Alle Artikel in: Knast

Des Apfels Kern

Seit Monaten sitzt er in seiner Zelle. Wenn er sich auf sein Bett stellt, kann er durch einen Glasbaustein den Himmel sehen. An dem kleinen Tisch versucht er in Worte zu fassen, was ihn umtrieb, als er den Entschluss fasste abzudrücken. Es gelingt nicht, er gibt auf. Einmal in der Woche gibt es einen Apfel, ein Highlight, wie er sagt. Die Kerne wickelt er in Toilettenpapier, feuchtet es an und steckt es hinter die Heizung. Keimen sollen sie, so die Hoffnung. Nach einigen Wochen ist es soweit: Zwei Kerne haben gekeimt. Beim nächsten Hofgang ergattert er etwas Erde, füllt sie in den kleinen Joghurt Becher und hofft nicht entdeckt zu werden. Immerhin das gelingt. Er pflanzt die gekeimten Kerne ein, hegt und pflegt und hofft. Hofft, dass ein Pflänzchen entsteht, hofft, dass es ihm nicht genommen wird. Es glückt, auch mit dem Schreiben. Nun schreibt er über sich in der dritten Person. Die Blätter werden voll, das Pflänzchen wächst. Heute steht das Pflänzchen in einem Pfarrgarten. Es dürfte in den letzten 17 Jahren zu einem …

Jesaja 43,1 Worte, die verändern

Worte gibt es mehr als genug. Täglich begleiten sie uns. Dem Eindruck, dass sie immer mehr werden, können wir uns nicht entziehen. Oft jedoch laufen sie ins Leere oder wiederholen sich sogar. Worte, die verändern, die wären was. Die wären eine Kostbarkeit. Ein solches Wort findet sich in der Bibel, beim Propheten Jesaja: „So spricht Gott der Herr, der dich geschaffen hat und der dich gemacht hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Jesaja 43,1 Warum dieses Wort eine Kostbarkeit ist? Zunächst radiert es die Buchnummer aus. Bei Gott zählt nicht als wer/was ich geführt oder gebucht werde. Menschen als Nummern, das gibt es bei Gott nicht! Der Zugang und zu ihm geschieht einzig und allein aufgrund unseres Namens. Mit diesem Namen müssen wir uns aber nicht etwa bei ihm „anmelden“ und er fragt uns auch nicht nach unserem Passwort. Im Gegenteil: Die Kontaktaufnahme geht von ihm aus. Er ruft an. Er nennt dich bei deinem Namen und spricht dich als den an, …

Synodenbericht zur Gefängnisseelsorge

Seit einer viertel Stunde steht er in der prallen Sonne. Es ist über dreißig Grad an diesem Tag im August. An seinem karierten Hemd ist ein Schildchen angesteckt.: „Besucher“ ist darauf zu lesen. Für Walter* ist es ein besonderer Tag. Er will noch einmal an den Ort seiner Jugend. Walter ist inzwischen 86 Jahre alt geworden. Baseball Kappe auf dem Kopf, Bermuda und Sandalen. So steht er aufgestützt auf zwei Walking Stöcken auf dem Eingangsgelände der JVA. Er wolle sich das Gelände noch einmal ansehen, ob das möglich wäre, hatte er an der Pforte gefragt. Durch ein Missverständnis hatte man ihm Einlass gewährt. Für einen ehemaligen Beamten hatte man ihn gehalten und bei mir angefragt, ob ich mit ihm einen Rundgang über das Gelände machen könne. Ich strecke Walter zur Begrüßung die Hand entgegen und greife in einen Fahrradhandschuh. Wir gehen los. Er kennt die Wege besser als ich, der erst seit einem knappen Jahr in der Anstalt als Gefängnispfarrer arbeitet. Von 1945-1952 sei er hier gewesen erzählt er, während wir uns mit kleinen Schritten …

Betender Mann

Predigt zur Einführung im Knast

foto: sxc.hu Anlässlich einer Einführung in eine Gefängnispfarrstelle an einem Buß- und Bettag könnte einem in den Sinn kommen, dass zusammenkommt, was zusammengehört: Büßen und Beten! Knast trifft Kirche! Denn, dass das Büßen in der evangelischen Kirche ein Schattendasein führt, ist nicht erst seit der Abschaffung des Buß-und Bettages als gesetzlichem Feiertag wahrnehmbar. Dazu kommt, dass das Wort Buße im umgangssprachlichen Gebrauch lauter negative Assoziationen weckt: „Bußgeldbescheide“ sind die Strafen für Verkehrsvergehen. Wer in einer Haftanstalt seine Strafe „abbüßen“ muss, ist ein Mensch, dem die Freiheit der Lebensführung entzogen wird. „Etwas büßen müssen“ bedeutet auch sonst, die negativen Konsequenzen seines Tuns und Verhaltens ertragen müssen. „Buße“ hat es in all‘ diesen sprachlichen Wendungen immer mit einer Art Erleiden zu tun. Allerdings gilt auch, dass „Buße“ so etwas wie das erste Wort der Reformation ist: „Als unser Herr Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße‘, da meinte er, dass unser ganzes Leben eine Buße sein solle“. So lautet die erste der 95. Thesen, die Luther 1517 wenn auch nicht an die Kirchtür zu Wittenberg, so doch in großen …