Predigt

Gott ist, was er tut. Und er tut, was er ist. (Predigt 1.Joh.4)

Der Boulevard, braucht den Allgemeinplatz.

urbane Szene

foto: sxc.hu

Er braucht Themen, die jeder kennt, sei es vom Hörensagen oder aus eigenem Erleben –letztlich ist das gleichgültig. Der Boulevard giert förmlich nach Allgemeinplätzen, buhlt um Aufmerksamkeit und bekommt sie in der Regel auch. Denn es geht, wie jeder eigentlich weiß ums Geld verdienen. Und da machen bekanntlich alle gerne mit!

Für die Politik hingegen gilt: Nichts ist schlimmer, als wenn man sich auf Allgemeinplätzen tummelt!
Sei es nun die Gesundheits- oder die Steuerreform. Die Bildungs- oder Familienpolitik. Oder neuerdings wieder einmal die Einwanderungsdebatte. Wer einen Allgemeinplatz belegt kann gleich einpacken, wenn er ihn zu lange und zu intensiv beackert. Das überlässt man dann besser den Experten mit dem langen Atem.
Was dann wirklich interessiert ist dann doch wieder, ob die Kanzlerin ein bestimmtes Kleid zwei mal bei offiziellen Anlässen getragen hat, oder welche Tätowierung die Bundespräsidentengattin trägt.

Und die Kirche? Liegt sie eher am Boulevard, oder steht sie näher beim Allgemeinplatz? Wird sie gehört?
Wann und wo wird sie wahrgenommen?
Ihr geht es da eigentlich nicht anders als der Politik:
Die Kirche soll ihre ihr zugewiesene Rolle als Mahnerin und Gestalterin in der Gesellschaft ernst nehmen.
Sie soll Stellung beziehen im Kampf gegen Armut und Gewalt und soll Eintreten für Gerechtigkeit. (Obwohl: Das ist im Moment schon viel, diejenigen, die ihre Enkel vor Überfremdung schützen wollen, an die Nächstenliebe zu erinnern!)

Und: Die Kirche soll natürlich von Gott reden.

Trotzdem ist es natürlich ungleich interessanter, wenn es um Personen, deren menschliche Schwächen und vor allem deren Gesetzesübertretungen geht.
Hier hat eindeutig der Boulevard mit seiner Presse Vorrang.

Beim heutigen Predigttext dagegen scheint es auf den ersten Blick keine großen Überraschungen zu geben: „Liebe“ und „Gott“, das passt doch ganz gut zusammen, ist aber jetzt keine wirklich neue Nachricht, die einen vom Hocker reißt. Zunächst klingt es alles nach christlichen Allgemeinplätzen:
Mit „Nächstenliebe“ als Thema beginnt es: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben;“ heißt es zu beginn in Vers 7. Und wenn man nicht genau hinhört, bekommt man außer „Ihr Lieben“, „Liebe“, „lieben“, „geliebte“ nicht viel mit. Nicht weniger als fünfzehnmal ist in den sechs Versen unseres Abschnittes von der Liebe die Rede, in jedem Vers mindestens einmal.
Darf man daraus vielleicht schließen, dass es dem Autor des Johannesbriefes genau auf diese Vokabel ankam. Und ist es vielleicht sogar richtig, dass damit nicht etwa ein Allgemeinplatz beackert wurde, sondern eine unheimliche Neuerung?

Ja, so ist es!

Nur auf den ersten Blick ist es aber wirklich das Thema Nächstenliebe, dass hier betont werden soll.
Das wirklich Neue ist nun aber das, was uns heute so selbstverständlich erscheint: Das Liebe und Gott zusammengedacht und zusammen genannt werden wollen. Dass, ist das entscheident neue im christlichen Glauben: Das Gottes Wesen als Liebe bestimmt werden will.
Von Gottes Gegenwart sprechen auch die „Alten“ und „Weisen“. Von Gottes Gegewart, als „Liebe“, spricht das gesamte neue Testament. Es ist geradezu der Sinn aller neutestamentlichen Schriften diese „Liebes- Geschichte“ zu erzählen.
Und sie lässt sich nicht anders erzählen, als in dem Geschehen, das sich zwischen Gott und dem Schicksal Jesu eben „für uns“ ereignet.
Deswegen haben die Sonntage nach Trinitatis (Dreieinigkeitsfest) diese Geschichte zu erzählen.
Und zwar als eine Geschichte, die eine Beziehungsgeschichte ist:
Eine Beziehungs-Geschichte zwischen Gott-Vater, Gott-Sohn, und Gott-Heiligem Geist.
Nur das Erzählen dieser Geschichte, so wie der Autor des Johannesbriefes es hier tut, bewahrt davor Gott für „Irgendetwas“ zu halten.
Gott ist gerade nicht „Irgendetwas“, schon gar nicht irgend etwas Numinoses.
Sondern indem Gott in Jesus so handelt, wie er handelt, ist er wirklich erst erselbst.

Man könnte auch noch kürzer sagen: Gott ist seine Tat.
Er ist, was er tut, und er tut, was er ist.
Der Theologe sagt: „Gottes Sein ist ganz und gar die Tat der Liebe, Gott ist ein einziges liebendes Handeln.“

Martin Luther, hat in diesem Zusammenhang (zugegebener Maßen nicht ganz schlichter Gedanken) ein wunderbares Bild gebraucht:
In dem Zusammenhang, dass die Sätze „Gott ist“ und „Gott liebt“ gleichbedeutend sind hat er von Gott als einem „glühenden Backofen voller Liebe“ gesprochen.
Ein glühender Backofen voller Liebe! Da wird einem schon beim Hören warm.

Und genau darum geht es auch im Evangelium! Nicht um einen Allgemeinplatz, nicht um einen Zusatz, um nette Unterhaltung und Ablenkung.Sondern es geht darum, dass mich betrifft, was Gott betrifft!

Denn „in der Liebe teilen Gott und die Menschen dasselbe Geheimnis“ (E.Jüngel)

In einer Trauansprache sage ich oft folgenden Sätze:

„Zueinander für immer Ja sagen – das heißt- ja, ich habe Grund, dich dein Leben lang zu lieben.
Und dieser Grund ist nicht irgendetwas, auch nicht irgendetwas an dir, sondern das bist du selbst.
Man kann einen Menschen um seiner selbst willen lieben, ganz einfach dadurch, dass man bei ihm bleibt und gern bei ihm bleibt.

Auch von Gottes Verhältnis zu uns kann gar nicht besser geredet werden, als in der Sprache der Liebe und Treue.
Gibt es ein größeres Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen, als der erklärte Wille des Schöpfers, mit uns Zeit und Ewigkeit zu teilen?
Wir haben Grund zu der Hoffnung, dass Gott, der uns geschaffen hat uns nicht fallen lässt, sondern uns die Treue hält.
Es war Gottes Wunsch und Wille, nicht für sich alleine zu bleiben, sondern vielmehr mit uns zusammenzuleben als ein lebendiger Gott.

Ein größeres Zeichen der Liebe kann es für den Menschen in der Tat nicht geben. Tagtäglich aufs Neue -das ist das Geheimnis der Liebe.“ (nach E.Jüngel)

Das Geheimnis der Liebe ist das große Geheimnis Gottes.
Dieses gering zu achten bedeutet in der Regel auch sich selbst gering zu achten.

Nämlich als einen, der keinen Wert hat, der nicht geliebt wird, und deswegen auch keine Liebe für sich selbst und gegen andere aufzubringen im Stande ist.

Das hat dramatische Folgen: In einer Gesellschaft, in der sich viele Menschen ungeliebt fühlen, weil sie an dieser Gesellschaft nicht mehr teilhaben können, schwindet schleichend die Nächstenliebe.

-Schwindet Verständnis für die Situation des Anderen, schwindet Interesse an ihm als Person.

Und wenn das passiert schwindet auch unsere Interesse an Gott.

Ohne Ihn wissen wir nicht, was Liebe ist.

Ohne den Blick auf Gottes Liebe in Jesus Christus wird Liebe zur Ware, zur Dienstleistung schlimmstenfalls zu einem Machtmittel der Unterwerfung.

Dann aber wird Beziehung zerstört und wo Beziehung abgebrochen wird, ist die Liebe am Ende.
Wir sind als menschliches Geschöpf ohne den Schöpfer bald erschöpft.

Wie gut, ihr Lieben, dass es einen „glühenden Backofen“ gibt, der uns lieben lässt.
Unsere Geliebte/unseren Geliebten und auch die, die wir gar nicht liebenswert finden!