Allgemein

Es ist Advent!

Weltfussball

foto:sxc.hu

Zeit der Besinnung!
Sich auf das wirklich Wichtige im Leben einzustimmen.
Jahreszeitlich schwarz-rot-goldener Schmuck allenthalben. „Sanfte“ Klänge aus bisher unbekannten Gefilden. Alles andere hat seine Zeit, besonders die Politik kann bleiben wo der Pfeffer wächst. Deutschland ist bester Fußball-WM-Laune! Denn Jabulani torkelt bei unserer Mannschaft nicht! Gar nicht auszudenken, wo wir ohne die WM wären. Wahrscheinlich müssten wir ohne dieses gesellschaftliche Großereignis schon bald an die Wahlurnen und der Gedanke daran, könnte dem „Deutschland“-Bürger schon wieder die gute Laune verderben.

Auch die Kirchen wollen beim public-viewing nicht hinten anstehen (unabhängig, ob es dabei um Leichenschau geht oder nicht). Dabei bietet diese vierwöchige WM tatsächlich die Gelegenheit sich zurückzuziehen, nachzudenken und zur Besinnung zu kommen (vielleicht auch bei jabulani.org). Es ist eine der wenigen Möglichkeiten wirklich allein(e)r zu sein, nämlich dann, wenn man kein Fußballspiel guckt.
Wenn Deutschland spielt, steht vieles still, auch das Telefon. Zusätzliche planbare Ruhezeit wird einem geschenkt. Und wer am 23. Juni eine lange Autobahnfahrt antritt wird sich als gesegnet empfinden, weil der Verkehrsfunk keine Meldungen verbreitet.

Der momentane „Zusatz-Advent“ ist im übrigen reizvoller als der Dezember, lädt er doch zu Spaziergängen und Wanderungen an Orte ein, die sonst hoffnungslos touristisch überlaufen sind. Kein anderer hat das so schön beschrieben wie Peter Praschl im SZ- Magazin. Damit wünsche ich allen Lesern eine gesegnete Adventszeit:

Am Abend des 23. Juni spielt in Johannesburg Deutschland gegen Ghana, Boateng gegen Boateng. Aller Voraussicht nach wird es eine entscheidende Partie sein. Falls man es für entscheidend hält, was Fußballspieler machen. Falls nicht, umso besser. Abseits der Public- Viewing-Zonen werden die Städte leer sein. Keine Autos, keine Menschen, nirgends. Großartig.

Also hinaus auf die Straßen, die so verwaist sein werden wie sonst nur an einem Sonntagmorgen, ehe die Bäckereien aufmachen. Nicht auf die Reiseführer-Plätze, wo immer noch zu viele Touristen herumtapsen, nicht in die Szeneviertel, wo die Nonkonformisten leben, und nicht in die Immigrantenquartiere, deren Bewohnern Deutschlandspiele sonstwo vorbeigehen. Sondern dorthin, wo die Mitte der Gesellschaft wohnt. Familien, die nicht zum Public Viewing können, weil dort zu viele besoffene Schwachmaten unterwegs sind, Freundeskreise, die sich zum Match auf dem Balkon etwas grillen wollen, Angestellte, die am nächsten Morgen wieder früh raus- und deswegen gleich nach dem Schlusspfiff ins Bett müssen. Wenn wir Glück haben, wird es ein warmer Frühsommerabend sein. Die Fenster und Balkontüren werden offen stehen, und so wird man zwei Halbzeiten lang all die Menschen hören, zu denen man selbst nicht gehört: wie sie alle paar Minuten fluchen; und stöhnen; und seufzen; und vielleicht auch einmal jubeln.

Das ist hart. Denn man wird dabei ganz allein sein. Und wahrscheinlich wird es während dieser zwei Halbzeiten auch Augenblicke geben, in denen man sein Leben infrage stellt: Wie kommt es, dass man zu einem Menschen geworden ist, der weder Familie noch Freunde noch Grillrunden hat? Warum bloß hat man sich dieses alberne Distinktionsgewinnbedürfnis angeschafft, das einen immer wieder dazu treibt, bockig genau das Gegenteil dessen zu machen, was normale Menschen so tun? Wäre man nicht viel glücklicher, zu ihnen zu gehören, statt immerzu nur jemand zu bleiben, der sich selbst etwas beweisen muss – und anderen nichts beweisen kann, weil die sich gar nicht dafür interessieren?

Früher wurde man fürs Nichtmitmachen wenigstens noch wahrgenommen. Heute wird man nicht einmal mehr zur Kenntnis genommen. Kränkend irgendwie. Andererseits wird die eigene mentale Dissidenz sofort viel tapferer, wenn man sie im Verborgenen durchzieht. Man tut nur so, als wäre man jemand, der spazieren geht, während alle anderen vor dem Fernseher sitzen. Was sie alle nicht wissen, ist, dass man in Wahrheit jemand ist, der beim Fernsehen nicht mitmachen will! Muss man denn alles mitmachen? Na eben.

Die da drinnen an den Fernsehgeräten stellen sich jedenfalls nie existenzielle Fragen. Die wollen nur wissen, warum der Schiri so blind ist und Jogi so verbohrt war, Kurányi nicht mitzunehmen. Auch nichts, wovon man glücklich wird. Da hat man es mit seiner Entscheidung fürs Flanieren durch die menschenleere Stadt wahrscheinlich besser getroffen. Denn während man die Reaktionen auf das Spiel hört, das man selbst aus freien Stücken nicht sieht, stellt sich manchmal sogar ein unerwartetes Gefühl der Liebe zu den Menschen ein. Ist es nicht toll, wie idyllisch die Welt noch sein kann? Dass es noch echte Gemeinschaftserlebnisse gibt? Dass die Rasensprinkler noch zischen, die Bienen noch summen und in der Luft der Geruch von Bratwürsten steht?

Nach 120 Minuten (Spielzeit, Pausenlänge, die ersten Interviews vom Spielfeldrand) ist das alles wieder vorbei. Dann sind die Menschen wieder auf den Straßen, und alles ist wie immer. Deutschland ist nach zähem Kampf noch einmal davongekommen, das nächste Spiel wartet schon, ohne deutliche Leistungssteigerung wird das nichts, und so weiter und so weiter. Immerhin hat man sich zwei Stunden lang wie jemand gefühlt, der trotz seiner kritischen Vorbehalte die Menschheit ganz toll lieb haben kann. Aus der Entfernung geht das ja gut.