OK, Kirchentage ausgenommen, obwohl da wird auch immer viel geklatscht. Wenn man dem Bodenpersonal mal so richtig eine klatschen kann, ist die Beißhemmung klein und die Freude groß. Um welches Personal es sich handelt, ist auch zweitrangig. Mindestens ebenso beliebt wie das Thema Kirche ist das Thema Deutsche Bahn oder sind deutsche Politiker im Allgemeinen. Jedenfalls solange diese ein Amt bekleiden und sei es auch nur das der Ortsausschuss Vorsitzenden. Alle inkompetent. An den kleinen Mann auf der Straße denkt ja keiner, darum darf er sich auch ausmalen, was er alles macht, wenn er König von Deutschland oder Papst oder am liebsten mal kurz Gott selbst spielen darf.

Wer meint, das alles sei diesen schnellen digitalen Zeiten geschuldet und besonders diesem ach so bösen Internet, der ist überrascht, wenn er in die Bibel schaut und entdeckt, was da von Gottes Bodenpersonal zu lesen ist…