Neueste Artikel

Kirche im WDR

Ein Herz für Streuner

Mein Nachbar glaubt jetzt an Gott. Also an eine höhere Macht. Also eigentlich an etwas, was größer ist als wir, aber dafür einen Plan hat. So hat er es mir gestern jedenfalls erzählt. Und das kam so:

In unserer Gegend gibt es einen streunenden Kater und der Nachbar kümmert sich drum, denn er ist schon sehr alt. Also der Kater und der Nachbar übrigens auch. Vielleicht verstehen die beiden sich deswegen so gut. Jedenfalls darf der Kater beim Nachbarn kommen wann er will und auch wieder gehen so lange er will. Beiden ist diese Freiheit wichtig. Das gefällt nicht allen in der Nachbarschaft. Wer etwas gegen Katzen hat, hat auch etwas gegen Freiheit meint der Nachbar und meint damit die Dame aus dem Erdgeschoss gegenüber. Sie ist auch der Grund, warum er jetzt an Gott glaubt. Vor einigen Wochen, im April, als es noch einmal so richtig kalt wurde, hat er sie nämlich dabei beobachtet, wie sie den Kater zu verscheuchen suchte. Und zwar mit einem kalten Eimer Wasser, den sie über ihn schüttete. Daraufhin habe sich der Kater so erkältet, dass er sogar zum Tierarzt gehen musste. Eine ganze Woche musste er ihn richtig aufpäppeln. Das ist doch Tierquälerei! Und die werde bestraft. Das wisse er nun. Denn kurze Zeit später, nach der Aktion mit dem Wassereimer sei die Dame aus dem Erdgeschoss selber an einer Lungenentzündung erkrankt. Und da sei ihm deutlich geworden, dass es einen Gott gäbe. Der rückt die Dinge so zurecht, wie sie eben gehören würden. „Naja“, sage ich etwas distanziert, „klingt ein wenig nach Voodo! Und das mit dem Gottesbeweis wird die erkrankte Dame sicher auch anders sehen.“ Aber der Nachbar lässt sich nicht beirren: „Das kann kein Zufall sein!“

Bevor das Gespräch über Wahrscheinlichkeiten, Zufälle und Gottesbeweise aus dem Ruder läuft, sage ich: „Dass Gott die Dinge zurecht rücken wird und geschehenes Unrecht nicht auf sich beruhen lässt , das ist ein großes Thema in der Bibel. Gott wird als gerechter Richter beschrieben und auch wenn das bei uns dazu geführt hat, dass man sagt: „kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort“, steht dahinter die Hoffnung, dass der Übeltäter mit seinem Unrecht nicht gewinnt. Und auch beim sog. „jüngsten Gericht“ geht es darum , dass das was falsch war vor Gott noch einmal zur Sprache kommt. Ob der Eimer Wasser noch mal eine Rolle spielen wird, weiß ich nicht. Und ich hoffe auch nicht, das alles was wir getan haben uns selbst noch einmal widerfährt. Da käme bei uns allen wohl einiges zusammen. Vermutlich noch schlimmeres als eine Erkältung. Dass Gott ein Herz für Streuner hat und uns am Ende liebevoll aufpäppelt, darauf hoffe ich.

Der Beitrag wurde am 22.5.19 bei Kirche im WDR2 gesendet und kann auch hier nachgehört werden:

Kirche WDR2

Wir schaffen das

Der Fahrrad Verkauf über das Kleinanzeigen-Portal im Internet hat bisher immer gut geklappt. Besonders Räder für Kinder und Jugendliche gehen gut weg, schließlich werden sie verhältnismäßig wenig genutzt, denn irgendwann sind die Beine länger geworden, dann muss ein größeres Gerät her. Diesmal hatte ich etwas zu verkaufen. Der Hersteller bewirbt es mit: „Das Fahrrad, das mit wächst.“ Und in der Tat: Es war nicht nur einen Sommer, sondern ganze drei Jahre im Einsatz, dank der pfiffigen Konstruktion. Ein Anrufer meldete sich noch schneller als sonst auf die Anzeige und noch am selben Abend gab es einen Besichtigungstermin. Oma und Opa waren auf der Suche nach einem Geschenk für ihre Enkelin und der Geburtstag war schon morgen! Lange hatten beide gesucht und nicht das passende gefunden, denn das Mädchen war sehr klein für ihr Alter und die meisten Räder passten einfach nicht. Während ich Opa die Technik der Verstellmöglichkeiten erkläre, schaut Oma sich im Flur um. Zugegeben es ist ein großer Flur, wir stehen zu dritt samt Fahrrad drin und können uns auch noch alle um das Rad herum bewegen. Doch das ist es gar nicht wofür sie sich interessiert. Es ist mein Talar, der ziemlich sichtbar und griffbereit aber doch etwas liederlich nicht an einer Garderobe, sondern am Pappelschrank hängt. Ob der mir gehöre, will sie wissen. „Ach, den Talar, meinen Sie? Ja der gehört mir.“ „Sie sind aber nicht katholisch, oder?“ „Nein…das hier ist das Rad von meinem Sohn…, sonst…“ „Ach ja, nee, klar.“ „Wir sind katholisch“, sagt sie und zieht ein Taschentuch aus ihrer Manteltasche um sich eine Träne aus dem linken Auge zu wischen. „Ach wissen Sie, wir sind so glücklich, dass Linda auf der Welt ist. Morgen wird sie sieben, ist aber erst so groß wie ein Kind von drei Jahren. Für uns ist sie das größte Geschenk Gottes. Dabei wollen die Ärzte gar nicht, dass Linda auf die Welt kommt! Beim Ultraschall haben sie unserer Tochter gesagt, dass das Kind vermutlich nicht lebensfähig sei. Zumindest so schwer krank, dass es nicht lange leben würde. Aber meine Tochter wollte es auf jeden Fall bekommen. „Mama“, hat sie gesagt, „ich kann das nicht!“ Und wir haben gesagt: „Wir schaffen das mit dir zusammen, mein Kind!“

„Und jetzt?“ –Herr Pfarrer- , „sehen Sie! Linda ist auf der Welt! Etwas kleiner, etwas schwächer, aber jetzt kann sie sogar Rad fahren. Gott meint es gut mit uns als Großeltern und wir sind so stolz auf die Entscheidung unserer Tochter!“ Morgen gehen wir alle in die Kirche und zünden zum Dank eine Kerze an.

Der Beitrag wurde am 21.5.2019 bei Kirche im WDR2 gesendet und kann auch hier nachgehört werden:

BWM

Stefan hat ´ne Neue

Stefan hat ne Neue! Einige hat das nicht überrascht. Er war schon länger nicht mehr mit ihr gesehen worden. Schließlich stand sie nur noch in der Garage, seine alte Vespa Baujahr 1988, 125 ccm Hubraum. Sie musste einem richtigen Mottorad weichen, das jetzt so viel PS hat wie der alte Motorroller Hubraum hatte. Es wurde Zeit, meinte Stefan, noch einmal richtig durchzustarten. 54 Jahre ist er jetzt, die Tochter geht weitgehend ihre eigenen Wege, das Haus ist abbezahlt, der Job sicher, die Karriereleiter ist erklommen. Andrea dachte, sie hätten jetzt etwas mehr Zeit zusammen, zu Reisen, zu Essen, zu Lieben, alles das zu machen, was sie am Anfang ihrer Ehe für später aufgeschoben hatten. Andrea ist nicht glücklich über Stefans Freiheitsdrang. Sie lässt ihn aber machen. Irgendwie war er schon immer wie ein großes Kind.Vor drei Wochen hat Stefan entschieden auszuziehen. Er brauche Abstand, müsse sich über einiges klar werden. Es wäre für alle besser, meint er.

Zu Jesus kam einmal ein Mann, der war in einer ähnlichen Situation wie Stefan. Er fragte Jesus: „Was muss ich eigentlich für ein erfülltes Leben tun?“ „Das weißt du doch selbst!“ antwortet ihm Jesus: „Halte dich an deine Versprechen, die du anderen und dir selbst gegeben hast. Sei liebevoll, großzügig, barmherzig.“ „War ich immer!“ „Dann mach folgendes“- sagt Jesus- „Geh los, und verkaufe alles was du hast und gebe das Geld denen, die nichts haben.“ Die Begegnung endet mit dem Satz: Traurig ging der Mann davon, denn er war sehr reich.

Was sich auf den ersten Blick wie eine antike Form der Kapitalismuskritik liest, kann allerdings auch anders gelesen werden: Nämlich als eine Frage, welche Rolle Freiheit und Stabilität in unserem Leben spielen. Und die Antwort Jesu erscheint plötzlich sehr modern: Unser Leben ist bis in den Alltag hinein von Aushandlungsprozessen bestimmt, die sich unter ständig verändernden Bedingungen vollziehen. Wer eine Entscheidung trifft, trifft sie zwar allein, aber sie wird immer Auswirkung auf diejenigen haben mit denen wir zusammenleben. Erfülltes Leben, Freiheit und Stabilität kann man sich nicht selber schaffen.

Stefan ist übrigens wieder zu Andrea ins Haus gezogen. Seine kleine Wohnung will er noch behalten. Seine Tochter hat gerade ihren Motorrad Führerschein gemacht. Manchmal sieht man sie zu dritt in die Eifel durchstarten.

Foto: https://unsplash.com/photos/39oteea6D40

Der Beitrag wurde am 20.5.2019 bei Kirche in WDR2 gesendet und kann auch hier nachgehört werden:

Bikini

Die Bikini-Kirche

Als ich gestern von einer „Bikini-Kirche“ las, dachte ich zunächst an eine Veranstaltung auf dem Kirchentag (DEKT), die ich im Programm vielleicht übersehen habe. Man übersieht ja sowieso viel im Programm und wundert sich auch nicht über Veranstaltungen die seltsam anmuten. Warum also sollte es also keine „Bikini-Kirche“ geben? Gut zwei Sekunden später dämmerte es dann aber: Das ist vielleicht doch Sexismus? Um es kurz zu machen, es ging um die neuste Veröffentlichung zur Mitglieder Entwicklung der beiden Kirchen, die erstmals eine Prognose bis 2060 wagt. In vierzig Jahren soll die Mitgliederzahl im Vergleich zu heute um gut die Hälfte gesunken sein. Schuld sei nicht der viel zitierte demographische Wandel, sonder vor allem die verstärkte Austrittswilligkeit der jüngeren Generation. Das sind -im kirchlichen Kontext- Menschen unterhalb eines Lebensalters von vierzig (!) Jahren. Wo es um „Abnehmen“ geht, ist der Bikini nicht weit. Soweit also der -zugegebener Maßen- etwas schlichte Vergleich.

Wirklich neu an der Untersuchung ist nur der betrachtete Zeitraum bis 2060. Bisher galt als vermeintliches Schicksalsjahr immer 2030, weil bis dahin nur noch die Hälfte der finanziellen Mittel zur Verfügung stehen sollte. Nun sieht es mit der Einnahme der Kirchensteuer gar nicht mehr so schlecht aus. Wäre da nicht die Inflation, gäbe es gar keinen nennenswerten Rückgang der Einnahmen. Dennoch entsteht der Eindruck, dass der kirchliche Relevanz-Verlust erst jetzt wirklich wahrgenommen wird. Vor allem bei Kirchenleitungen, die lange Zeit ein „weiter so!“ propagierten.

Es ist noch keine zehn Jahre her, da zog der damalige Ratsvorsitzende der EKD und rheinische Präses Nikolaus Schneider durch die Lande und verkündete: „Nur nicht Bange machen lassen, in den nächsten zwei bis drei Generationen wird sich institutionell nichts ändern“. Und seine Stellvertreterin wurde noch vollmundiger: „Wir sind in der Fläche präsenter als McDonald’s und das wird auch noch lange so bleiben.“ Womit wir wieder beim Bikini wären, denn mit dem fetten Fastfood Vergleich ist es nun endgültig vorbei: Der Weg in die Minderheitskirche wird schneller kommen als gedacht.

Endlich vorbei mit dem „Konventionschristentum“ jubeln die einen, was ein gesellschaftlicher Verlust, klagen die anderen. Dabei wird sich in den Ortsgemeinden nicht viel ändern. Jedenfalls in denen, die noch verbleiben werden. Denn die „Vereinskultur“ ist beharrlich und die Antwort  „Bewährtes und Innovation, damit die Kirche nah bei den Menschen ist“, markiert den zur Zeit kleinst möglichen Nenner. Warum man das in den vergangenen zwanzig Jahren bei üppiger Ausstattung von Finanzen und Personal nicht vermocht hat, bleibt eine offene Frage. Oder es ist es gar die Antwort?

Photo by Analise Benevides on Unsplash

Korrektur: Von einer „Bikini-Kirche“ war gar nicht die Rede. Es handelt sich vielmehr um einen Lesefehler. Von „Bikini Saison“ handelte der Tweet

Entdecke was kommt!

Entdecke was kommt!

Wenn die Kindheit zu ihrem Ende kommt herrscht Krisenzeit! Wie im Alter unserer 10-12 Jährigen, oder auch bei dem zwölfjährigen Jesus im Tempel. Irgendwann ist es da, das erste Achselhaar, lang ersehnt, oder mit Schrecken plötzlich entdeckt. Je nach dem, was der Bruder oder die Schwester dazu sagt, löst diese Entdeckung eine kleine Krise aus oder einen Glücksmoment. Noch nicht wirklich erfasst, und doch zum Greifen nah: Etwas geht zu Ende, etwas Neues kommt. Krisenzeit. Sie ahnen ja, dass sie ihrer Kindheit nichts mehr hinzufügen können. Sie ahnen an ihrer Kindheit nichts mehr ändern können. Die Kinder merken langsam, oder ahnen zumindest, dass sie ihre Kindheit jetzt verlassen werden. Sie leisten seelische Schwerstarbeit. Es ist eine Zeit, in der die Orientierung abhanden kommt. Und so schleicht sich dann und wann sogar Melancholie in die Stimmung. Das ist eine neue Erfahrung. Auch wenn die Ausbildung zu ihrem Ende kommt ahnen Jugendliche etwas davon, dass sie die Freiheit, den Aufbruch dieser Jahre nicht beliebig verlängern können, sondern Abschied nehmen müssen von der Freiheit, der Offenheit dieser Ausbidlungszeit. Sie müssen Abschied nehmen von den wunderbaren Experimenten im eigenen Lebensentwurf. Krisenzeit. Auch sie leisten seelische Schwerstarbeit. Wo soll es hin gehen? Auch jetzt gibt es melancholische Momente, aber dies mal kennt man sich in dieser Sache besser aus, weiß, dass das dazu gehört. -Wenn es gut geht. Es darf nur die Freundschaft nicht in die Brüche gehen, es darf auch kein Kummer über den Tod eines lieben Menschen dazu kommen. Dann ist die Zeit der Krise beladen, und wenn es ganz schlimm kommt, überladen.

Zacharias ist alt, so erzählt die Bibel. Auch er leistet Schwerstarbeit. Für ihn geht es schon lange um die Frage, wie das wird, dieser letzte Atemzug hier auf dieser Erde. Trifft es ihn mitten bei der Arbeit? Im Alltag? Wenn er als Priester im Tempel zu tun hat? Ihn trifft es tatsächlich mitten bei der Arbeit. Im regulären Tempeldienst. Es überrascht ihn aber etwas anderes. Ein Engel verschlägt im die Sprache. Krisenzeit. Etwas Neues beginnt. So alt und betagt Zacharias ist, so nah ihm das Sterben auf den Leib gerückt ist, so neu ist die Nachricht, die er an diesem Tag erfährt.

Gott hat das Neue vorbereitet. Es ist schon alles getan. Es gibt nichts, gar nichts, was hier zu tun wäre. Außer vielleicht: zu entdecken, was kommt.

Auf unsere Frage, wohin es geht, wohin es mit uns geht, kann uns der Alltag mitten bei der Arbeit überraschen. Uns kann die Nachricht erreichen: Wir kommen nicht zu spät. Dann mag eine Krisenzeit beladen und überladen sein mit Ängsten oder Sorgen.

Gott hat das Neue für uns schon vorbereitet und wir entdecken, was kommt.

Foto: Photo by Robert Metz on Unsplash

Der Beitrag war am 2.3.2019 auf Kirche in WDR2 zu hören. Er kann auch hier nachgehört werden:

twitterfalle

„Digitale Kirche“ ein Missverständnis

Die Debatte um #digitalekirche ist beendet. Auch wenn der Hashtag sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Zur Erinnerung: Angefangen hatte es mit einem Printartikel, der viel Beachtung auch außerhalb (digitaler) sozialer Medien fand und darauf hin wiederum intensivere online Aufmerksamkeit erlangte. Nun hat Hannes Leitlein in einem Podcast deutlich gemacht, dass ihm die Debatte manchmal lästig ist. Vor allem, weil die diskutierten Aspekte in alle erdenklichen Richtungen laufen. Dabei war eigentlich etwas ganz banales gemeint: Der nächste Gottesdienst am Sonntag, der bekanntlich an jeder Ecke stattfindet, sollte möglichst schnell und benutzerfreundlich im Internet auffindbar sein. Soweit so schlicht! Und: Weitgehend ungelöst. Aber immerhin ist das Problem erkannt und Ausnahmen sind erfreulicher Weise auch zu finden. Schluss aber mit Debatten über Online-Abendmahl und „Digitale Theologie“ braucht kein Mensch! 

Natürlich lassen sich Diskussionen nicht unterbinden. Durch stetige Impulse verändert sich immer wieder die Richtung. Vielleicht ist es Zeit für ein Zwischenfazit. Im Moment tendiere ich zu folgendem: Digitale Kirche ist zu einer Symptom-Beschreibung geworden, dass wir nicht in Kontakt sind mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie beschreibt die Sehnsucht von Menschen das zu ändern. Und das äußerst unterschiedlich. So wir wir halt sind. 

Das lässt sich schwer in eine Kommunikationsstrategie packen, die von einer Stabstelle koordiniert wird, auch wenn die einzelnen Landeskirchen und besonders die EKD das gerne möchte. (Warum das so ist, kann man sehr trefflich beobachtet bei Hilmar Gattwinkel auf futur2.org nachlesen.) Die ständige Suche nach guten, gelungenen und erfolgreichen -also messbaren- Ergebnissen, die die jeweiligen Koordinatoren evaluieren wollen (müssen), ist nur dann sinnvoll, wenn diese auch unterstütz werden. Anders gesagt: Der „digitale Schulterblick“, den Kirchenleitungen hin und wieder einem ausgewählten Kreis interessierter Menschen gewähren, ist nur insofern interessant, als er Einblicke in die Arbeitsweise kirchlicher Gremien bietet. Denn diejenigen Akteure, die freiwillig und meist ohne besonderen kirchlichen Auftrag auf den verschiedenen Plattformen unterwegs sind, gewähren fortwährend einen „Schulterblick“. Und ernten dafür Schulterzucken oder sogar Gegenwind. 

Die älteren unter uns –„Internetpioniere“ wider Willen, die seit einiger Zeit ihre kirchliche Nische gefunden haben und die Diskussionen aus der Distanz verfolgen- reiben sich verwundert die Augen und fühlen sich zehn Jahre zurück versetzt: „Nicht alles geht in 280 Zeichen“, müssen wir aktuell wieder lesen (mehr nur für Abonnenten). Als wenn irgendjemand behauptet hätte, dass schon in 140 Zeichen „Alles“ gesagt worden wäre. Die Argumentation von Altbischof Huber hinkt der Zeit um mindestens zehn Jahre hinterher, als man noch erklären musste, ob pfarramtliche Zeit überhaupt für Tweets geopfert werden dürfte. Inzwischen darf Mann, sogar als Altbischof. Und man darf sogar die Erfahrung machen, dass die Welt voller Ambivalenzen ist, eben auch in moderner Kommunikation. Aber man muss schon eine besonders „idyllische Blase“ erwischt haben, wenn man zuerst steil behauptet die „Kirche sei ein Ort der Begegnung an dem Menschen sich nicht durch twittern aus dem Weg gehen“ und sich dann wundern, dass genau dieses aus-dem-Weg-gehen nicht stattfindet, sondern einen Dialog öffnet, dem man sich dann aber verschließt. Dem geneigten Zeitzeichen Leser* wird dies freilich verschlossen bleiben, während die Phantasie welche „Kübel des Spottes“ sich auf Twitter ergossen haben mögen, sicher an die Qualität reformatorischer Schmähschriften heranreichen dürfte.

Wenn es nicht so ernst wäre und um die verpasste Anschlußfähigkeit kirchlichen Handelns ginge, könnte man mit Tony Marshall singen: „Wir lassen uns das twittern nicht verbieten“ oder rheinisch-jahreszeitlich brüllen „Dat wor der Nubbel!“, aber das hilft nur begrenzt. Denn auch im nächsten Jahr wird sich die Frage nicht verdrängen lassen, ob wir wirklich über „physische Kopräsenz“ als Kennzeichen von Kirche debattieren sollten, oder doch nicht besser über „Virtualität und Pneumatologie“ (auf S.24 im PDF unter d.). Vielleicht ist das aber schon wieder ein Missverständnis von digitaler Kirche, die Theologenfalle.

Kronkorken

Vergibt Gott alles?

Er brauche eine ganz besondere Art von Vergebung meint Hartmut. Sein Blick geht stumpf gerade aus durch die Windschutzscheibe des Autos. Er sitzt auf dem Beifahrersitz, müsste eigentlich nur 50m zur Pforte des Krankenhauses gehen, aber er kann nicht. Zu oft ist er im letzten Jahr „eingefahren“ wie er es nennt. Als er endlich mit großer Mühe die Aufnahme erreicht hat, kann er auf die Frage, was er habe, gerade noch „Entgiftung“ sagen, dann verlässt ihn die Kraft. Zu schmerzlich die Erfahrung schon wieder versagt zu haben, zu niederschmetternd die Erkenntnis, dass die Droge größer ist als der Wille.

Als Hartmut nach einer Woche Aufenthalt in der Klinik wieder zu klaren Gedanken fähig ist, frage ich ihn, was er denn gemeint habe mit dem Satz, er brauche eine „besondere Vergebung“. Zunächst druckst er rum, gibt vor, sich nicht mehr richtig erinnern zu können. Aber das stimmt nicht, wir haben schon mehrmals über Vergebung gesprochen. Dabei ist rausgekommen, dass Hartmut sich selbst nicht vergeben kann. Dass was er getan hat hält er für so schlimm, dass es für ihn keine Entschuldigung, kein Verständnis geben kann. Und von Gott erwartet er keine Gnade, sondern ewige Verdammnis.

„Vergibt Gott wirklich alle Schuld?“ -fragt er zwei Wochen später am Telefon und ich merke, dass die Droge schon wieder gewonnen hatte. „Ja, sage ich, Gott vergibt alle Schuld, alles was wir Menschen uns selber und anderen nicht vergeben können. Das ist tatsächlich unglaublich. Aber Gott ist kein Mensch. Was bei Menschen unmöglich, dass ist möglich bei Gott.“

„Weißt du was?“ -entfährt es ihm. „Du bist ein Scheißseelsorger!“ „Mag sein“ — sage ich, „das denkst du nur von mir weil ich nicht sage, was du hören willst. Als Mensch kann ich dir die Freundschaft kündigen, Vertrauen entziehen, und sagen, dass es so nicht weiter geht. Aber von Gott kann ich dir nur sagen, dass er seine Hand nicht von dir nimmt, weil seine Gnade größer ist als deine Schuld.“

Schließlich will Hartmut beichten, das meinte er mit „besondere Vergebung“. Ob das am Telefon gehe und auch, obwohl ich evangelischer Pfarrer und er ausgetretener Katholik sei, will er wissen und ob das Gesagte unter uns bleiben würde. „Unter uns und vor Gott, der dir vergibt“ – sage ich, schlage die Bibel auf und lese aus dem 1.Johannesbrief (1,9): „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“

 

Dieser Beitrag war am 1.3.2019 bei Kirche in WDR2 zu hören und wegen Krankheit nicht von mir gesprochen.

 

Photo by Stefan Cosma on Unsplash