Kirche im WDR

Sündige tapfer!

Ich fahre auf der Autobahn, rechte Spur, knapp 100 km/h. Der Sportwagen, der mich gerade überholen will, verlangsamt sein Tempo. Die Fenster fahren runter. Etwas Stabartiges wird aus dem Fenster geschoben, ich erschrecke kurz, ist es eine Waffe? Dann erkenne ich die Action Cam auf einem Selfie Stick! Mein Auto und ich werden gefilmt.

Was war geschehen? Hatte ich mich regelwidrig verhalten? Ich war mir keiner Schuld bewusst Ähnliches ist mir auf der Reise übrigens noch mehrmals passiert: Kurzes Hupen, Winken, Lachen, Klick –ein Foto. Um es kurz zu machen, es liegt nicht an mir, sondern am Auto. Mein „Bulli“ ist bald 40 Jahre alt, im Straßenverkehr selten zu sehen, dafür aber in jeder zweiten Werbung. Der alte Bus weckt Erinnerungen, Sehnsüchte und ist mittlerweile ein Lifestyle Produkt.

Das war nicht immer so: Vor zwanzig Jahren, als ich ihn kaufte, erntete ich überwiegend Kopfschütteln. Kein Kat, ein Verbrauch zwischen 12 und 15 Litern Benzin, dazu noch Ölverbrauch und Ölverlust. In den Augen meiner Kolleginnen und Kollegen war ich ein Umweltverpester ersten Ranges. Inzwischen darf ich mit diesen Daten sogar in jede Umweltzone fahren, dank des Kennbuchstabens „H“ für historisches Fahrzeug.

Sicher ließen sich jetzt Argumente finden, gute und schlechte, warum es so ist, wie es ist. Nimmt man die aktuelle Debatte um Dieselfahrverbote, Umtauschprämien und Schadstoffausstoß hinzu, entsteht eine große Ratlosigkeit, wohin geht die Reise. Oft entsteht der Eindruck, wir könnten uns bewegen, ohne Emissionen zu verursachen. Klar geht das, wenn man läuft oder Fahrrad fährt. Beim E-Bike fängt es dann schon an, anders zu werden. Zero-Emission ist ein Märchen, an das wir nur zu gerne glauben. In Wahrheit werden wir uns nicht fortbewegen können –jedenfalls nicht über längere Strecken- ohne Schadstoffe freizusetzen. Dabei ist es natürlich keineswegs gleichgültig, für welche Art der Fortbewegung wir uns entscheiden. Es gibt ein klares „besser“ und „schlechter“, allerdings ist die Einzelentscheidung oft kompliziert.

Theologisch gesprochen könnte man sagen: Es gibt kein Entrinnen, wir werden uns so oder so die Hände schmutzig machen. „Sündigen“ nennt das die Bibel. Der große Reformator Martin Luther hat einem Kollegen, der sich immer schlecht entscheiden konnte einmal geraten: „Sündige tapfer!“ Das meint: Du musst dich entscheiden, und damit leben, wenn du möglicherweise scheiterst oder deine Ziele nicht erreichst.

Ich habe mich entschieden noch weitere Jahre mit dem Bulli zu fahren, allerdings nur in den Urlaub. Zur Arbeit fahre ich mit dem Fahrrad, auch wenn der Weg mit 46 km pro Tag doch recht lang ist. Im letzten Winter habe ich oft schon ein E-Bike herbeigesehnt. Ob mich aber damit jemand fotografieren will?

Vermutlich erst, wenn ich damit mit 100 km/h auf der rechten Spur einer Autobahn fahren darf.

Der Beitrag wurde verfasst für „Kirche im WDR“ und ist dort unter „Tapfer Sündigen“ am 13.10.2017 erschienen und kann auch hier nachgehört werden: