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Muss „Digitalität“ in Kirche ein Thema sein?

Der Journalist Hannes Leitlein hat  mit einem Artikel in C&W ein beachtliches Echo hervorgerufen, das unter #digitalekirche vor allem auf Twitter immer mal wieder anzutreffen ist, besonders wenn Interessierte und Versierte auf Tagungen oder Barcamps zusammen kommen.

Neueinsteiger ins Thema sind oft irritiert, da die Bandbreite dessen, was dort diskutiert wird sehr groß ist. Manchmal geht es dort sehr technik-lastig zu: Jemand beschreibt, wie er einen eigenen Chatserver betreibt, um vom verhassten Whatsapp loszukommen und verweist gleichzeitig auf die von einer Landeskirche betriebene Kalender- und Terminanwendung, die sich hinter einem Portal verbirgt zu dem der Zugang nur mit einer bestimmten Mailadresse zugänglich ist. Es werden Empfehlungen zu 360° Kameras ausgetauscht, Anleitungen zum Bau von 3D-Druckern erstellt und Erfahrungen mit Live-Streaming Diensten geteilt. Auch sehr beliebt sind Tipps zum Umgang mit DSGVO, dem kirchlichen Datenschutzgesetz oder dem IT-Sicherheitsgesetz, denn auch die Bedingungen von „Online-Seelsorge“ wollen bedacht werden. Hin und wieder geht es auch im „Verkündigung“ in den sozialen Medien, überraschender Weise unter der Fragestellung, dass Kirche den Menschen auch dort das Evangelium „schuldig“ sei und die „missionarische Gelegenheit“ nicht ungenutzt bleiben dürfe. Mit Hilfe von Targeting erscheint es sogar sehr verlockend den Menschen, die wenig kirchliche Bindung aufweisen ein passgenaues „Angebot“ zu machen.

Täuscht es, oder geht es bei #digitalekirche vorrangig um kirchliche PR/„Öffentlichkeitsarbeit“? Das allerdings wäre ein zu schmaler Fokus sowohl auf „Kirche“ wie auf „Digitalität“.

Vielleicht ist es hilfreich mit Felix Stalder (Kultur der Digitalität) einen Blick auf die Begriffe „Kultur“ und „Digitalität“ zu werfen. Stalders soziologische Perspektive auf „Kultur“ als „handlungsleitend“ und „gesellschaftsformend“ mag in diesem Zusammenhang auch die Sozialform von „Kirche“ beschreiben können. Er schreibt:

„Als Kultur werden … all jene Prozesse bezeichnet, in denen soziale Bedeutung, also die normative Dimension der Existenz, durch singuläre und kollektive Handlungen explizit oder implizit verhandelt und realisiert wird. Bedeutung manifestiert sich aber nicht nur in Zeichen und Symbolen, sondern die sie hervorbringenden und von ihr inspirierten Praktiken verdichten sich in Artefakten, Institutionen und Lebenswelten. … Durch Materialisierung und Wiederholung wird Bedeutung, als Anspruch wie als Realität, sichtbar, wirksam und verhandelbar. Menschen können sich unterstützend, ablehnend oder indifferent dazu verhalten. Erst dann, im Austausch in größeren oder kleineren Formationen, entsteht soziale -also von mehreren Personen geteilte- Bedeutung. Produktion und Rezeption sind dabei nicht linear, sondern in Schlaufen geordnet und wechselseitig aufeinander bezogen, soweit diese beiden Momente überhaupt sinnvoll unterschieden werden können. In diesen Prozessen legen die Beteiligten mehr oder minder verbindlich fest, wie sie zu sich selbst, zueinander und zur Welt stehen und an welchem Referenzrahmen sich ihr Handeln orientieren soll. Dementsprechend ist Kultur nicht etwas Statisches, etwas, das eine Person oder eine Gruppe besitzt, sondern ein Feld der Auseinandersetzungen, umstritten und durch die Handlungen vieler dauernd Veränderungen unterworfen, hier mal schneller, dort mal langsamer. Sie ist gekennzeichnet durch ein Neben-, Mit- und Gegeneinander von Prozessen der Auflösung und der Konstitution. Das Feld der Kultur ist von konkurrierenden Machtansprüchen und Machtdispositiven durchzogen. Dies führt zu Konflikten darüber, welche Referenzrahmen für welche Felder und für welche sozialen Gruppen zu gelten haben.  … Kultur … speist sich aus vielen Quellen, wird vorangetrieben von unterschiedlichsten Begehren, Wünschen und Zwängen, und sie mobilisiert die verschiedensten Ressourcen in der Konstituierung von Bedeutung. Die Betonung der Materialität der Kultur kommt auch im Begriff der Digitalität zum Ausdruck. … ‚Digitalität’ bezeichnet damit jenes Set von Relationen, das heute auf Basis der Infrastruktur digitaler Netzwerke in Produktion, Nutzung und Transformation materieller und immaterieller Güter sowie in der Konstitution und Koordination persönlichen und kollektiven Handelns realisiert wird. Damit soll weniger die Dominanz einer bestimmten Klasse technologischer Artefakte, etwa Computer, ins Zentrum gerückt werden, und noch viel weniger soll das ‚Digitale’ vom ‚Analogen’, das ‚Immaterielle’ vom ‚Materiellen’ abgegrenzt werden. Auch unter den Bedingungen der Digitalität verschwindet das Analoge nicht, sondern wird neu be- und teilweise sogar aufgewertet. Und das Immaterielle ist nie ohne Materialität, im Gegenteil, die flüchtigen Impulse digitaler Kommunikation beruhen auf globalen, durch und durch materiellen Infrastrukturen, die von den Minen tief unter der Erdoberfläche, in denen Metalle der Seltene Erden abgebaut werden, bis ins Weltall, wo Satelliten die Erde umkreisen, reichen. Diese sind in den Alltagserfahrungen jedoch kaum sichtbar und werden daher oft ignoriert, ohne dass sie deswegen verschwinden oder an Bedeutung verlieren. ‚Digitalität’ verweist also auf historisch neue Möglichkeiten der Konstitution und der Verknüpfung der unterschiedlichsten menschlichen und nichtmenschlichen Akteure. Der Begriff ist mithin nicht auf digitale Medien begrenzt, sondern taucht als relationales Muster überall auf und verändert den Raum der Möglichkeiten vieler Materialien und Akteure.“  (S.13ff)

Muss „Digitalisierung“ in Kirchengemeinden ein Thema sein?

Auch wenn es angesichts der Ausführungen Stalders schwer fällt, kann diese Frage nur mit einem Ja beantwortet werden, denn die konfessionelle Vielgestaltigkeit von Kirche ist gerade das Ergebnis von Konstitutions- und Auflösungsprozessen, die in kirchlicher Alltagsbeschäftigung nur zu gerne ausgeblendet werden.

Eine #digitalekirche hätte nun die Aufgabe jenseits eigener Verfasstheit und Lieblingsthematik („Rechtfertigung“, „Sakramentalität) die Möglichkeiten im Feld der theologischen und kultischen Auseinandersetzungen auszuloten, den Referenzrahmen zu beschreiben und ganz im Sinne von Gal. 2 par. Acta 15 den Weg der Transformation zu gehen. Ob es dazu einen eigenen hashtag braucht, ist ungewiß, aber #postdigitalekirche wäre hübsch.

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Gestern war ich beim Papst

Gestern war ich beim Papst. Erwin Lindemann aus Wuppertal war auch da. Er meinte, es wäre schön, wenn Franziskus wieder rote Schuhe anziehen würde. Die Kunden in der Herren-Boutique sähen es jedenfalls lieber so. Ich musste Erwin aufklären, dass wir nicht wegen der Stilfragen hier wären, sondern um der Theologie willen, also fast, eigentlich wegen der kirchlichen Einheit. Mit der Wiedervereinigung sei das so eine Sache, meinte der Papst, das könne man doch besonders bei uns in Deutschland sehen und, ob wir unser Gespräch nicht drüben mit Joseph Ratzinger weiterführen wollten. Erwin war sofort begeistert, doch ich konnte abwiegeln. So gingen wir erst einmal Milchreis essen.

Wie es denn nun mit der evangelischen Kirche in Deutschland weiterginge, wollte der Papst wissen und streute sich noch etwas Zimt über den Reis. Das sei eine schwierige Frage, antwortete ich, denn die vielen Feierlichkeiten hätten Kraft gekostet und den Blick auf Neuorientierung verstellt. Deswegen gilt es auch immer zu lächeln. In Kameras sowieso. Und viele Worte müssen es sein, „Begeisterung“ muss es sein und „Leben“ und „Menschen“ meist in Verbindung mit „Würde“. Dabei haben wir es uns bequem gemacht und die Kuscheldecke über die Beine gelegt. Sanft ist der Mut, dafür werden wir geschätzt, auch von denen, die gerne laute Worte machen. Ein verlässlicher Partner sind wir, aber eingebildet, denn der große Name sorgt für offene Türen und wir sitzen fest im Kreis, wo die Mächtigen sitzen. Das hat uns auch reich gemacht. Von diesem Reichtum möchten wir nicht lassen, denn es entsteht so viel Gutes durch die Hände unserer Arbeit. So leben wir Tag ein Tag aus im Bewusstsein von Systemrelevanz. Ohne uns geht es nun mal nicht in Sachen Gerechtigkeit und Orientierung. Doch wir täuschen uns: Es steht schlimmer um uns als wir denken. Wir sind müde und verspannt vom Marathon in den Sitzungszimmern. Wir sind ausgelaugt von langen Feiern und vom Jubilieren. Wir sehen nicht auf unsere Wunden sondern auf die Großtaten der Vergangenheit. Wir stolpern auf asphaltiertem Weg, weil wir verlernt haben auf unwegsamem Gelände unterwegs zu sein.

Ob er nicht eine gute Idee hätte, fragte ich den Papst, erntete aber nur sein berühmtes Lachen. Da mischte sich Erwin ein und meinte, man könnte doch die Boutique in Elberfeld ökumenisch betreiben. Er würde das Schaufenster ausräumen, damit Platz für den Segensroboter aus der Weltausstellung sei, ansonsten solle der Rest erst einmal leer bleiben. Vielleicht sei es gut bei der vielen Lehre der Kirche mit Leere zu beginnen. Und mit Stille, Gebet, Stullen und Kaffee, vielleicht sogar mit Milchreis. Auf dem Holzboden in der Mitte des Raumes sollte LK 15,1-6 eingebrannt werden. Wir sitzen im Kreis drum herum. Hören die Worte der Schrift und auf das was sie jedem einzelnen sagt. Wir sind überrascht, dass es so viele unterschiedliche Zugänge gibt und ebenso viele Erkenntnisse, was nun zu tun sei. Aber wir sind uns einig, dass etwas getan werden muss. Die alten Sprachmustergräben verlieren ihre Bedeutung. Proprium und Ordinarium überlassen wir getrost Forschungszwecken. Es darf gegessen und gelacht werden, geweint und geklagt sowieso. Schließlich schreiben wir die Dinge auf, die uns wütend machen. Darin sind wir nicht geübt. Meist sind wir ja dankbar und achtsam und korrekt. Und peinlich träge. Wir haben Angst andere vor den Kopf zu stoßen.

Ich war überrascht von Erwins Vorschlägen und fragte, ob er Lust hätte, vielleicht nicht direkt Papst, aber Superintendent, Oberkirchenrat, Präses oder Bischof wären auch nicht schlecht. Aber Erwin wiegelte ab. Er hätte ja noch seine Herren-Boutique in Elberfeld, dort könnten wir gerne zu Gast sein, wenn nötig für die nächsten 500 Jahre.

 

Photo by Nacho Arteaga on Unsplash

Abschied

Es sei ihr wichtig, ihrem Mann noch einmal zu sagen, dass er die Liebe ihres Lebens ist. Außerdem wolle sie in die Kirche aufgenommen werden.“ In welcher Reihenfolge machen wir das denn“, fragt sie und lacht. „Sowas kommt bestimmt nicht oft vor, oder? Naja, passt irgendwie zu mir: Erst Taufe von wegen Aufnahme in die Kirche und dann Trauung beides innerhalb einer Stunde. Spontan kann ich ganz gut“; Dabei wirft sie einen verliebten Blick zu ihrem Mann.

Die Zahl der Hochzeitsgäste war überschaubar, alle hatten Platz an der großen Tafel. Die Speisekarte versprach ein üppiges Menü. Nur wenige wussten, dass diese Hochzeit das letzte große Familienfest mit ihr sein würde. Am Nachmittag hatte das Brautpaar noch in der Kirche gesessen, dabei waren die beiden schon seit 40 Jahren ein Paar. Doch kirchlich heiraten wollten sie damals nicht. „Ich hatte damals einfach kein Bedürfnis danach“, sagt sie. „Ich war nicht in der Kirche und hätte das auch komisch gefunden, auf einmal zu sagen, das gehört noch dazu.“ –

Zwei Monate später sitzt sie mir im Krankenbett gegenüber. „Ich bin auch ganz überrascht“, sagt sie, „dass ich noch da bin, da haben sich die Ärzte wohl etwas verschätzt. Angst vor dem Tod habe ich nicht; ich find`s nur blöd zu wissen, dass die Wand dieses Zimmers hier das Letzte ist, was ich sehen werde. Das mit den Schmerzen, wird die Medizin schon hinkriegen, da bin ich mir ziemlich sicher. Und den Rest erledigen Sie mit der Gitarre, wie bei meiner Taufe.“

Einige Wochen später als die Gitarre im verdunkelten Zimmer erklingt, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Ich spiele ein Lied aus dem Tauf- und Hochzeitsgottesdienst: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht, es hat Hoffnung und Zukunft gebracht. Es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.“

Das Sprechen fällt ihr schwer. Es ist auch fast alles gesagt. Dann doch noch der eine Satz: „Loslassen“, sagt sie. „Das ging alleine nicht. Aber mit ihm da oben schon.“

Dieser Beitrag war am 25.2.2018 in WDR 2 zu hören.

Photo by Jefferson Santos on Unsplash

Labrasudel

Sinn für das Wichtige

Bei der morgendlichen Runde mit dem Hund gibt es stets etwas Neues zu entdecken: Was alles wächst und sprießt oder einfach auch nur die neue Schlammpfütze, die gestern noch nicht da war. In so einer Pfütze lag gestern „Benno“ der schwarze Labrador von nebenan. Der Besitzer und meinte nur: „Mal sehen, ob er das übersteht.“ „Der Hund?“ – fragte ich überrascht, eigentlich gehört ein Labrador von Natur aus in ein Schlammloch.

„Nein, nicht der Hund, der neue GPS-Fitnesstracker!“
Benno hat also tatsächlich ein Gerät um den Hals, das nicht nur Standort und Wegstrecke aufzeichnet, sondern auch noch seine verbrauchten Kalorien und die gesamten Vitalfunktionen. Nette Spielerei, denke ich, aber aus Benno soll doch kein Triathlet werden, allein schon mit dem Radfahren wird das nix… Wozu also das Ganze?

Reicht es nicht mehr, den gemeinsamen Spaziergang zu genießen? Die Sonne, den Wind, den Regen? Sich zu freuen, wie das Tier springt über Gräben und Zäune und im Matsch landet?
Nachdem das „Herrchen“ selbst mit Hilfe von allerlei Ratgebern und digitalen Helfern durch-optimiert ist, scheint nun das Haustier an der Reihe. Vielleicht sogar eine logische Konsequenz. Der Zwang „mehr“ aus sich und allem, was man besitzt, zu machen, ist unaufhaltsam.

Aber: Tut das gut? Immer neue Ziele? Was ist der Zweck? Besser zu sein? Oder: Der Wunsch alles zu dokumentieren? Die Kontrolle über mein Leben zu behalten, das mir sonst aus den Fingern zu gleiten droht?

„Schaut auf die Vögel des Himmels“ –sagt Jesus einmal: „Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen – und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Offenbar gefällt Gott zweckfreies Dasein, weil daran am besten deutlich wird, wem wir alles verdanken: Das Wachsen und Blühen, Benno und die Schlammpfütze, Sonne auf der Haut und Regen im Gesicht. Mit dieser Haltung gibt es immer etwas Neues zu entdecken.

„Glauben“ nennt Jesus diesen Sinn für das, was wichtig ist. Manchmal reicht dazu ein morgendlicher Hundespaziergang. Manchmal braucht es aber Menschen, die gemeinsam fragen: Was tut gut? Was ist das Ziel? Wie bekomme ich Halt in meinem Leben, unter meinen Füßen? Wer keine Hemmungen hat, die Tür einer Kirche zu öffnen, trifft dort Menschen, die sich auch diese Fragen stellen. Und davon überzeugt sind, dass es zweckfrei, aber nicht sinnlos ist, Neues bei Gott zu entdecken.

Dieser Beitrag war am 11.02.2018 in WDR 2 zu hören.

Photo Credit: Maik Meid Flickr via Compfight cc

Gezerre am Zipfel des Talars

Der Pfarrer* isst anders. Nämlich viel, weil es bei jedem Anlass etwas gibt. Mit Leib und Seele ist er außerdem bei der Sache, denn er wird dotiert und nicht nach Arbeitsleistung bezahlt. Deswegen wird auch erwartet, dass er einstecken kann. Nicht das Stück Kuchen beim Geburtstagsbesuch —obwohl auch das schon vorgekommen sein soll— sondern vor allem Kritik. Das Schicksal teilt er freilich mit Politikern*, Lehrern*, Journalisten* und allen anderen, die in irgendeiner Art und Weise „öffentlich“ ihren Beruf (ein evangelisches Wort!) ausüben. Dagegen ist rein gar nichts einzuwenden bis auf die Tatsache, dass man eigentlich über das demokratische System, Schule, irgendwas-mit-Medien und eben Kirche redet. Der Stammtisch kennt allerdings keine Systeme, sondern nur Personen, über die man sich überaus trefflich unterhalten.

Manchmal braucht eine Synode auch einen Stammtisch. Nicht erst am Abend, sondern gleich im Plenum. Das heißt dann „Impuls Referat“ und der Redner* darf kräftig vom Leder ziehen. Tut er auch meistens, wie kürzlich auf der EKD Synode.

Warum sich allerdings unter dem Titel „Herausforderungen für eine reformbereite Kirche“ banale Ratschläge wie Empfehlungen zur Minutenzahl der Gottesdienstdauer finden, bleibt ebenso rätselhaft wie die Forderung die Pfarrer* mögen doch bitte loyaler gegenüber ihrer Kirchenleitung sein. Noch rätselhafter bleibt allerdings, warum der Soziologe nur eine kirchliche Ebene im Blick hat. Auch im zweiten Impulsvortrag bleibt noch etwas von diesem Reflex übrig. Zum Glück nur am Rande, aber ohne Pfarrer*-Schelte geht es offenbar nicht: In Radioandachten sage das göttliche Bodenpersonal nach dem obligatorischen lebensweltlichen Einstieg nur noch das, was es immer schon mal sagen wolle. Und ein junger Kölner Pfarrer, der neue Gemeinde- und Gottesdienstformen erproben will, mache sich Gedanken über Milchschaum statt Kondensmilch und nähme damit dem Evangelium seinen harten Kern, ist da zu lesen. Nicht auszudenken dieser junge Mann wäre auch noch tätowiert! Schließlich ist die Kirche für alle da und nicht nur für einige wenige Hipster.

Warum ich als Radiohörer* und Zeitungsleser* selbstverständlich die Wahl zwischen verschiedenen Geschmacksrichtungen haben darf und wählen kann, im kirchlichen Kontext dagegen Einfältigkeit Einzug halten soll, bleibt offen. Vielleicht, weil „die Kirche“ für „alles“ zuständig ist? Also für das Große-Ganze, Gott, das Existenzielle, Ewigkeit, Gegenwart, Zukunft, Abgründiges, Tiefgründiges, Unverständliches?

Muss aber „die Kirche“ an solch einem Anspruch nicht scheitern? Erst recht, wenn die Zuständigkeit zwischen den einzelnen kirchlichen Ebenen hin und her gereicht wird? Verhängnisvoll, dass die Beantwortung dieser Fragen innerkirchlich höchst unterschiedlich ausfällt. In anderen Kontexten ist das unproblematischer: Die Zweitmeinung eines Arztes ist geschätzt, die Drittmeinung eines Kirchenmenschen aber eine Katastrophe. „Liefern“ soll die Kirche, vor allem Sinn und Botschaft. Tut sie das nicht oder nur unzureichend, steht Ihre Existenz in Frage. Zumindest für die Beobachter. Die Akteure dagegen versuchen mit noch mehr Aktivität den Beobachtern genügen zu wollen.

Leider lässt sich die evangelische Kirche gerne vor die Alternative stellen „Lieferheld“ oder „Lieferando“ zu spielen. Ist der Ball einmal angenommen, muss man Leuchtturmprojekte liefern, die mit der Zeit zu Schlaglichtern verkommen, die ihrerseits Schatten auf stillgelegte Kirchtürme werfen. Was also tun? Falsche Frage! Es geht noch nicht einmal um ein Lassen, obwohl selbst das schon viel wäre.

Es geht um Hoffen. Hoffen, dass die Einsicht wächst, dass es Orte der Zwecklosigkeit braucht. „Zwecklos aber nicht überflüssig“, das wäre ein überaus treffendes Motto für eine christliche Kirche aufgedruckt auf Fidget-Spinner im Jahre 501 nach der Reformation. Wem die darin versteckt Relational-Ontologische Debatte eher fremd ist, kann das Werbegeschenk so lange in Kondensmilch halten bis daraus Milchschaum geworden ist. Das sieht dann besser aus, schmeckt aber trotzdem nicht allen.

„Eher fragen und zuhören als antworten, predigen oder gar belehren. Uns hinwenden und suchen, was verloren gegangen ist.“ Für diesen Satz hat Kirsten Fehrs, Bischöfin in der Nordkirche, viel Kritik erfahren, auch von der predigenden Zunft. Ist die Einsicht verloren gegangen, dass Gnade nicht nach Nützlichkeit fragt? Auch nicht nach der Nützlichkeit von Kirche. In Zeiten in denen alles und jeder performen und an sich glauben muss, in der jeder* das tun muss, was getan werden muss, fehlt es an Orten an denen man bedingungslos da sein darf. Hinwenden, suchen und entdecken, dass Gott Freude am Finden des Verlorenen hat, ist darum schon viel. Der Groschen bleibt in der Geldbörse, das Schaf bei der Herde –einfach so. Nicht der Nutzen, sondern die Freude darüber, dass Gott sich interessiert für das, was er geschaffen hat, muss entdeckt und als Haltung erkennbar werden.

Foto: Maik Meid, Photo Credit: <a href=“https://www.flickr.com/photos/46729310@N04/34564754410/“>Maik Meid</a> Flickr via <a href=“http://compfight.com“>Compfight</a> <a href=“https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/“>cc</a>

 

 

Kontakt!

Wir sitzen nach dem Handballturnier im Schnellrestaurant. Sieben Köpfe sind nach vorne geneigt, (jeder blickt auf sein Handy) Die linke Hand fingert nach etwas Essbarem, während der Daumen der Rechten unablässig tippt. Plötzlich hebt sich ein Kopf, dreht sich und sagt zu seinem Nachbarn: „Hast du meine Nachricht gelesen?“ Als Antwort kommt nur ein müdes „Mhm“, freilich ohne den Kopf zu heben. Es wird weiter getippt und gegessen, keiner findet etwas seltsam an dieser Szenerie. Kein Wunder, es sind Teenager, denke ich und will gerade meinen Laptop aufklappen, da höre ich: „Ernsthaftjetzt, Papa? Voll peinlich!“

„Ach, ja? Aber eure Metakommunikation ist nichtpeinlich oder was!“, entfährt es mir. Plötzlich sind alle Köpfe oben und wir mittendrin in einer Diskussion, was geht, und was nicht in einem Restaurant mit freiem WLAN. Um es kurz zu machen: In der Bewertung sind wir zu keinem gemeinsamen Ergebnis gekommen, da bleibt der Generations- Unterschied als technische und kulturelle Differenz bestehen. Aber das Gespräch darüber, was das Handy so mit uns macht, war aufschlussreich: Es geht gar nicht so sehr um den Inhalt dessen, was geschrieben wird. Manchmal geht es nur um das Wissen, das der andere da ist und das durch eine Buchstabenkombination oder ein kleines animiertes Bildchen auch zeigt. Gegenseitige Verbundenheit steht im Vordergrund, nicht so sehr der Austausch von alltagstauglichen Nachrichten. Gar nicht so banal, wie ich vermutet hatte und mir fällt der Psalmbeter ein, der ein Lied auf die Geborgenheit bei Gott singt: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Die Gewissheit von Verbundenheit lässt ihn fröhlich sein. Deswegen lässt er den Kontakt auch niemals abreißen. Es ist überlebenswichtig zu wissen, dass Gott da ist und uns zugewandt. „Dann ist Chatten also ein bisschen wie Beten?“ fragt einer. . „Nun“ sage ich, „der Chatpartner ist schon wichtig, wenn man es Gebet nennen möchte, aber wenn es euch tatsächlich um ein Verbundensein geht, dann ist die Grundsituation schon vergleichbar. Es gibt sogar verschiedene Apps, die dabei helfen sollen, mit Gott in Kontakt zu bleiben.“

„Echt jetzt, Papa, voll cool!“

„Ich schick dir mal den Link“, sage ich und klappe meinen Laptop auf. Auf dem Weg zum Parkplatz frage ich noch augenzwinkernd: „Und habt ihr meine Nachricht schon gelesen?

Der Beitrag erschien am 14.10.2017 für kirche-im-wdr.de unter „Kontakt“ und ist auch hier nachzuhören: 

 

Bildnachweis: Photo Credit: <a href=“https://www.flickr.com/photos/64018555@N03/6756420231/“>MDGovpics</a> via <a href=“http://compfight.com“>Compfight</a> <a href=“https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/“>cc</a>

 

Sündige tapfer!

Ich fahre auf der Autobahn, rechte Spur, knapp 100 km/h. Der Sportwagen, der mich gerade überholen will, verlangsamt sein Tempo. Die Fenster fahren runter. Etwas Stabartiges wird aus dem Fenster geschoben, ich erschrecke kurz, ist es eine Waffe? Dann erkenne ich die Action Cam auf einem Selfie Stick! Mein Auto und ich werden gefilmt.

Was war geschehen? Hatte ich mich regelwidrig verhalten? Ich war mir keiner Schuld bewusst Ähnliches ist mir auf der Reise übrigens noch mehrmals passiert: Kurzes Hupen, Winken, Lachen, Klick –ein Foto. Um es kurz zu machen, es liegt nicht an mir, sondern am Auto. Mein „Bulli“ ist bald 40 Jahre alt, im Straßenverkehr selten zu sehen, dafür aber in jeder zweiten Werbung. Der alte Bus weckt Erinnerungen, Sehnsüchte und ist mittlerweile ein Lifestyle Produkt.

Das war nicht immer so: Vor zwanzig Jahren, als ich ihn kaufte, erntete ich überwiegend Kopfschütteln. Kein Kat, ein Verbrauch zwischen 12 und 15 Litern Benzin, dazu noch Ölverbrauch und Ölverlust. In den Augen meiner Kolleginnen und Kollegen war ich ein Umweltverpester ersten Ranges. Inzwischen darf ich mit diesen Daten sogar in jede Umweltzone fahren, dank des Kennbuchstabens „H“ für historisches Fahrzeug.

Sicher ließen sich jetzt Argumente finden, gute und schlechte, warum es so ist, wie es ist. Nimmt man die aktuelle Debatte um Dieselfahrverbote, Umtauschprämien und Schadstoffausstoß hinzu, entsteht eine große Ratlosigkeit, wohin geht die Reise. Oft entsteht der Eindruck, wir könnten uns bewegen, ohne Emissionen zu verursachen. Klar geht das, wenn man läuft oder Fahrrad fährt. Beim E-Bike fängt es dann schon an, anders zu werden. Zero-Emission ist ein Märchen, an das wir nur zu gerne glauben. In Wahrheit werden wir uns nicht fortbewegen können –jedenfalls nicht über längere Strecken- ohne Schadstoffe freizusetzen. Dabei ist es natürlich keineswegs gleichgültig, für welche Art der Fortbewegung wir uns entscheiden. Es gibt ein klares „besser“ und „schlechter“, allerdings ist die Einzelentscheidung oft kompliziert.

Theologisch gesprochen könnte man sagen: Es gibt kein Entrinnen, wir werden uns so oder so die Hände schmutzig machen. „Sündigen“ nennt das die Bibel. Der große Reformator Martin Luther hat einem Kollegen, der sich immer schlecht entscheiden konnte einmal geraten: „Sündige tapfer!“ Das meint: Du musst dich entscheiden, und damit leben, wenn du möglicherweise scheiterst oder deine Ziele nicht erreichst.

Ich habe mich entschieden noch weitere Jahre mit dem Bulli zu fahren, allerdings nur in den Urlaub. Zur Arbeit fahre ich mit dem Fahrrad, auch wenn der Weg mit 46 km pro Tag doch recht lang ist. Im letzten Winter habe ich oft schon ein E-Bike herbeigesehnt. Ob mich aber damit jemand fotografieren will?

Vermutlich erst, wenn ich damit mit 100 km/h auf der rechten Spur einer Autobahn fahren darf.

Der Beitrag wurde verfasst für „Kirche im WDR“ und ist dort unter „Tapfer Sündigen“ am 13.10.2017 erschienen und kann auch hier nachgehört werden: