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Luther-Kondome: So geht’s auch nicht!

Freitags in der Kneipe. Mann trinkt Kölsch, Rheinland halt, nicht Düsseldorf. Ab Mitternacht fällt auf, dass der Pfarrer auch noch in der Runde sitz. Also Themenwechsel: Vom Kölsch, zu Kirche, von Kirche zu katholisch, von katholisch zu Kondom. Ein Grund, warum ich selten in die Kneipe gehe, denn leider ändert auch die Biersorte nichts am Gesprächsverlauf. Bald könnte das anders werden, denn die Evangelische Kirche im Rheinland (ekir.de) hat sich entschlossen Kondome aus dem Verkehr zu ziehen. Offenbar schmeckten die Luthergummis nicht jedem. Demnächst sitzen wir also beim Alt-Bier und diskutieren über Presbyterium, Präses und Präservative. Offenbar will die rheinische Kirche es so, denn gestern hat sie ein Video hoch geladen das nun auf YouTube steht. Einen Streisand-Effekt fürchtet sie offenbar nicht, es sei denn, sie wüsste nicht was das ist, oder aber der OKR (Oberkirchenrat) wollte es so, gegen besseres Wissen seiner Abteilung Kommunikation-Internet.

Doch zum Video selber: Es lohnt sich tatsächlich bis zu Ende zu schauen und den Ton einzuschalten, denn Untertitel fehlen. Als der OKR das Kondom nämlich von seiner Verpackung „befreit“ (sic!) fragt Mann sich, ob er es aufbläst und zum Platzen bringt, oder einfach nur die Verpackung aufißt. Schaut es euch also besser nicht im Bus oder im Lehrerzimmer, oder gar während einer Presbyteriumssitzung an. Für die, die gerade kein Video gucken können: Es geht um ein Merchandising-Produkt der evangelischen Jugend. Ein Produkt unter vielen im #r2017 Luther Socken, Das Luther Mem. Das Produkt der Jugend war nun aber ein Kondom, eigentlich nicht schlimm, denn Kondome sind in der evangelischen Kirche ja erlaubt. Ein spezielles nun allerdings nicht mehr, nämlich eins mit dem Aufdruck „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Die Webseite zur Aktion ist auch vom Netz genommen worden. Warum? Nun, so der OKR, der Lutherspruch auf dem Kondom, „klingt zwar witzig, ist es aber nicht“. Mimik und Tonfall könnte Cristiano Ronaldo nicht besser hinkriegen, denn jetzt wird es ernst, bitter erst sogar. Denn es gehe um sexualisierte Gewalt, die durch den Aufdruck legitimiert werden könne, weil Männer eben „nicht anders könnten“. Was, so fragt Mann sich, können Männer nicht anders? Ein Kondom benutzen, oder penetrieren? Letzteres offenbar: „Deshalb haben sich Mädchen und Frauen gegen die Aktion gewendet, zu Recht.“ Tja, vor solchen Argumenten guckt Mann als weißer Hetero mit Beamtengehalt verschämt zu Boden, wie Trump, als Merkel ihm die Hand schütteln will. Auf die Nachfrage, ob bei sexueller Gewalt wirklich Kondome ein Thema sind, verzichtet Mann besser: Widerspruch zwecklos, Einstellung der Aktion alternativlos. Wirklich? Die Frauen mit denen ich sprach hatten eine vollkommen andere Assoziation, nämlich „Safer-Sex“, also einvernehmlicher Sex „nicht anders“ als mit Kondom. Könnten die Initiatoren das sogar intendiert haben? Vermutlich, aber das zählt nicht, sondern es zählt offenbar nur, dass es missverstanden werden kann.
Es geht mir nicht darum die Aktion zu verteidigen. Den Socken-Bonbon-Kram finde ich ohnehin kindisch. Vom oft zitierten Satz, der aus dem historischen Kontext entfernt ohnehin fragwürdig ist, weil das Evangelium gerade die Umkehr vom „ich kann nicht anders“ fordert, ganz zu schweigen. Hoffentlich markiert diese Aktion mit Luthersprüchen auf Lümmeltüten den Höhepunkt und damit auch das Ende dieses Hype. Es geht um die Argumentation, die mir typisch zu sein scheint für kirchliche Kommunikation: In einer Kirchengemeinde beginnt eine Diskussion strittiger Themen oft mit „Ich habe einige Stimmen in der Gemeinde vernommen, die…“. In der Argumentation des OKR sind es nicht nur „einige“, sondern „Mädchen und Frauen“ also alle. Die Minderjährigkeit als Argument soll die Stichhaltigkeit zusätzlich untermauern. Wenn Mann jetzt antworten würde, „ich habe andere Stimmen gehört“, würde eine Diskussion in Gang gesetzt. Aber eine Diskussion ist offenbar unerwünscht. Sie wird verhindert, mit einem apodiktischen „was nicht geht!“. Also mit einem Basta-Machtwort eines OKR, der sich sichtlich darin gefällt „Sex“ zu sagen und noch mehr darüber, was geht, und was nicht. Dabei betont die Reformation -„gegen die die Kirche nix hat“ hahaha- ein Selber-Denken. Ein Denken, das anfällig ist für Missverständnisse und das trotzdem nicht aufgegeben werden kann zugunsten eines Lehramtes, das festlegt „was geht“ und was keinesfalls geht.
Besteht christlicher Glaube nicht sogar darin sich durch ein Dickicht von Missverständnissen „hindurch“ zu glauben? Immerhin ist das Kreuz ein höchst missverständliches Zeichen in dem ein Aufruf zu Gewalt und Todesstrafe gesehen werden kann, wenn die Codierung unbekannt ist. Die Video-Botschaft hätte darum auch lauten können: „Wer Kreuze um den Hals trägt, muss sich vor Kondomen mit Luthersprüchen nicht fürchten.“ (Mit derselben Argumentationslogik, mit der die Kondom-Aktion eingestellt wurde, könnten übrigens auch Kirchturm Abrisse begründet werden, schließlich stehen die auch -phallisch?- als Machtdemonstration rum. Die Welt ist voller Missverständnisse.)

Bleibt noch die Sache mit der „Einvernehmlichkeit“. Diese ist offenbar für kirchliches Verständnis hinreichend genug um Sex zu legitimieren. Während dem OKR „sexuelle Gewalt“ wie selbstverständlich über die Lippen kommt kein Wort darüber, dass Sexualität und Liebe und Treue etwas miteinander zu tun haben. Wenn Liebe das Kriterium wäre, ist verständlich, dass Gewalt in einer Beziehung, die davon geprägt ist, keinen Platz hat. Ob das der Kirche dann wohl zu bieder erschien? Dass Einvernehmlichkeit kein hinreichendes Kriterium für Legitimierung von Sex ist, zeigt ein Beispiel: Nehmen wir an, der/die Vorsitzende eines Presbyteriums würde die Sitzung statt mit einer biblischen Betrachtung, mit einer tantrischen Entspannungsübung beginnen in Folge derer sich einvernehmlich Bunga-Bunga-ähnliche Zustände ergeben würden. Sehr wahrscheinlich würde ein OKR trotz Einvernehmlichkeit disziplinarisch tätig werden müssen. Jetzt kann er immerhin sicher sein, dass keine Luther-Kondome mit im Spiel sind.

Ein schwacher Trost. Und eine überflüssige Diskussion.

Kirche kann nicht sterben lassen.

Im letzten Artikel ging es um die Angst der Ortsgemeinde vor Veränderung bzw. vor Bedeutungsverlust. Die folgenden Beobachtungen sind Variationen des Veränderungs-Themas: Nehmen wir einmal an eine junge Pfarrerin* nimmt ihren ganzen Mut zusammen, um das im Vikariat erlernte und erprobte in die Gemeindearbeit einzubringen. Nehmen wir weiter an, sie widmete ihre Aufmerksamkeit dem Gottesdienst: Neue Formen will sie entwickeln, ohne bewährte aufzugeben. Das Presbyterium ist begeistert, schließlich stand diese Formulierung schon in der Stellenausschreibung bei der Besetzung der Pfarrstelle. Ein Zusatz-Gottesdienst muss also her: Andere Uhrzeit, anderer Ort, weil das Kirchenzentrum (und alle Mitarbeitenden) ausgelastet sind. Wenn die junge Kollegin Glück hat sagt man ihr: „Machen Sie mal!“, oder es entspinnt sich eine Diskussion, ob dazu ein Beschluss gefasst werden muss. (Nur am Rande: Muss nicht!) Die Pfarrerin darf machen, geht in eine kleine katholische Kirche am Rande der Stadt, die oft leer steht aber sehr schön ist. Ihre Gottesdienstgestaltung kommt gut an, sie hat einige Menschen gefunden, die gemeinsam mit ihr den Gottesdienst vorbereiten, Konfession spielt eine untergeordnete Rolle, alle sind zufrieden. Der kirchenkundige Leser wird an dieser Stelle sofort merken, dass das Beispiel konstruiert ist, sich aber gleichwohl so zutragen könnte. Nach fünf Jahren verlässt die Pfarrerin die Gemeinde, die einen sind traurig, die anderen froh. Bei der Stellenausschreibung greift man wieder auf Bewährtes zurück: Der Nachfolger* (Mann, Frau, Ehepaar) soll wiederum Neues wagen und Bewährtes pflegen. Die Neubesetzung der Pfarrstelle dauert einige Monate, der ökumenische Vorbereitungskreis kommt in dieser Zeit auch ohne hauptamtliche Begleitung ganz gut über die Runden, nur als der Nachfolger da ist wird es schwierig. Einige ziehen sich schnell zurück, andere bleiben noch etwas, obwohl sie merken, dass der einst so beliebte Gottesdienst zu einer Pflichtveranstaltung mit immer weniger Akzeptanz geworden ist. Irgendwann ist es soweit: Der neue Kollege möchte den Gottesdienst „los“ werden, zwei Gründungsmitglieder des ökumenischen Vorbereitungskreises wollen das nicht, können mit eigenen Kräften aber auch nicht für eine Aufrechterhaltung sorgen. Das Presbyterium ringt sich nach langen Diskussionen dazu durch zukünftig auf diesen Gottesdienst zu verzichten. „Müssen wir das beschließen?“ „Keine Ahnung, mal im Kirchengesetz nachschauen.“ „Da steht nur ‚Bei einer Reduzierung der Anzahl der Gottesdienste ist eine Gemeindeversammlung einzuberufen‘.“ „Mmmhhpf“. Aus dem lockeren „Machen Sie mal!“ ist ein Vorgang geworden. Das Kirchenrecht könnte man zwar versuchen zu umgehen, sollte das aber besser nicht machen.
Nun könnte man sagen: Es ist doch schön, dass so unkompliziert Neues entstehen kann! Stimmt, auf den ersten Blick ist das erfreulich. Bei gleichzeitiger Betonung, dass Bewährtes zu pflegen ist, fällt aber auf, dass das Kirchenrecht bestrebt ist diese Pflege gesetzlich zu regeln ohne dabei zu berücksichtigen, welche Veränderungen sich im Laufe der Jahre in einer Gemeinde entwickelt haben. Es ließe sich durchaus behaupten: Große Teile der Kirchengesetze berücksichtigen die Kontexte gemeindlicher Entwicklung zu wenig. Das Gesetz macht keinen Unterschied, ob es sich um eine Gemeinde mit vielen Bezirken und Pfarrstellen handelt, es macht keinen Unterschied, ob an einem Sonntag in einer Gemeinde fünf Gottesdienste stattfinden oder nur ein Gottesdienst. Es macht sogar keinen Unterschied, ob Gottesdienste in eigenen Kirchengebäuden gefeiert werden, oder ob Gastrecht in Anspruch genommen wird und dabei ggfs. zusätzliche Kosten entstehen.
Weiterhin könnte man einwenden, was denn so schlimm an einer Gemeindeversammlung sei, schließlich sei das doch ein erprobtes basisdemokratisches Element. Ja, das ist es und es könnte sogar dazu beitragen Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Die Erfahrung lehrt jedoch etwas anderes, erst recht auf thematischen Gemeindeversammlungen. Es versammeln sich oft Sprecher*, die vor allem für die Belange der Bewahrung eigener Interessen einstehen. Im geschilderten Fallbeispiel ist es recht unwahrscheinlich, dass es eine Empfehlung für die Reduzierung eines Gottesdienstes geben könnte. Ist es falsch daraus zu folgern, dass kirchenrechtliche Vorschriften die Addition von Aufgaben fördert, weil sie die Aufgabe von „Bewährtem“ erschwert? Folgt daraus nicht, dass die Bereitschaft neue Gottesdienstformen zu etablieren von der Skepsis begleitet wird, dass die Deinstallations-Möglichkeit u.U. unwahrscheinlich sein könnte?
Vermutlich haben wir uns als Windows-Nutzer damit abgefunden, dass installieren einfacher ist als deinstallieren. In manchen Fällen hilft wohl tatsächlich nur der Umstieg auf ein anderes Betriebssystem. Falls ich mich noch einmal auf eine Gemeindepfarrstelle bewerben sollte, dann nur dort wo steht „Neues wagen“. Bewährtes fortführen geschieht in der Kirche nämlich von selbst.

Des Apfels Kern

Seit Monaten sitzt er in seiner Zelle. Wenn er sich auf sein Bett stellt, kann er durch einen Glasbaustein den Himmel sehen. An dem kleinen Tisch versucht er in Worte zu fassen, was ihn umtrieb, als er den Entschluss fasste abzudrücken. Es gelingt nicht, er gibt auf. Einmal in der Woche gibt es einen Apfel, ein Highlight, wie er sagt. Die Kerne wickelt er in Toilettenpapier, feuchtet es an und steckt es hinter die Heizung. Keimen sollen sie, so die Hoffnung. Nach einigen Wochen ist es soweit: Zwei Kerne haben gekeimt. Beim nächsten Hofgang ergattert er etwas Erde, füllt sie in den kleinen Joghurt Becher und hofft nicht entdeckt zu werden. Immerhin das gelingt. Er pflanzt die gekeimten Kerne ein, hegt und pflegt und hofft. Hofft, dass ein Pflänzchen entsteht, hofft, dass es ihm nicht genommen wird. Es glückt, auch mit dem Schreiben. Nun schreibt er über sich in der dritten Person. Die Blätter werden voll, das Pflänzchen wächst. Heute steht das Pflänzchen in einem Pfarrgarten. Es dürfte in den letzten 17 Jahren zu einem Baum gewachsen sein. Er will sehen, was aus ihm geworden ist, wenn er raus kommt. Und aus dem Baum. In zwei Jahren, vielleicht.

Bild: https://www.flickr.com/photos/84953892@N06/8603445375

Die Angst der rheinischen Parochie

Kaum fordert der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland (ekir.de) ergänzende Angebote zu parochialem Handeln, setzt reflexartig die Ermahnung ein nur ja die Ortskirchengemeinde nicht zu vergessen, wie „langweilig und durchschnittlich sie auch sein mag.“ (Zitat des Synodalen im unteren Tweet) Und das, obwohl Rekowski mehrfach in seinem Bericht betont, wie wichtig der Kontext vor Ort sei und wie wenig Notwendigkeit er von Seiten der Kirchenleitung in Düsseldorf sehe zentralistisch einzugreifen.
LS2017
Auch auf der Ebene darunter (Kreissynode) verhält es sich nicht anders. Aus Sicht der Ortskirchengemeinde ist alles verdächtig, was jenseits des eigenen Kirchturms institutionell etabliert werden soll. Angesichts des sich wiederholenden rheinischen Rituals kann sich schon die Frage stellen, ob die presbyteriale-synodale Ordnung unserer Kirche wirklich eine gute Ordnung ist. Präses Manfred Rekowski hat in seinem Bericht auf der Landesynode 2017 in Bad-Neuenahr von einer „ziemlich“ guten Ordnung gesprochen. Diese Ordnung sei deswegen „ziemlich gut“, weil wir uns „gemeinsam bewegen lassen und darauf vertrauen, dass Gottes Geist wirkt und so die Kirche und die Welt verändert.“
Auf dem Weg der Veränderung nennt der Präses einige Richtungsanzeigen für eine Weiterentwicklung der rheinischen Kirche, die ich begrüßenswert finde. Er schreibt/sagt: „Verkündigung ist die wichtigste kirchenleitende Aufgabe. Ich sehe bei vielen Menschen einen Wunsch und eine Suche nach Spiritualität, Stille, Gebet, Gesang, Musik und geistlicher Kommunikation, die so im traditionellen und agendarischen Gottesdienst häufig nicht immer gefunden wird. Hier ist mehr Vielfalt und Kontextualisierung nötig.“
Als ich vor zwanzig Jahren als junger Pfarrer mit meinen beiden Kollegen über neue Gottesdienstformen nachdachte und wir schließlich sogar ein gemeinsames (hört, hört!) Konzept (wichtig!) vorlegen konnten, waren die presbyterialen Widerstände dagegen durchaus beachtlich. Weil wir aber zu dritt waren und nur eine Predigtstätte zur Verfügung stand, waren alle besänftigt, als wir einen zusätzlichen (!) Gottesdienst am Abend vorschlugen. Immerhin gibt es diesen Gottesdienst auch nach zwanzig Jahren immer noch. Aber natürlich wird der „traditionelle, agendarische Gottesdienst“ weiterhin als vielfältig und vor allem kontextualisiert verstanden! Und wenn der Präses betont: „Jede Gemeinde muss eigene Lösungen für ihren jeweiligen Kontext finden“ kann das nicht nur zum Ansporn nach eigener Initiative führen, sondern auch zur Bestätigung, dass das eigne Handeln eben genau diesem Kontext entspreche und keiner Veränderung bedürfe. Isso!

Die Gemeinde in der ich wohne, hält es z.B. für geboten am Sonntag um zehn Uhr gleichzeitig zwei agendarische Gottesdienste im Umkreis von Luftlinie 200m anzubieten, auch wenn dafür zwei Ordinierte notwendig sind und die Gottesdienstgemeinde auch in einem Kirchenzentrum ausreichend Platz finden könnte. Gleichzeitig wird seit zehn Jahren über neue Gottesdienstformen diskutiert. Freilich immer unter der Prämisse möglichst wenig Veränderung an den gewohnten Gottesdienstorten und –zeiten zuzulassen.

Es mag sein, dass die presbyterial-synodale Ordnung eine ziemlich gute Kirchenverfassung ist. Sie ist aber eine, die Kontinuität fördert und auf Veränderungsnotwendigkeiten nur zögerlich zu reagieren im Stande ist.
Das gilt auch für das Selbstverständnis der kirchlichen Leitungsorgane. „Wir müssen realisieren, dass die Kirchenmitglieder schon lange über Nähe und Distanz zur Kirche sehr souverän selbst entscheiden und den Zugang wählen, der sie überzeugt“ –heisst es im Präsesbericht. Ein Presbyterium, das Schwierigkeiten damit hat seine Tagesordnung so zu gestalten, dass ein öffentlicher Teil der Sitzung möglich wird, hat vermutlich wenig Chancen noch ernst genommen zu werden. Wahr genommen wird es ohnehin nicht mehr.

Es kann nicht ernsthaft um mehr Wertschätzung der Parochie in der evangelischen Kirche im Rheinland gehen. Es ist vielmehr an der Zeit zu erkennen, dass die Parochialgemeinde organisatorisch und theologisch an ihre Grenzen kommt, wenn sie Richtungsanzeigen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten, die nur von außerhalb ihrer selbst kommen können, konsequent ignoriert.

Kirchliche Social Media in hektischen Zeiten

In einem früheren Beitrag hatte ich die kirchlichen Social Media Aktivitäten nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin kritisiert. Das ganze mündete in einer Art Predigt, was zu Missverständnissen führte. Darum hier noch einmal eine Zusammenstellung der Punkte, auf die es mir ankam:

-Der Zeitpunkt: Noch bevor klar war, was überhaupt passiert ist, wurde auf der Facebook-Seite der evangelischen Kirche im Rheinland ein Fürbitten Gebet veröffentlicht, das auch schon bei dem Anschlag in Nizza gepostet wurde, wenngleich mit dem Hinweis, dass noch nicht geklärt sei , was sich zugetragen habe. Der frühe Zeitpunkt wurde mit Blick auf die Stimmung in den sozialen Medien gerechtfertigt. Man habe das beobachtet, was trending topic gewesen sei und darauf entsprechend reagiert. „Wäre die Alternative gewesen zu schweigen?“ –fragt ralpe. Ich meine: „Ja“. Der Verweis auf die Klagepsalmen „der hebräischen Bibel“, in der Menschen die ihnen angetane Gewalt vor Gott bringen, ist ein ungeeignetes Beispiel. Denn der Klagepsalm ist gerade kein „ad hoc-Gebet“ in der aktuellen Notsituation, vielmehr weist sein Aufbau darauf hin, dass ein innerer (vor Gott reflektierender!) Vorgang den Beter* bewegt und zwar so, dass dieser von der individuellen Bedrückung zum universalen Lob führt. Der Klagepsalm bleibt nicht in der Anklage Gottes stecken, vielmehr betont er, dass in der Erfahrung der Ausweglosigkeit Gottes Anwesenheit Anlass zum Lob/Vertrauen/Glauben ist. Ein solches Gebet braucht Zeit und hätte diese auch bis zum Berliner Trauergottesdienst gehabt.

-Das Angebot: „Aber wenn der Hashtag „PrayforBerlin” ein „trending topic” ist, dann finde ich es nur angebracht, ein Gebet anzubieten, das Social-Media-Nutzerinnen und Nutzer sich aneignen können und Worte anzubieten,..“ –schreibt ralpe. Der Druck, den Social Media Redaktionen verspüren ist an dieser Äußerung gut zu beobachten. Aber wartet der User* wirklich auf diese Angebote? (Ich gebe zu, dass ich mit dem Begriff „Angebot“ Probleme habe, seit ein Professor mir im Kolloquium riet diese Vokabel aus meinem theologischen Wortschatz zu streichen.) Schaut man auf die Klickzahlen (1.027 bei einer Reichweite von 19.572; auf dem entsprechenden Facebookpost) ist die Antwort auf diese Frage scheinbar eindeutig: Ja, es gefällt. Dennoch ist zu fragen, wie sinnvoll oder geboten es erscheint sich an höchst flüchtigen trending topics zu orientieren. Hanno Terbuyken (@dailybug) von evangelisch.de schreibt in einer Facebook Gruppe zu Kirche und Social Media: „ Wenn ein ‚Live‘-würdiges Ereignis passiert, bedeutet das für jedes Medium, das Aktualität hat: In mindestens dieser Aktualität müssen wir auch darauf eingehen. Der Impuls, im Krisenfall langsamer zu werden, existiert nicht –und existiert auch nicht bei Lesern/Nutzern, egal wie oft Medienbeobachter mehr Ruhe einfordern. Die Feedbackschleife für Zurückhaltung und Langsamkeit ist negativ. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Medien müssen sich daher die Frage stellen: Wie kriegen wir die nötige Sorgfalt in dieser Geschwindigkeit hin? Denn an der Geschwindigkeit lässt sich nicht drehen.“ Ich fürchte Hanno hat recht, jedenfalls was den News-Bereich angeht. Wenn es um Lebensbegleitung allgemein und so etwas wie gottesdienstliche Begleitung im Besondern geht, ist vielleicht gerade nicht so zu agieren. In meiner pfarramtlichen Praxis der letzten 20 Jahre habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst bei Trauerfeiern der Trend zur möglichst schnellen „Abwicklung“ immer häufiger gewünscht wurde. Ist das schon eine Folge des geäußerten „#RIP_XY“ in sozialen Medien? Ein Gottesdienst dagegen verlangt nach Unterbrechung des Alltags. Ich würde soweit gehen zu sagen: Auch ein Gebet verlangt nach Unterbrechung des Alltags, es verlangt nach Klick-Verzicht, und Stream-Abstinenz um dann, wenn die Zeit gekommen ist, eine Kerze zu entzünden, die vielleicht sogar digital ist. Ruhelose Gottesdienste gibt es im Protestantismus ohnehin genug. Ist dies sogar die Ursache für deren Fortführung in den sozialen Medien? Der Vikar der Gedächtniskirche zeigte sich am Abend des Trauergottesdienstes jedenfalls überrascht, dass die Menschen vor allem ihre Ruhe in der Kirche haben wollten.

Schließlich noch ein Gedanke zu all jenen kirchlichen Posts, die ausschließlich mit einer Grafik und dem entsprechenden Hashtag hantierten: Muss Kirche das erledigen, was Schalke04 auch kann? Oder erledigt Schalke, was die Kirche soll? Fragen über Fragen in dieser digitalen Welt!

PrayForBerlin

https://www.facebook.com/S04/photos/a.454772039036.247441.8584479036/10154351487409037/?type=3&theater 11.005 Gefällt mir Klicks!

Micha 5,1-4 statt Hashtag-Keule

Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. Das kann –seit Martin Walser-nicht gut gehen. Zu verstrickt die Debatte, wenn es um ein „Wegschauen“ geht. Seitdem gilt: „Wegschauen“ ist nicht mehr. Stattdessen ereilt uns die Hashtag-Keule wie Salz in offener Wunde.

Die Stimmen, die eine „geistliche Rettungsgasse“ freihalten wollen sind selten. Wer als erster #prayforXXX brüllt, gilt als am Puls der Zeit. Ich möchte das nicht. Gaffern gleich wälzt sich die News-Desk-Redaktion durch den Stream. Flugs ein gepostetes Bildchen zur Anteilnahme und das Fürbittengebet aus der Cloud, schnell noch eine virtuelle Kerze auf einer Gedenkseite entzündet, fertig.

Der gekommen ist zu heilen, was zerbrochen ist, hat so keine Chance.

Der Krummes gerade macht und zu Ende bringt, was abgebrochen erscheint, hat keinen Platz.

Nachgedacht über den, der unscheinbar begann und unspektakulär beseitigt wurde, über den von dem dann behauptet, und erst recht geglaubt wurde, dass er es sei, der den Kreislauf der Bedeutungslosigkeit durchbrochen habe und damit etwas wahrhaft Neues begonnen hat? Kein Platz in der Herberge!

-Wie, so fragen Christen, soll man in einer Welt leben, die nie Pause hat -sich auch nie Pause gönnt), die sich auf Dominanz, Erfolg und Klickzahlen etwas einbildet und die zu spät kommenden gnadenlos bestraft?

-Wie, so fragen Christen soll man vertrauen finden können, wenn hinter jeder Ecke der vermeintliche Nutzen den letzten Ausschlag gibt und die Nutzlosen noch nicht mal mehr geduldet, sondern gar mit Füßen getreten werden.

-Wie, so fragen Christen, soll man in einer Welt leben, in denen diejenigen die Werte festlegen, die ausschließlich der von ihnen selbst definierten Norm entspringen?

Wie soll man in einer Welt leben, die es sich zum Ziel gemacht um jeden Preis gewinnen zu müssen, selbst wenn immer mehr offensichtlich wird, dass das nicht gut ausgehen kann.

Nichts ist gut! Nichts ist gut?
Und das an Weihnachten?

Ja, wenn wir die Bereiche unseres eigenen Lebens, des Lebens der Weltgemeinschaft, und des Lebens unseres Planeten ansehen, dann kann man das mit Sicherheit so bewerten. Und Generationen vor uns haben das aus ihrer Sicht und mit ihren Problemen ebenso bewertet.

Und genau diese Sicht braucht es auch um zu ermessen, welche Wucht hinter der Weihnachtbotschaft steckt, dass Jesus diesen Frieden nicht nur bringen will, sondern, dass mit ihm und in seiner Person Frieden bereits Wirklichkeit geworden ist.

Es ist nicht ein leises Friedenslüftchen, dass da unscheinbar und klein zwar begonnen, aus dem dann aber leider nichts geworden ist.

Nein mit der Geburt, mit dem zur Welt Kommen Gottes, setzt sich der Wille Gottes fort, der von Anbeginn der Welt an so auf die Welt geschaut hat, dass gesagt werden konnte: „Und siehe es war gut!“ Dies „siehe es war gut“ durchzieht die Geschichte Gottes mit den Menschen von den Vätern Israels bis zum beginnenden Königtum.
Aus dem dann der Sproß Isais als Frieden Gottes Wirklichkeit wird.

Ja, der Friede ist in Jesus Christus Wirklichkeit geworden.
Er ist wirklich geworden, auch wenn nicht alle Menschen diese Wirklichkeit zu erkennen in der Lage sind. Das ist nicht ihre Schuld. Das ist überhaupt nicht Schuld, das ist schlichtweg unerklärlich.

Und doch breitet sich diese Unerklärlichkeit weiter aus oder artikuliert sich vielleicht einfach nur lauter als in der Vergangenheit. Die Deutungshoheit und ein Monopol auf „Sinnhaftigkeit“ haben wir als Kirche schon seit längerem verloren. Aber in Notsituationen und Katastrophen (t)wittern wir Morgenluft.

Mit diesem Verhalten werden wir uns dem Spott und auch dem Verdacht aussetzen müssen, wir wollten über den wahren Zustand der Welt hinwegtrösten. Als Trost verkleidete Empörung hilft da gar nicht.

Christen täten gut daran von ihrer Gewissheit zu erzählen und die Zuversicht, die sich daraus ergibt, erlebbar zu machen. Sie wären aber schlecht beraten ihre Gewissheit als Hashtag in die Öffentlichkeit zu posaunen und sich selbst damit als (noch) relevant zu proklamieren.

Denn eins ist sicher: machtvoll und laut kommt die Weihnachtsbotschaft nicht daher.
Sie wirbt leise um Vertrauen. Gerade weil sich die Wahrheit des Glaubens im Lebensvollzug erweist und nicht einer lauten Proklamation bedarf, ist die Weihnachtbotschaft eine werbende. An Weihnachten wirbt Gott um unser Vertrauen.
Damit wir erkennen: das Friede schon ist! Und er wirbt darum, dass Friede um seinetwillen auch sein soll.

Er wirbt um unser Vertrauen angesichts einer friedlosen Welt.

Jesaja 43,1 Worte, die verändern

Worte gibt es mehr als genug. Täglich begleiten sie uns. Dem Eindruck, dass sie immer mehr werden, können wir uns nicht entziehen. Oft jedoch laufen sie ins Leere oder wiederholen sich sogar. Worte, die verändern, die wären was. Die wären eine Kostbarkeit.
Ein solches Wort findet sich in der Bibel, beim Propheten Jesaja:

„So spricht Gott der Herr,
der dich geschaffen hat
und der dich gemacht hat:
Fürchte dich nicht,
denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen;
du bist mein!“
Jesaja 43,1

Warum dieses Wort eine Kostbarkeit ist? Zunächst radiert es die Buchnummer aus. Bei Gott zählt nicht als wer/was ich geführt oder gebucht werde. Menschen als Nummern, das gibt es bei Gott nicht! Der Zugang und zu ihm geschieht einzig und allein aufgrund unseres Namens. Mit diesem Namen müssen wir uns aber nicht etwa bei ihm „anmelden“ und er fragt uns auch nicht nach unserem Passwort. Im Gegenteil: Die Kontaktaufnahme geht von ihm aus. Er ruft an. Er nennt dich bei deinem Namen und spricht dich als den an, der du vor ihm bist: Ein Mensch.
Genauer noch: Ein Mensch, den Gott von Anfang an wollte und dem er das Leben geschenkt hat: Sein Mensch. „Du gehörst zu mir”, sagt er, egal was andere über dich sagen. Egal, ob andere dich wollen oder mögen. So wie Gott mich ruft, ruft mich sonst niemand. Bei allen anderen schwingt immer schon mit, was sie von mir denken oder welche Erfahrungen sie mit mir gemacht haben. Bei Gott ist das anders. Vor ihm bin ich wie ein Kind: Einfach da, so wie ich bin, ohne großartige Fähigkeiten und Kenntnisse.

Das ist das Entscheidende an Gottes Wort: Ihm gelingt, wozu es bestimmt ist. Biblische Worte der Freiheit gibt es mehr als genug.