Alle Artikel in: Allgemein

Aushalten statt Abschaffen

Sie haben Freude am Ausmisten? Beschäftigen Sie sich mit dem Protestantismus, denn der ist „semper“ dabei sich aufgeräumt zu präsentieren! Er hat viel Erfahrung mit Ballast, der unnütz geworden zu sein scheint: Bilder, Heilige, Papst, Tod und Teufel, Plastikverpackungen, Dieselfahrzeuge und Massentierhaltung –alles weg, selbst Kirchentage. Warum nicht auch die Predigt abschaffen? Es ist besser gar nicht zu predigen, als schlecht zu predigen, oder auch umgekehrt. Die alljährliche Diskussion um die Qualität der Weihnachtspredigt ist diesmal schon früh dran. Wer mag kann sich selbst auf Spurensuche begeben und unter #abkanzeln fündig werden oder im eulemagazin die Binnendebatte verfolgen. Erhellende Einsichten wird man dabei vor allem über den Level der Ambiguitätstoleranz innerhalb der evangelischen Kirche erhalten. Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten ertragen können ohne dabei handlungsunfähig zu werden, das könnte zu einem probaten Mittel gottesdienstlicher Gestaltung insgesamt werden. Denn was für die einen unerträgliches „Gebastel“ und „Wildwuchs“ ist, erheben andere gerade zum Programm. Dass Predigt und Gottesdienst eine Zumutung bleiben, ist in Zeiten in denen alles auf den Prüfstein muss, vielleicht sogar nützlich.   foto: https://unsplash.com/@stefyaich

Muss „Digitalität“ in Kirche ein Thema sein?

Der Journalist Hannes Leitlein hat  mit einem Artikel in C&W ein beachtliches Echo hervorgerufen, das unter #digitalekirche vor allem auf Twitter immer mal wieder anzutreffen ist, besonders wenn Interessierte und Versierte auf Tagungen oder Barcamps zusammen kommen. Neueinsteiger ins Thema sind oft irritiert, da die Bandbreite dessen, was dort diskutiert wird sehr groß ist. Manchmal geht es dort sehr technik-lastig zu: Jemand beschreibt, wie er einen eigenen Chatserver betreibt, um vom verhassten Whatsapp loszukommen und verweist gleichzeitig auf die von einer Landeskirche betriebene Kalender- und Terminanwendung, die sich hinter einem Portal verbirgt zu dem der Zugang nur mit einer bestimmten Mailadresse zugänglich ist. Es werden Empfehlungen zu 360° Kameras ausgetauscht, Anleitungen zum Bau von 3D-Druckern erstellt und Erfahrungen mit Live-Streaming Diensten geteilt. Auch sehr beliebt sind Tipps zum Umgang mit DSGVO, dem kirchlichen Datenschutzgesetz oder dem IT-Sicherheitsgesetz, denn auch die Bedingungen von „Online-Seelsorge“ wollen bedacht werden. Hin und wieder geht es auch im „Verkündigung“ in den sozialen Medien, überraschender Weise unter der Fragestellung, dass Kirche den Menschen auch dort das Evangelium „schuldig“ sei und die …

Gestern war ich beim Papst

Gestern war ich beim Papst. Erwin Lindemann aus Wuppertal war auch da. Er meinte, es wäre schön, wenn Franziskus wieder rote Schuhe anziehen würde. Die Kunden in der Herren-Boutique sähen es jedenfalls lieber so. Ich musste Erwin aufklären, dass wir nicht wegen der Stilfragen hier wären, sondern um der Theologie willen, also fast, eigentlich wegen der kirchlichen Einheit. Mit der Wiedervereinigung sei das so eine Sache, meinte der Papst, das könne man doch besonders bei uns in Deutschland sehen und, ob wir unser Gespräch nicht drüben mit Joseph Ratzinger weiterführen wollten. Erwin war sofort begeistert, doch ich konnte abwiegeln. So gingen wir erst einmal Milchreis essen. Wie es denn nun mit der evangelischen Kirche in Deutschland weiterginge, wollte der Papst wissen und streute sich noch etwas Zimt über den Reis. Das sei eine schwierige Frage, antwortete ich, denn die vielen Feierlichkeiten hätten Kraft gekostet und den Blick auf Neuorientierung verstellt. Deswegen gilt es auch immer zu lächeln. In Kameras sowieso. Und viele Worte müssen es sein, „Begeisterung“ muss es sein und „Leben“ und „Menschen“ meist …

Photo Credit: Maik Meid Flickr via Compfight cc

Gezerre am Zipfel des Talars

Der Pfarrer* isst anders. Nämlich viel, weil es bei jedem Anlass etwas gibt. Mit Leib und Seele ist er außerdem bei der Sache, denn er wird dotiert und nicht nach Arbeitsleistung bezahlt. Deswegen wird auch erwartet, dass er einstecken kann. Nicht das Stück Kuchen beim Geburtstagsbesuch —obwohl auch das schon vorgekommen sein soll— sondern vor allem Kritik. Das Schicksal teilt er freilich mit Politikern*, Lehrern*, Journalisten* und allen anderen, die in irgendeiner Art und Weise „öffentlich“ ihren Beruf (ein evangelisches Wort!) ausüben. Dagegen ist rein gar nichts einzuwenden bis auf die Tatsache, dass man eigentlich über das demokratische System, Schule, irgendwas-mit-Medien und eben Kirche redet. Der Stammtisch kennt allerdings keine Systeme, sondern nur Personen, über die man sich überaus trefflich unterhalten. Manchmal braucht eine Synode auch einen Stammtisch. Nicht erst am Abend, sondern gleich im Plenum. Das heißt dann „Impuls Referat“ und der Redner* darf kräftig vom Leder ziehen. Tut er auch meistens, wie kürzlich auf der EKD Synode. Warum sich allerdings unter dem Titel „Herausforderungen für eine reformbereite Kirche“ banale Ratschläge wie Empfehlungen zur …

Kurve geht nach unten

Ein Herz für Versager

Versager sein, mag niemand. Der Versager ist nämlich jemand, dem nicht nur hier und da etwas misslingt, sondern der immer wieder auf ganzer Linie scheitert und dem deswegen das Label des „Losers“ -entweder als Fremd- oder als Eigenbeschreibung- anhaftet. Von Versagen, Scheitern, Verlieren zu erzählen ist mit Scham besetzt, obwohl es sich um zutiefst menschliche Erfahrungen handelt. Weil sich Erfolgsgeschichten aber besser verkaufen lassen, gehört es dazu Momente des Versagens zu verschleiern.  Im zwischenmenschlichen Bereich ist die Ausrede ein wirkungsvolles Mittel der Verschleierung, das allerdings im beruflichen Kontext strikt zu vermeiden ist. Die berühmte „Lücke im Lebenslauf“ ist unter allen Umständen in Bewerbungsunterlagen zu unterlassen. So nimmt das Erzählen der Erfolgsgeschichten ihren Anfang. Biblische Geschichten dagegen machen ernst mit menschlichem Versagen und dennoch muss dieses oft erst mühsam freigelegt werden: Zachäus gilt als ein Vorbild im Glauben, weil er sich beharrlich nicht davon abbringen lässt zu Jesus durchdringen zu wollen. Dass es sich bei ihm um einen notorischen Betrüger gehandelt hat, ist immerhin noch nicht ganz vergessen. Jakob, der Stammvater Israels, ist auch ein Muttersöhnchen, …

Reformation in der Krise

„Selfies führen zur Vereinsamung“ ist im Memorandum zum Reformationsfest 2017 zu lesen. Herausgeber sind Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff. (Zum Text bitte auf folgenden Link klicken: Memorandum zum Reformationsfest 2017 ) Auch wenn in der Analyse vieles richtig beobachtet ist, der kirchliche Kardinalfehler zwischen „virtuell“ und „real“ findet auch im Memorandum seinen Niederschlag: „Das „Selfie“ mit dem iPhone steht für die zunehmende und alleinige Konzentration des Menschen auf sich selbst. Von Kindesbeinen an daran gewöhnt, führt das zu einer inneren Vereinsamung, lässt menschliche Beziehungen verkümmern und den realen Nächsten zugunsten des virtuellen aus den Augen verlieren.“ Schade eigentlich, denn gerade ein Blick auf die digitale Transformation könnte helfen zu zeigen, wo kirchliches Handeln verändert werden müsste um -Zitat- „die Erkenntnisse“ der Reformation „und die Bedingungen für Überzeugungskraft ins 21. Jahrhundert zu übertragen, um so Menschen zu stärken.“ Folgerichtig taucht Digitalisierung auch gar nicht unter den gesellschaftlichen“ Anknüpfungspunkten“ auf. Die Frage, wie es „in einer schnelllebigen Zeit und einer sich rasant verändernden Gesellschaft“ zu einer „Beheimatung und … Verwurzelung im Unverwechselbaren“ kommen soll, ohne dass auch digitale Beziehungen …

Kirchentage können weg.

Der Kulleraugen #dekt2017 sollte eine der letzten Veranstaltung dieser Art gewesen sein, er ist wenig zeitgemäß. Wären es nur singende U-Bahnen oder lustige Schals, hätte der Protestantismus kein ernsthaftes Problem. Der Bedeutungsverlust ist allerdings massiver als vielfach wahrgenommen. Dass die Veranstalter das anders sehen, zeigt wie groß der Graben zur Wahrnehmung der Gesellschaftlichen Realität geworden ist. Eine Bühne vor dem Reichstag, Merkel und Obama als Gäste des Kirchentages auf allen bedeutenden Titelblättern deutscher Tageszeitungen, das alles täuscht darüber hinweg, dass sich der Großteil der Bevölkerung für eine kirchliche Großveranstaltung ähnlich stark interessiert, wie für den sonntägliche Gottesdienst in der Kirche um die Ecke. Gut zu beobachten war das bei den sogenannten „Kirchentagen auf dem Weg“, die, man muss das leider so hart sagen, ein Flop waren. Das Format Kirchentag funktioniert nur noch, weil sich öffentliche Hand und Volkskirche in ihrer jeweiligen gegenseitigen Positionsbestimmung einig sind und der Kirchentag sich als „wir_sagen_euch_jetzt _mal _wo_der_Hammer _hängt_Institution“ gefällt. Wobei „Euch“ entweder Politik oder Kirche sein kann; wenn man es besonders deftig mag, auch mal beide zugleich. So etwas …