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„Digitale Kirche“ ein Missverständnis

Die Debatte um #digitalekirche ist beendet. Auch wenn der Hashtag sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Zur Erinnerung: Angefangen hatte es mit einem Printartikel, der viel Beachtung auch außerhalb (digitaler) sozialer Medien fand und darauf hin wiederum intensivere online Aufmerksamkeit erlangte. Nun hat Hannes Leitlein in einem Podcast deutlich gemacht, dass ihm die Debatte manchmal lästig ist. Vor allem, weil die diskutierten Aspekte in alle erdenklichen Richtungen laufen. Dabei war eigentlich etwas ganz banales gemeint: Der nächste Gottesdienst am Sonntag, der bekanntlich an jeder Ecke stattfindet, sollte möglichst schnell und benutzerfreundlich im Internet auffindbar sein. Soweit so schlicht! Und: Weitgehend ungelöst. Aber immerhin ist das Problem erkannt und Ausnahmen sind erfreulicher Weise auch zu finden. Schluss aber mit Debatten über Online-Abendmahl und „Digitale Theologie“ braucht kein Mensch! 

Natürlich lassen sich Diskussionen nicht unterbinden. Durch stetige Impulse verändert sich immer wieder die Richtung. Vielleicht ist es Zeit für ein Zwischenfazit. Im Moment tendiere ich zu folgendem: Digitale Kirche ist zu einer Symptom-Beschreibung geworden, dass wir nicht in Kontakt sind mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie beschreibt die Sehnsucht von Menschen das zu ändern. Und das äußerst unterschiedlich. So wir wir halt sind. 

Das lässt sich schwer in eine Kommunikationsstrategie packen, die von einer Stabstelle koordiniert wird, auch wenn die einzelnen Landeskirchen und besonders die EKD das gerne möchte. (Warum das so ist, kann man sehr trefflich beobachtet bei Hilmar Gattwinkel auf futur2.org nachlesen.) Die ständige Suche nach guten, gelungenen und erfolgreichen -also messbaren- Ergebnissen, die die jeweiligen Koordinatoren evaluieren wollen (müssen), ist nur dann sinnvoll, wenn diese auch unterstütz werden. Anders gesagt: Der „digitale Schulterblick“, den Kirchenleitungen hin und wieder einem ausgewählten Kreis interessierter Menschen gewähren, ist nur insofern interessant, als er Einblicke in die Arbeitsweise kirchlicher Gremien bietet. Denn diejenigen Akteure, die freiwillig und meist ohne besonderen kirchlichen Auftrag auf den verschiedenen Plattformen unterwegs sind, gewähren fortwährend einen „Schulterblick“. Und ernten dafür Schulterzucken oder sogar Gegenwind. 

Die älteren unter uns –„Internetpioniere“ wider Willen, die seit einiger Zeit ihre kirchliche Nische gefunden haben und die Diskussionen aus der Distanz verfolgen- reiben sich verwundert die Augen und fühlen sich zehn Jahre zurück versetzt: „Nicht alles geht in 280 Zeichen“, müssen wir aktuell wieder lesen (mehr nur für Abonnenten). Als wenn irgendjemand behauptet hätte, dass schon in 140 Zeichen „Alles“ gesagt worden wäre. Die Argumentation von Altbischof Huber hinkt der Zeit um mindestens zehn Jahre hinterher, als man noch erklären musste, ob pfarramtliche Zeit überhaupt für Tweets geopfert werden dürfte. Inzwischen darf Mann, sogar als Altbischof. Und man darf sogar die Erfahrung machen, dass die Welt voller Ambivalenzen ist, eben auch in moderner Kommunikation. Aber man muss schon eine besonders „idyllische Blase“ erwischt haben, wenn man zuerst steil behauptet die „Kirche sei ein Ort der Begegnung an dem Menschen sich nicht durch twittern aus dem Weg gehen“ und sich dann wundern, dass genau dieses aus-dem-Weg-gehen nicht stattfindet, sondern einen Dialog öffnet, dem man sich dann aber verschließt. Dem geneigten Zeitzeichen Leser* wird dies freilich verschlossen bleiben, während die Phantasie welche „Kübel des Spottes“ sich auf Twitter ergossen haben mögen, sicher an die Qualität reformatorischer Schmähschriften heranreichen dürfte.

Wenn es nicht so ernst wäre und um die verpasste Anschlußfähigkeit kirchlichen Handelns ginge, könnte man mit Tony Marshall singen: „Wir lassen uns das twittern nicht verbieten“ oder rheinisch-jahreszeitlich brüllen „Dat wor der Nubbel!“, aber das hilft nur begrenzt. Denn auch im nächsten Jahr wird sich die Frage nicht verdrängen lassen, ob wir wirklich über „physische Kopräsenz“ als Kennzeichen von Kirche debattieren sollten, oder doch nicht besser über „Virtualität und Pneumatologie“ (auf S.24 im PDF unter d.). Vielleicht ist das aber schon wieder ein Missverständnis von digitaler Kirche, die Theologenfalle.

Kronkorken

Vergibt Gott alles?

Er brauche eine ganz besondere Art von Vergebung meint Hartmut. Sein Blick geht stumpf gerade aus durch die Windschutzscheibe des Autos. Er sitzt auf dem Beifahrersitz, müsste eigentlich nur 50m zur Pforte des Krankenhauses gehen, aber er kann nicht. Zu oft ist er im letzten Jahr „eingefahren“ wie er es nennt. Als er endlich mit großer Mühe die Aufnahme erreicht hat, kann er auf die Frage, was er habe, gerade noch „Entgiftung“ sagen, dann verlässt ihn die Kraft. Zu schmerzlich die Erfahrung schon wieder versagt zu haben, zu niederschmetternd die Erkenntnis, dass die Droge größer ist als der Wille.

Als Hartmut nach einer Woche Aufenthalt in der Klinik wieder zu klaren Gedanken fähig ist, frage ich ihn, was er denn gemeint habe mit dem Satz, er brauche eine „besondere Vergebung“. Zunächst druckst er rum, gibt vor, sich nicht mehr richtig erinnern zu können. Aber das stimmt nicht, wir haben schon mehrmals über Vergebung gesprochen. Dabei ist rausgekommen, dass Hartmut sich selbst nicht vergeben kann. Dass was er getan hat hält er für so schlimm, dass es für ihn keine Entschuldigung, kein Verständnis geben kann. Und von Gott erwartet er keine Gnade, sondern ewige Verdammnis.

„Vergibt Gott wirklich alle Schuld?“ -fragt er zwei Wochen später am Telefon und ich merke, dass die Droge schon wieder gewonnen hatte. „Ja, sage ich, Gott vergibt alle Schuld, alles was wir Menschen uns selber und anderen nicht vergeben können. Das ist tatsächlich unglaublich. Aber Gott ist kein Mensch. Was bei Menschen unmöglich, dass ist möglich bei Gott.“

„Weißt du was?“ -entfährt es ihm. „Du bist ein Scheißseelsorger!“ „Mag sein“ — sage ich, „das denkst du nur von mir weil ich nicht sage, was du hören willst. Als Mensch kann ich dir die Freundschaft kündigen, Vertrauen entziehen, und sagen, dass es so nicht weiter geht. Aber von Gott kann ich dir nur sagen, dass er seine Hand nicht von dir nimmt, weil seine Gnade größer ist als deine Schuld.“

Schließlich will Hartmut beichten, das meinte er mit „besondere Vergebung“. Ob das am Telefon gehe und auch, obwohl ich evangelischer Pfarrer und er ausgetretener Katholik sei, will er wissen und ob das Gesagte unter uns bleiben würde. „Unter uns und vor Gott, der dir vergibt“ – sage ich, schlage die Bibel auf und lese aus dem 1.Johannesbrief (1,9): „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“

 

Dieser Beitrag war am 1.3.2019 bei Kirche in WDR2 zu hören und wegen Krankheit nicht von mir gesprochen.

 

Photo by Stefan Cosma on Unsplash

Karneval

Narrenkappe, Babymütze und Schlüsselgewalt

Wir wissen wie es heute ausgeht. Trotzdem sind viele live dabei um den Schaukampf um die Macht mitzuerleben. Oder schauen WDR Fernsehen, wo das Bonn-Beuler Rathaus zum Mittelpunkt karnevalistisch interessierter Öffentlichkeit wird. Wer die Schlüssel hat, hat die Macht. Das wissen nicht nur rheinische Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Aber sie sind bereit sich dem närrischen Gesetz zu beugen und dem Damenkomitee für einige Tage die Herrschaft zu überlassen. Die einen mögen die ironisch inszenierte Brechung der Rollen, die anderen suchen lieber das Weite. Sie finden Karneval ist allenfalls ein Fest für die Kinder. Auch gut, denn jeder Jeck ist bekanntlich anders.

Die Bibel beantwortet die Frage wer die Herrschaft hat übrigens eindeutig: Gott hat das Regiment, auch wenn es aussieht als würde er den Schlüssel vorübergehend anderen überlassen haben. Jesus hat in vielen Geschichten von der Gottesherrschaft gesprochen und bei denen, die mit ihm unterwegs waren die Frage provoziert, welchen Rang sie denn in dieser Geschichte einnehmen würden. Bürgermeister müsste mindestens drin sein, -meinten sie. Jesus antwortet aber überraschend: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht dabei sein“. (Mt. 18,3)

„Gebt den Kindern das Kommando, sie berechnen nicht was sie tun, Die Welt gehört in Kinderhände Dem Trübsinn ein Ende Wir werden in Grund und Boden gelacht Kinder an die Macht.“ – sang einst Herbert Grönemeyer. So´n Quatsch, Hebbert, könnte man natürlich einwenden. Hättest mal länger an einem Bochumer Sandkasten gesessen und zugeschaut, wie schnell die Förmchen fliegen und die Plastikschaufel auch kleine Köpfe treffen kann. Zur Zeit Jesu, dürfte es nicht anders zugegangen sein, wenn auch ohne Plastik!

Der Punkt ist aber ein anderer: Gottes Schlüsselgewalt setzt auf Schwachheit und Bedürftigkeit. Sie fordert Vertrauen in die Fähigkeiten anderer und den Abschied von der Vorstellung immer schon auf dem richtigen Weg zu sein. Das ist mehr als ein Plädoyer für generelle Schlichtheit oder Aufforderung zur Wiederentdeckung des Kinderglaubens. Es geht vielmehr darum „unten“ und „oben“ neu zu erleben. Einen anderen Blick einzuüben und zu fragen: Wer bin ich eigentlich in den Rollen und eingeübten Mustern des Alltages. Bin ich das, was andere von mir erwarten oder erwarte ich von mir eigentlich etwas anderes?

Hab ich verlernt zu vertrauen, weil zu viele Enttäuschungen Spuren hinterlassen haben? Die Möglichkeit einer Verständigung jenseits eigener Vorstellungen. Dieser Raum öffnet sich nur, wenn ich die Vorraussetzung akzeptiere, dass es ohne Vertrauen nicht geht. Wenn die Narrenkappe dabei hilft: sehr gut! Wenn sie in Form einer Babymütze daher kommt: Großartig!

 

Der Beitrag wurde am 28.2.2019 auf WDR2 gesendet und kann auch nachgehört werden:

(Ich habe keine Stimmband Operation machen lassen, sondern war beim Studio-Termin erkrankt.)

 

 

 

Aushalten statt Abschaffen

Sie haben Freude am Ausmisten? Beschäftigen Sie sich mit dem Protestantismus, denn der ist „semper“ dabei sich aufgeräumt zu präsentieren! Er hat viel Erfahrung mit Ballast, der unnütz geworden zu sein scheint: Bilder, Heilige, Papst, Tod und Teufel, Plastikverpackungen, Dieselfahrzeuge und Massentierhaltung –alles weg, selbst Kirchentage. Warum nicht auch die Predigt abschaffen? Es ist besser gar nicht zu predigen, als schlecht zu predigen, oder auch umgekehrt. Die alljährliche Diskussion um die Qualität der Weihnachtspredigt ist diesmal schon früh dran. Wer mag kann sich selbst auf Spurensuche begeben und unter #abkanzeln fündig werden oder im eulemagazin die Binnendebatte verfolgen. Erhellende Einsichten wird man dabei vor allem über den Level der Ambiguitätstoleranz innerhalb der evangelischen Kirche erhalten. Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten ertragen können ohne dabei handlungsunfähig zu werden, das könnte zu einem probaten Mittel gottesdienstlicher Gestaltung insgesamt werden. Denn was für die einen unerträgliches „Gebastel“ und „Wildwuchs“ ist, erheben andere gerade zum Programm. Dass Predigt und Gottesdienst eine Zumutung bleiben, ist in Zeiten in denen alles auf den Prüfstein muss, vielleicht sogar nützlich.

Wenn es doch nur etwas einfacher wäre sich gegenseitig auszuhalten! Dafür gibt es offensichtlich kein geeignetes Mittel. Der Journalist Armin Wolf hat diese Schwierigkeit sehr treffend beschrieben: „Demokratischer Diskurs ist kein safer space.“ Die Kluft zwischen seriösen Medien und einem Teil des Publikums, das sich darin nicht genügend repräsentiert, sei augenfällig. Wolf zieht zur Erklärung dieses Problems die Thesen David Goodharts heran, der die Konfliktlinie unserer Gesellschaft zwischen zwei Bevölkerungsgruppen verortet. Die eine Gruppe („Anywheres“) ist mobil, kosmopolitisch, urban und mit Uni-Abschluss unterwegs und legt viel Wert auf Autonomie. Die andere Gruppe („Somewheres“) ist an einem Ort verwurzelt, Sicherheit und Tradition gelten hier als besonders wichtig. Prototypisch seien in den Redaktionen der Medien „Anywheres“ anzutreffen, ein Großteil des Publikums bestehe allerdings aus „Somewheres“,so Wolf. Die Grundfrage sei, wie man es schaffe diesen Teil des Publikums nicht zu verlieren. Diese Frage sei eine relativ neue und habe vor allem mit dem Verlust der Deutungshoheit durch das Netz zu tun.

Vielleicht lässt sich ähnliches über das Gegenüber von Pfarrerinnen* und Gottesdienstgemeinde beobachten. Als Erklärung der unterschiedlichen Beantwortung der Frage nach Abschaffung der Predigt taugt die Beobachtung jedenfalls sicher.

Manch evangelischer Intellektuelle täte gut daran sich an den Beschreibungen Wolfs zu orientieren, statt in fast kindlicher Naivität ein Hohelied auf die vermeintlich guten analogen Zeiten zu singen. Kann immer mal wieder vorkommen, hat dann nur nichts mehr mit einem „Vordenker“ zu tun. Aber vielleicht ist so mancher Vordenker von gestern einfach auf dem Weg zu den „Somewheres“ von heute.

 

foto: https://unsplash.com/@stefyaich

Umkehr, Buß- und Bettag

Warum ist der heutige Tag im Kalender rot?

Das habe ich mich in der letzten Woche tatsächlich auch kurz gefragt. Das zeigt, wie wenig Feiertage ins Bewusstsein treten, wenn sie nicht arbeitsfrei sind und man sich weitgehend im nicht kirchlichen Kontext aufhält. Heute ist Buß- und Bettag ein evangelischer Feiertag, der seit 1994 kein gesetzlicher, sondern nur noch ein kirchlicher Feiertag ist. Abgeschafft wurde er zur Finanzierung der Pflegeversicherung, was allerdings überhaupt nicht geklappt hat. Schon im gleichen Jahr mussten die Beiträge erhöht werden. Wenn man der Besoldungsstelle richtig Arbeit machen will, kann man sich in einigen Bundesländern („zur Ausübung religiöser Pflichten“) von der Arbeit freistellen lassen, muss also keinen Urlaubstag nehmen, allerdings auf Lohn für diesen Tag verzichten. Es sei denn man wohnt in Sachsen dort ist der Feiertag noch gesetzlicher Feiertag. (*Keine Bemerkungen über Sachsen einfügen*)

Vor drei Jahren fand sogar erstmalig ein Gottesdienst an dem Ort statt, wo ich jetzt arbeite. Am Buß- und Bettag ein Gottesdienst in einem Gefängnis, das scheint vielen einsichtig, vielleicht sogar geboten. Allerdings hat das kirchliche Wort Buße nichts mit dem juristischen Begriff zu tun (z.B. „Bußgeld“). Besser wäre die Übersetzung „Umkehr“ oder wie wir heute sagen würden: „Chill deine Base“, „Komm mal runter“, „Mach dich locker“, um zu überlegen, was wirklich wichtig ist im Leben. Du kannst vieles anders machen, natürlich nicht alles. Aber nutze die Möglichkeit! Sei kein Idiot, davon gibt es schon genug auf der Welt.

Wer heute Abend in eine evangelische Kirche geht, wird davon etwas zu hören bekommen. Also so ähnlich. Oder auch anders. Wo „evangelisch“ draufsteht weiß man nie so genau. Und für wen das alles zu kompliziert klingt:

Bald ist schon der erste Advent. Auch eine Bußzeit. Da heißt das Motto dann: „Probier´s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit jagst du die Sorgen und den Alltag fort.“ Ich denke Balu der Bär war evangelisch. Also… fast.. oder so ähnlich.

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#zurückindiezukunft

Ein kleines Gemeindehaus in einem Vorort in Frankfurt. Menschen die sich seit einigen Jahren aus dem Internet kennen treffen sich. Das Thema nennt sich „Kirche und Web“. Praktische Erfahrungen zur Webseitengestaltung und Präsenz in den neuen sozialen Medien werden vorgestellt und diskutiert. Die Form ist neu: Die Teilnehmenden sind Barcamper. Wir schreiben das Jahr 2012. Wäre der Bericht „Kirche im digitalen Wandel“ den die EKD auf ihrer diesjährigen Synode vorgestellt hat, damals bejubelt worden? Vermutlich. Immerhin wäre es ein Anfang gewesen, ein Signal, dass die Fragen, die die Teilnehmenden umtreiben, dringlich sind. Auch wenn damals schon der ein oder die andere bei sich gedacht haben könnte: So richtig verstanden hat man in Hannover nicht wohin die Reise geht, oder man will es nicht, schließlich ist eine „bottom up“ Bewegung immer bedrohlich für Institutionen.Sechs Jahre später hat die EKD erkannt, dass die digitale Büchse der Pandora geöffnet ist und versucht verzweifelt sie zu verschließen oder mitzuspielen, je nachdem auf welcher der 62 Seiten man sich gerade befindet. Sie versucht das mit Mitteln der alten Welt. Das heißt „top down“ (trotz Schulterblick) bzw. auf evangelisch: synodal, präsidial, konsistorial. Die Älteren erinnern sich noch wie ,nach den Enthüllungen von Edward Snowden im Jahr 2013, die schöne neue Welt Kratzer bekam und sie sich fragten welche Daten produziere ich erst gar nicht. Es wäre wünschenswert gewesen, Edward Snowden wäre per Videobotschaft der EKD Synode zugeschaltet gewesen. Vielleicht hätte er gesagt: „Wer jetzt erst staunend neue Räume betritt wird morgen nicht gestalten können. Schaut lieber mit wem ihr Allianzen eingeht. Unternehmen die heute Alphabet heißen, nennen sich morgen vielleicht schon Alpha und Omega. Schließlich, one more thing: Auf Stabstellenkommunikation reagiert das Internet und der User allergisch. Abraham war on the road ganz ohne map. Was für ein Vertrauen habt ihr eigentlich?“

Photo by Wyron on https://unsplash.com/

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im https://eulemagazin.de/

Hier noch einige kleine Zitate aus der (schwer zu findenden) Vorlage zur EKD-Synode:

Zur Beteiligung am Prozess soll natürlich „eingeladen“ werden, Stellen aber an vorhandene Strukturen angebunden, Lenkungsgruppen eingerichtet werden. Digitalisierung soll wahlweise, „gestaltet“ (Grundlagentext kommt 2019) oder „bestaunt“ werden. Allerdings: „Eine 100% Digitalisierung darf niemals allen Gemeinden aufgedrückt werden“. „Vieles was digital ist, steht erst am Anfang.“ Daher: „Räume schaffen Berührungsängste abbauen Entwicklungen beschleunigen. Vernetzung ermöglichen.“ Und natürlich streng unterscheiden zwischen Sachmitteln und Sachausgaben.

Wenn die EKD in ihren Innovations- und Kreativlaboren -nach dem Besuch in einem Google Lab versteht sich- Mittel aus einem neu errichteten Innovationsfonds, nach Prüfung durch xyz vergeben sollte, müssen diese „klar quantifizierte Ziele haben, an relevanten Zielgruppen getestet worden sein und in Zieldimensionen evaluiert werden.“ Da mitunter allerdings das Basiswissen fehlt, sollte ein interaktives „Handbuch Digital“ entwickelt werden. Vorteil:man kann es auf ein Faxgerät legen. „Ausgewählte Pilotgemeinden verpflichten sich auf Standarts guter Digital-Praxis“ und die kirchlichen Medienhäuser (also die Leuchttürme der Öffentlichkeitsarbeit) sind „von Beginn an in die Implementierungsstrategie integriert“. Das ganze kostet 1,5-2,2 Mio EUR wobei die Synode „unbedingt berücksichtigen sollte, dass diese ersten Schritte eben nur erste Schritte sind und weitere folgen müssen“. Die Perspektive aber ist klar: „Will evangelische Kirche Kirche im digitalen Zeitalter sein, muss sie sich mit verstärkten Kräften und Mitteln in digitale Räume (sic!) bewegen.“ Das ganze unter der Überschrift „Perspektive“ von einem promovierten Oberkirchenrat, da kann man nur sagen: e-wie Erbarmen! Oder noch treffender mit Altbischof Huber: Das Leiden an der eigenen Kirche gehört zum protestantischen Prinzip.

Ein einordnender Blick auf die Geschichte der Digitalisierungsdebatte in der EKD gibt Andreas Mertin unter „https://theomag.de/117/am654.htm“>https://theomag.de/117/am654.htm

Herr A.

Nur ein leises Klopfen ist an der Bürotür zu hören. Auf „Herein!“ erfolgt keine Reaktion. Ich öffne die Tür und bitte Herrn A. (23) einzutreten. Zögerlich nimmt er Platz. Seinen Vater möchte er anrufen, seit 4 Jahren hat er ihn nicht gesehen und seit einem Jahr nicht mehr gesprochen, weil telefonieren in Haft nur eingeschränkt möglich ist, nach Afghanistan erst recht.  Um seinen Vater zu kontaktieren muss Herr A. allerdings erst seine Mutter anrufen, die in Kabul wohnt, von ihr erhält er die Telefonnummer seines älteren Bruders, der schon lange im Ausland lebt. Nur dieser Bruder weiß, wo der Vater wohnt, die Eltern haben schon lange keinen Kontakt mehr. Als der Bruder erfährt, dass Herr A. aus dem Gefängnis anruft, muss dieser einen längeren „Vortrag“ über sich ergehen lassen. Es geht offenbar um die Familienehre und auch um Geld, jedenfalls muss Herr A. sich nach dem Telefonat erst einmal zehn Minuten sammeln: Er sei nun nicht mehr sein Bruder, wurde ihm eröffnet. Die beiden sahen sich zuletzt als Herr A. 14 Jahre alt war. Schließlich kommt das Telefonat mit dem Vater tatsächlich zustande, es scheint harmonisch und liebevoll zu verlaufen. Plötzlich verändert sich etwas: Herr A. redet aufgeregt, wird laut, beschwörend und fängt bitterlich an zu weinen. Ich reiche ihm Taschentücher. Als das Gespräch beendet ist, ringt er immer noch um Fassung. Seine Cousine (12) ist bei einem Bombenanschlag in der Region Kundus auf dem Weg zur Schule getötet worden. Zunächst wollte der Vater das nicht erzählen, sagte, dass alles in Ordnung sei und dass kein Grund zur Sorge bestehe. Doch der kleine Bruder, der das Gespräch im Hintergrund mithörte, hielt es wohl nicht mehr aus, beschimpfte den Vater als Lügner und erzählte schließlich von dem Anschlag. Wir reden noch eine Stunde später über die Angst, den Terror und abgebrochenen Beziehungen. Über das begonnene Medizinstudium in Afghanistan und die Hoffnung es in Deutschland abschließen zu können, über seine Ehe und die beiden kleinen Kinder und wie es nach der Haft weiter gehen soll. Wir reden auch über die Rolle von Christentum und Islam als Religionen des Friedens, die sich dem Hass entgegen zu stellen haben. Am Sonntag nach dem Gespräch besucht Herr A. mit seiner Familie den Gottesdienst. Wir zünden eine Kerze für die verstorbene Cousine an. Afghanistan ist weit weg und doch sehr nah.

Foto: https://unsplash.com/photos/o7PxpvonuRQ