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Kirchentage können weg.

Der Kulleraugen #dekt2017 sollte eine der letzten Veranstaltung dieser Art gewesen sein, er ist wenig zeitgemäß. Wären es nur singende U-Bahnen oder lustige Schals, hätte der Protestantismus kein ernsthaftes Problem. Der Bedeutungsverlust ist allerdings massiver als vielfach wahrgenommen. Dass die Veranstalter das anders sehen, zeigt wie groß der Graben zur Wahrnehmung der Gesellschaftlichen Realität geworden ist. Eine Bühne vor dem Reichstag, Merkel und Obama als Gäste des Kirchentages auf allen bedeutenden Titelblättern deutscher Tageszeitungen, das alles täuscht darüber hinweg, dass sich der Großteil der Bevölkerung für eine kirchliche Großveranstaltung ähnlich stark interessiert, wie für den sonntägliche Gottesdienst in der Kirche um die Ecke. Gut zu beobachten war das bei den sogenannten „Kirchentagen auf dem Weg“, die, man muss das leider so hart sagen, ein Flop waren. Das Format Kirchentag funktioniert nur noch, weil sich öffentliche Hand und Volkskirche in ihrer jeweiligen gegenseitigen Positionsbestimmung einig sind und der Kirchentag sich als „wir_sagen_euch_jetzt _mal _wo_der_Hammer _hängt_Institution“ gefällt. Wobei „Euch“ entweder Politik oder Kirche sein kann; wenn man es besonders deftig mag, auch mal beide zugleich. So etwas möchte heute niemand mehr hören. Zu Recht, denn ein Mangel an Resolutionen ist in der Welt des Jahres 2017 nicht festzustellen. Dabei gäbe es jenseits einer Papphocker-Mentalität viel zu entdecken. Auf dieses jenseits hat man es offenbar nicht abgesehen, übernahm man das Wort „Christentreffen“ als Eigenbeschreibung m.W. erstmals. Kein Binnenkirche-Treffen, das wäre eine der vornehmlichsten Aufgaben in der Ausrichtung kommender Veranstaltungen. Dazu braucht man keine prominenten Köpfe als Zugpferde gängiger gesellschaftlicher Großdeutemodelle. Und man muss auch nicht mehr versuchen einer bundesdeutschen Großstadt so etwas wie ein Kirchentagsgefühl zu vermitteln. Die Kirchentage auf dem Weg in acht Mitteldeutschen Städten hätten ein Anfang sein können das Kirchentagsformat zu erneuern. Wären z.B. in Leipzig „Wahrheit und Sexualität“, in Magdeburg „Gnade und Digitalität“, in Erfurt „Freiheit und Identität“, in Jena „Gerechtigkeit und Arbeit“, in Halle „Frömmigkeit und Alltag“ als Themenschwerpunkte benannt worden, die ein oder andere Dauerkarte wäre vielleicht doch an die Frau oder den Mann zu bringen gewesen. Voraus gesetzt die Marketingabteilung von #r2017 hat die 59 EUR Eintrittspreis, in einer Region in der 80% keiner Konfession angehören, gut kalkuliert. Die Session und Slot gewohnte Konferenzteilnehmerin* ist heute jedenfalls themenorientiert. Selbst tanzende Biber und Disney Referenzen sind dann möglich. Kommt es dann noch zu einem ernsthaften Ringen um entscheidende Fragestellungen für die Zukunft der Gesellschaft hätte „die Kirche“ eine Gewinnchance jenseits appellativer Beschwörungen. Für eine jeweils alle zwei Jahre stattfindende Selbstvergewisserung der Gläubigen taugt eine kirchliche Großveranstaltung nur noch bedingt. Die Bindungskraft, die von einem Kirchentag ausgeht wird zunehmend schwächer bei den Milieus, die gewohnt sind sich täglich zu etwas verhalten zu müssen, das an Nachricht, Meinung und Lifestyle wahrgenommen werden will. Es bedarf einer anhaltenden Anwesenheit und Begleitung auf dem Markt der Möglichkeiten um auf diese Herausforderung zu reagieren. Heute heißt dieser Markt der Möglichkeiten „Internet“. Mit diesem hat es die Kirche schwer, denn es ist ein weithin unbekannter Ort der Anonymität und der Gefahren. Der Kirchentag dagegen sei der Ort echter Begegnungen und Erfahrungen. Auch wenn es dazu andere Stimmen und Podien gab, hält sich dieser Narrativ beharrlich. Ob es Sinn macht darauf hinzuweisen, dass dieses Internet nicht mehr weggeht? Die Vermutung liegt nahe, dass nach den Erfahrungen die neben Margot Käßmann auch der Twitteraccount des #dekt machen musste, die Skepsis gegenüber dem digitalen Meinungsmarktplatz nicht geringer werden wird. In diesem Zusammenhang darf gefragt werden, warum einer Reformationsbotschafterin und deren Kommunikationsstab eine digitale Selbstverteidigung nicht gelingt und sie auf die Hilfe eine bekannten Netzjournalisten angewiesen sind. Ebenso sollte nicht vergessen werden, dass ein oder zwei missglückte Tweets einen erheblichen Schaden anrichten können. Dieser ist sicher als Lernerfolg für twitternde Journalistenschülerinnen* nicht gering zu bewerten, geht allerdings auf Kosten der Reputation des Kirchentages. Vor einem Großereignis mal eben einen leistungsfähigen Account zu bestücken ist nicht einfach, wenn dem Thema sonst wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Eine Kirche, die sich das Ziel Digitalisierung mitzugestalten so hoch gesteckt hat (EKD Synode 2014), kann tief fallen, wenn sie nicht bereit ist wirklich mitzuspielen, sondern immer nur am Rand steht und sagt, wie gespielt werden soll. Was für das Digitale gilt, macht auch analog Sinn und umgekehrt, immer.

Im Blick auf 2019 könnte es allerdings für den #dekt in Dortmund nicht besser laufen als im Moment. Vielleicht wird Jürgen Klopp bis dahin wieder beim BVB sein, dann hätte man einen erfahrenen Reformationsbotschafter vor Ort. Und auch Helene Fischer sucht nach einem erfolglosen DFB-Pokal-Halbzeit-Intermezzo nach neuen Aufgaben: Mit Pred.1,2 wäre das Motto „Atemlos!“ und die DSW21 App gibt es sogar jetzt schon zum Download.

 

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Im Reformations-Truck nach Ohio

Wehmütig schaut Sabine B. aus dem Fenster ihres Büros nach Süden. Gerne wäre sie im Land mit den herrlichen Zwiebel-Kirchtürmen in Bayern. Wenn sie auf das Dach ihres Pfarrhauses steigt, kann sie bei gutem Wetter den Drachenfels sehen und doch träumt sie von einer Pfarrstelle am Chiemsee. Ob die Rheinländerin (48) sich auf dem dortigen kirchlichen Parkett zurechtfinden würde ist alles andere als ausgemacht, schließlich gehen die protestantischen Traditionen in deutschen Landen alles andere als synchron. Den meisten Kirchenleitungen gefällt das, sie schätzen produits reginaux, nicht nur bei Käse und Wein. Es scheint so, als könnte sich das in Zeiten, da über eine digitale Kirche nachgedacht wird, als Nachteil erweisen. Denn die Koordinierung an welchen Stellen über das Thema nachgedacht wird stockt und zwar merklich. Seit der EKD-Synode 2014 (Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft) hat sich wenig getan. Als das die Jugend-Deligierten auf der Synode im letzten Jahr anmerkten, wurde das Thema in den –Achtung!- Zukunftsausschuß verwiesen. Soweit so schlecht, zeigt es doch wie wenig eine Kirche, die immer betont „nahe bei den Menschen“ sein zu wollen, wirklich bei den Menschen ist. Es darf vermutet werden, dass in den einzelnen Landeskirchen sehr unterschiedliche Einschätzungen zu diesem Thema vorliegen, ein Umstand, der zur Normalität im Umgang miteinander geworden ist. Ein ranghoher EKD-Vertreter bezeichnete kürzlich bei einer Veranstaltung ganz in der Nähe des Drachenfelses, die Ordinationspraxis der dortigen Landeskirche als „chaotisch“.

Seit kurzem gibt es immerhin eine Gemeinsamkeit mehr zwischen der Kirche von Sabine B. (Evangelische Kirche im Rheinland, ekir) und der Evangelisch Lutherischen Kirche in Bayern, elkb: Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 ist nun in beiden Kirchenverfassungen verankert. Was im Rheinland seit 1952 gilt, wird in Bayern 2017 beschlossen, für protestantisch gebildetes Fachpublikum keine große Sache, denn dieses weiß auch, dass sich die evangelischen Konfessionen erst seit 1973 gemeinsam um den Altar versammeln und gemeinsames Abendmahl feiern können. Trotzdem wird es so schnell nichts mit dem Umzug der rheinischen Pfarrerin an den Chiemsee, denn die Landeskirchen besetzen ihre Pfarrstellen mit Personal aus den eigenen Kirchen. Alles zwischen Wesel und Saarbrücken ist für Sabine B. als Seelsorgerin denkbar, der Chiemsee bleibt noch einige Jahre ein Traum, bis die Personaldecke der evangelischen Kirchen so ausgedünnt ist, dass sich die Verleihung der Anstellungsfähigkeit auf die gesamte EKD erstreckt.

Aber warum möchte Sabine überhaupt an den Chiemsee, wo es doch am Rhein so schön ist? Sie hat in erfahren, dass es dort weniger Geld gibt, das um den Kirchturm herum verwaltet werden muss. Gemeindearbeit mit weniger Geld gestalten! Was wie ein Plot für eine RTL-Serie „Pfarrstellentausch“ klingt, könnte tatsächlich zu einem innerevangelisch Lernprozess beitragen. Würde ihr Kollege vom Chiemsee tatsächlich an den Rhein kommen, hätte er die Verhältnisses, die er einfordert, denn im Schatten des Drachenfelses bleibt deutlich mehr von der Kirchensteuer am eigenen Kirchturm hängen. Gar nicht so toll, findet die Rheinländerin, denn die knapp zwei Millionen Euro machen ihr eine Menge Arbeit und im Pfarrdienstgesetz heißt es: „Pfarrerinnen und Pfarrer haben die ihnen obliegenden Aufgaben in der Verwaltung, der pfarramtlichen Geschäftsführung, der Kirchenbuchführung und in Vermögens- und Geldangelegenheiten sorgfältig zu erfüllen.“ Ohne viel ehrenamtliche Unterstützung ist nicht zu schultern. Im Radius von drei Kilometern stehen nicht weniger als drei Kirchtürme samt eigenen Gemeindezentren, die in die Jahre kommen und gepflegt werden wollen. Wenn sie den Vorsitz im Presbyterium innehat, ist sie Ansprechpartnerin und Dienstvorgesetzte von gut 20 Mitarbeitenden. Da in ihrer Dienstanweisung festgehalten ist, dass sie auch regelmäßig Besuche bei ihren 3500 Gemeindegliedern machen soll, gerät sie immer wieder an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Immerhin hat die Gemeinde ihre Stelle auf 75% Stellenumfang reduziert, um einen „Gemeindemanager“ bezahlen zu können, der Termine in den Google-Kalender einpflegt, sich um die Webseite kümmert und daran arbeitet, dass die Datenschutzbestimmungen eingehalten werden. Der Gedanke mit einem Bankdirektor bei Lachshäppchen 150.000 EUR Spendengelder für ihre Gemeindearbeit am Chiemsee einzuwerben, erscheint ihr deshalb verlockend.

Die Kirchensteuerflut der vergangenen Jahrzehnte wird versiegen und die Diskussion wie mit weniger Mitteln die zahlreichen kirchlichen Handlungsfelder aufrecht zu erhalten sind, ist in vollem Gange. Sicher ist ihr nicht mit einer Umverteilung der Steuergelder von „oben“ nach „unten“ beizukommen. Das hat auch der Ratsvorsitzende der EKD (ein Ehrenamt) und Bischof der evangelischen Christen in Bayern verstanden. Allerdings: Der Handlungsdruck ist überschaubar. Im Jahr 2016 konnte das höchste Kirchensteueraufkommen seit Gründung der Bundesrepublik verzeichnet werden; bei gleichzeitig niedrigstem Mitgliederbestand.

Gut, Sabine B. existiert nicht, sie könnte allerdings auch Andreas heißen. Der Drachenfels könnte in Wuppertal oder auf der KÖ in Düsseldorf stehen, an einigen Stellen in der Kirche würden sich die Verhältnisse gleichen.

Sie würden sich allerdings auch nicht ändern, wenn, wie gefordert, Funktionsstellen in Landeskirchenämtern abgebaut und das gesparte Geld an die Ortskirchengemeinden verteilt würde. Lediglich der Ort endloser Strukturdebatten würde sich ändern. Ob es sich dabei um Titel wie „Zeit für das Wesentliche“ oder „Profil und Konzentration“ handelt, ist zweitrangig. Die Überforderung der jeweiligen Gremien liegt in Variationen der immer gleichen Prämisse: Der Bewahrung des Bewährten bei gleichzeitiger Forderung Neues entstehen zu lassen. Diese Formel ist, seit dem der Cheftheologe der EKD Thies Gundlach von der ausgegebenen Losung „Wachsen gegen den Trend“ abgerückt ist, zum Allgemeinmantra geworden. Was aber genau wesentlich ist in den kirchlichen Handlungsfeldern und was nicht, ist höchst strittig, auch an der Basis der Ortsgemeinde. Könnte es sein, dass der Geldfluss in den letzten Jahrzehnten die Debatte über die wesentlichen Aufgaben von Kirche verhindert hat? Die Zeiten in denen jedes „nice to have“ Handlungfeld beackert werden konnte, scheint jedenfalls vorbei. Ob den Herausforderungen einer immer mobileren und digitalisierteren Gesellschaft mit verstärkt territorialen Konzepten begegnet werden kann, bleibt allerdings fraglich.

Sabine B. hat ihren Kollegen am Chiemsee über Facebook ausfindig gemacht. Sie hat ihn auch gleich an seinem Profilbild mit Talar und lutherischem Beffchen erkannt. Sie haben sich zum skypen verabredet. Gern hätten sie ein Kölsch oder Weißbier miteinander getrunken, aber der Weg ist weit und wenn sie sich länger als 24 Stunden außerhalb des Pfarrhauses aufhalten, müssen sie bei ihrem Vorgesetzten ihre Abwesenheit anzeigen. So prosten sie sich über die Monitore ihre Laptops zu, mit Rotwein und etwas Baguette. Nach einigen Gläsern von der Frucht des Weinstocks kommt ihnen eine Idee: Wie wäre es, wenn die Reformationsbotschafterin am 1.November in den Reformationstruck steigt und nach Cleveland, Ohio reist. Am dortigen Sitz der United Church of Christ, könnte sie in Erfahrung bringen, was beim Aufbau einer digitalen (Bezahl-)kirche zu beachten ist. Da im Truck genug Platz ist, würde sogar eine ökumenische Reise möglich sein. Wenn bei der Rückkehr aus der Reformationsbotschafterin eine Digitalbotschafterin geworden ist, wäre schon viel gewonnen.

Sabine B. klappt ihren Laptop zu und geht zu Bett. Am anderen Morgen kann sie sich noch erinnern, wie sie sich auf evangelisch-katholisch.de eingeloggt hat. Da waren viele Menschen, die sich der Kirche fremd und gleichzeitig verbunden fühlten. Sie geht zum Computer um die Logins zu prüfen, aber da war nur eine abgelaufene Skype-Sitzung. Schade eigentlich.

 

 

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Luther-Kondome: So geht’s auch nicht!

Freitags in der Kneipe. Mann trinkt Kölsch, Rheinland halt, nicht Düsseldorf. Ab Mitternacht fällt auf, dass der Pfarrer auch noch in der Runde sitz. Also Themenwechsel: Vom Kölsch, zu Kirche, von Kirche zu katholisch, von katholisch zu Kondom. Ein Grund, warum ich selten in die Kneipe gehe, denn leider ändert auch die Biersorte nichts am Gesprächsverlauf. Bald könnte das anders werden, denn die Evangelische Kirche im Rheinland (ekir.de) hat sich entschlossen Kondome aus dem Verkehr zu ziehen. Offenbar schmeckten die Luthergummis nicht jedem. Demnächst sitzen wir also beim Alt-Bier und diskutieren über Presbyterium, Präses und Präservative. Offenbar will die rheinische Kirche es so, denn gestern hat sie ein Video hoch geladen das nun auf YouTube steht. Einen Streisand-Effekt fürchtet sie offenbar nicht, es sei denn, sie wüsste nicht was das ist, oder aber der OKR (Oberkirchenrat) wollte es so, gegen besseres Wissen seiner Abteilung Kommunikation-Internet.

Doch zum Video selber: Es lohnt sich tatsächlich bis zu Ende zu schauen und den Ton einzuschalten, denn Untertitel fehlen. Als der OKR das Kondom nämlich von seiner Verpackung „befreit“ (sic!) fragt Mann sich, ob er es aufbläst und zum Platzen bringt, oder einfach nur die Verpackung aufißt. Schaut es euch also besser nicht im Bus oder im Lehrerzimmer, oder gar während einer Presbyteriumssitzung an. Für die, die gerade kein Video gucken können: Es geht um ein Merchandising-Produkt der evangelischen Jugend. Ein Produkt unter vielen im #r2017 Luther Socken, Das Luther Mem. Das Produkt der Jugend war nun aber ein Kondom, eigentlich nicht schlimm, denn Kondome sind in der evangelischen Kirche ja erlaubt. Ein spezielles nun allerdings nicht mehr, nämlich eins mit dem Aufdruck „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Die Webseite zur Aktion ist auch vom Netz genommen worden. Warum? Nun, so der OKR, der Lutherspruch auf dem Kondom, „klingt zwar witzig, ist es aber nicht“. Mimik und Tonfall könnte Cristiano Ronaldo nicht besser hinkriegen, denn jetzt wird es ernst, bitter erst sogar. Denn es gehe um sexualisierte Gewalt, die durch den Aufdruck legitimiert werden könne, weil Männer eben „nicht anders könnten“. Was, so fragt Mann sich, können Männer nicht anders? Ein Kondom benutzen, oder penetrieren? Letzteres offenbar: „Deshalb haben sich Mädchen und Frauen gegen die Aktion gewendet, zu Recht.“ Tja, vor solchen Argumenten guckt Mann als weißer Hetero mit Beamtengehalt verschämt zu Boden, wie Trump, als Merkel ihm die Hand schütteln will. Auf die Nachfrage, ob bei sexueller Gewalt wirklich Kondome ein Thema sind, verzichtet Mann besser: Widerspruch zwecklos, Einstellung der Aktion alternativlos. Wirklich? Die Frauen mit denen ich sprach hatten eine vollkommen andere Assoziation, nämlich „Safer-Sex“, also einvernehmlicher Sex „nicht anders“ als mit Kondom. Könnten die Initiatoren das sogar intendiert haben? Vermutlich, aber das zählt nicht, sondern es zählt offenbar nur, dass es missverstanden werden kann.
Es geht mir nicht darum die Aktion zu verteidigen. Den Socken-Bonbon-Kram finde ich ohnehin kindisch. Vom oft zitierten Satz, der aus dem historischen Kontext entfernt ohnehin fragwürdig ist, weil das Evangelium gerade die Umkehr vom „ich kann nicht anders“ fordert, ganz zu schweigen. Hoffentlich markiert diese Aktion mit Luthersprüchen auf Lümmeltüten den Höhepunkt und damit auch das Ende dieses Hype. Es geht um die Argumentation, die mir typisch zu sein scheint für kirchliche Kommunikation: In einer Kirchengemeinde beginnt eine Diskussion strittiger Themen oft mit „Ich habe einige Stimmen in der Gemeinde vernommen, die…“. In der Argumentation des OKR sind es nicht nur „einige“, sondern „Mädchen und Frauen“ also alle. Die Minderjährigkeit als Argument soll die Stichhaltigkeit zusätzlich untermauern. Wenn Mann jetzt antworten würde, „ich habe andere Stimmen gehört“, würde eine Diskussion in Gang gesetzt. Aber eine Diskussion ist offenbar unerwünscht. Sie wird verhindert, mit einem apodiktischen „was nicht geht!“. Also mit einem Basta-Machtwort eines OKR, der sich sichtlich darin gefällt „Sex“ zu sagen und noch mehr darüber, was geht, und was nicht. Dabei betont die Reformation -„gegen die die Kirche nix hat“ hahaha- ein Selber-Denken. Ein Denken, das anfällig ist für Missverständnisse und das trotzdem nicht aufgegeben werden kann zugunsten eines Lehramtes, das festlegt „was geht“ und was keinesfalls geht.
Besteht christlicher Glaube nicht sogar darin sich durch ein Dickicht von Missverständnissen „hindurch“ zu glauben? Immerhin ist das Kreuz ein höchst missverständliches Zeichen in dem ein Aufruf zu Gewalt und Todesstrafe gesehen werden kann, wenn die Codierung unbekannt ist. Die Video-Botschaft hätte darum auch lauten können: „Wer Kreuze um den Hals trägt, muss sich vor Kondomen mit Luthersprüchen nicht fürchten.“ (Mit derselben Argumentationslogik, mit der die Kondom-Aktion eingestellt wurde, könnten übrigens auch Kirchturm Abrisse begründet werden, schließlich stehen die auch -phallisch?- als Machtdemonstration rum. Die Welt ist voller Missverständnisse.)

Bleibt noch die Sache mit der „Einvernehmlichkeit“. Diese ist offenbar für kirchliches Verständnis hinreichend genug um Sex zu legitimieren. Während dem OKR „sexuelle Gewalt“ wie selbstverständlich über die Lippen kommt kein Wort darüber, dass Sexualität und Liebe und Treue etwas miteinander zu tun haben. Wenn Liebe das Kriterium wäre, ist verständlich, dass Gewalt in einer Beziehung, die davon geprägt ist, keinen Platz hat. Ob das der Kirche dann wohl zu bieder erschien? Dass Einvernehmlichkeit kein hinreichendes Kriterium für Legitimierung von Sex ist, zeigt ein Beispiel: Nehmen wir an, der/die Vorsitzende eines Presbyteriums würde die Sitzung statt mit einer biblischen Betrachtung, mit einer tantrischen Entspannungsübung beginnen in Folge derer sich einvernehmlich Bunga-Bunga-ähnliche Zustände ergeben würden. Sehr wahrscheinlich würde ein OKR trotz Einvernehmlichkeit disziplinarisch tätig werden müssen. Jetzt kann er immerhin sicher sein, dass keine Luther-Kondome mit im Spiel sind.

Ein schwacher Trost. Und eine überflüssige Diskussion.

Kirche kann nicht sterben lassen.

Im letzten Artikel ging es um die Angst der Ortsgemeinde vor Veränderung bzw. vor Bedeutungsverlust. Die folgenden Beobachtungen sind Variationen des Veränderungs-Themas: Nehmen wir einmal an eine junge Pfarrerin* nimmt ihren ganzen Mut zusammen, um das im Vikariat erlernte und erprobte in die Gemeindearbeit einzubringen. Nehmen wir weiter an, sie widmete ihre Aufmerksamkeit dem Gottesdienst: Neue Formen will sie entwickeln, ohne bewährte aufzugeben. Das Presbyterium ist begeistert, schließlich stand diese Formulierung schon in der Stellenausschreibung bei der Besetzung der Pfarrstelle. Ein Zusatz-Gottesdienst muss also her: Andere Uhrzeit, anderer Ort, weil das Kirchenzentrum (und alle Mitarbeitenden) ausgelastet sind. Wenn die junge Kollegin Glück hat sagt man ihr: „Machen Sie mal!“, oder es entspinnt sich eine Diskussion, ob dazu ein Beschluss gefasst werden muss. (Nur am Rande: Muss nicht!) Die Pfarrerin darf machen, geht in eine kleine katholische Kirche am Rande der Stadt, die oft leer steht aber sehr schön ist. Ihre Gottesdienstgestaltung kommt gut an, sie hat einige Menschen gefunden, die gemeinsam mit ihr den Gottesdienst vorbereiten, Konfession spielt eine untergeordnete Rolle, alle sind zufrieden. Der kirchenkundige Leser wird an dieser Stelle sofort merken, dass das Beispiel konstruiert ist, sich aber gleichwohl so zutragen könnte. Nach fünf Jahren verlässt die Pfarrerin die Gemeinde, die einen sind traurig, die anderen froh. Bei der Stellenausschreibung greift man wieder auf Bewährtes zurück: Der Nachfolger* (Mann, Frau, Ehepaar) soll wiederum Neues wagen und Bewährtes pflegen. Die Neubesetzung der Pfarrstelle dauert einige Monate, der ökumenische Vorbereitungskreis kommt in dieser Zeit auch ohne hauptamtliche Begleitung ganz gut über die Runden, nur als der Nachfolger da ist wird es schwierig. Einige ziehen sich schnell zurück, andere bleiben noch etwas, obwohl sie merken, dass der einst so beliebte Gottesdienst zu einer Pflichtveranstaltung mit immer weniger Akzeptanz geworden ist. Irgendwann ist es soweit: Der neue Kollege möchte den Gottesdienst „los“ werden, zwei Gründungsmitglieder des ökumenischen Vorbereitungskreises wollen das nicht, können mit eigenen Kräften aber auch nicht für eine Aufrechterhaltung sorgen. Das Presbyterium ringt sich nach langen Diskussionen dazu durch zukünftig auf diesen Gottesdienst zu verzichten. „Müssen wir das beschließen?“ „Keine Ahnung, mal im Kirchengesetz nachschauen.“ „Da steht nur ‚Bei einer Reduzierung der Anzahl der Gottesdienste ist eine Gemeindeversammlung einzuberufen‘.“ „Mmmhhpf“. Aus dem lockeren „Machen Sie mal!“ ist ein Vorgang geworden. Das Kirchenrecht könnte man zwar versuchen zu umgehen, sollte das aber besser nicht machen.
Nun könnte man sagen: Es ist doch schön, dass so unkompliziert Neues entstehen kann! Stimmt, auf den ersten Blick ist das erfreulich. Bei gleichzeitiger Betonung, dass Bewährtes zu pflegen ist, fällt aber auf, dass das Kirchenrecht bestrebt ist diese Pflege gesetzlich zu regeln ohne dabei zu berücksichtigen, welche Veränderungen sich im Laufe der Jahre in einer Gemeinde entwickelt haben. Es ließe sich durchaus behaupten: Große Teile der Kirchengesetze berücksichtigen die Kontexte gemeindlicher Entwicklung zu wenig. Das Gesetz macht keinen Unterschied, ob es sich um eine Gemeinde mit vielen Bezirken und Pfarrstellen handelt, es macht keinen Unterschied, ob an einem Sonntag in einer Gemeinde fünf Gottesdienste stattfinden oder nur ein Gottesdienst. Es macht sogar keinen Unterschied, ob Gottesdienste in eigenen Kirchengebäuden gefeiert werden, oder ob Gastrecht in Anspruch genommen wird und dabei ggfs. zusätzliche Kosten entstehen.
Weiterhin könnte man einwenden, was denn so schlimm an einer Gemeindeversammlung sei, schließlich sei das doch ein erprobtes basisdemokratisches Element. Ja, das ist es und es könnte sogar dazu beitragen Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Die Erfahrung lehrt jedoch etwas anderes, erst recht auf thematischen Gemeindeversammlungen. Es versammeln sich oft Sprecher*, die vor allem für die Belange der Bewahrung eigener Interessen einstehen. Im geschilderten Fallbeispiel ist es recht unwahrscheinlich, dass es eine Empfehlung für die Reduzierung eines Gottesdienstes geben könnte. Ist es falsch daraus zu folgern, dass kirchenrechtliche Vorschriften die Addition von Aufgaben fördert, weil sie die Aufgabe von „Bewährtem“ erschwert? Folgt daraus nicht, dass die Bereitschaft neue Gottesdienstformen zu etablieren von der Skepsis begleitet wird, dass die Deinstallations-Möglichkeit u.U. unwahrscheinlich sein könnte?
Vermutlich haben wir uns als Windows-Nutzer damit abgefunden, dass installieren einfacher ist als deinstallieren. In manchen Fällen hilft wohl tatsächlich nur der Umstieg auf ein anderes Betriebssystem. Falls ich mich noch einmal auf eine Gemeindepfarrstelle bewerben sollte, dann nur dort wo steht „Neues wagen“. Bewährtes fortführen geschieht in der Kirche nämlich von selbst.

Des Apfels Kern

Seit Monaten sitzt er in seiner Zelle. Wenn er sich auf sein Bett stellt, kann er durch einen Glasbaustein den Himmel sehen. An dem kleinen Tisch versucht er in Worte zu fassen, was ihn umtrieb, als er den Entschluss fasste abzudrücken. Es gelingt nicht, er gibt auf. Einmal in der Woche gibt es einen Apfel, ein Highlight, wie er sagt. Die Kerne wickelt er in Toilettenpapier, feuchtet es an und steckt es hinter die Heizung. Keimen sollen sie, so die Hoffnung. Nach einigen Wochen ist es soweit: Zwei Kerne haben gekeimt. Beim nächsten Hofgang ergattert er etwas Erde, füllt sie in den kleinen Joghurt Becher und hofft nicht entdeckt zu werden. Immerhin das gelingt. Er pflanzt die gekeimten Kerne ein, hegt und pflegt und hofft. Hofft, dass ein Pflänzchen entsteht, hofft, dass es ihm nicht genommen wird. Es glückt, auch mit dem Schreiben. Nun schreibt er über sich in der dritten Person. Die Blätter werden voll, das Pflänzchen wächst. Heute steht das Pflänzchen in einem Pfarrgarten. Es dürfte in den letzten 17 Jahren zu einem Baum gewachsen sein. Er will sehen, was aus ihm geworden ist, wenn er raus kommt. Und aus dem Baum. In zwei Jahren, vielleicht.

Bild: https://www.flickr.com/photos/84953892@N06/8603445375

Die Angst der rheinischen Parochie

Kaum fordert der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland (ekir.de) ergänzende Angebote zu parochialem Handeln, setzt reflexartig die Ermahnung ein nur ja die Ortskirchengemeinde nicht zu vergessen, wie „langweilig und durchschnittlich sie auch sein mag.“ (Zitat des Synodalen im unteren Tweet) Und das, obwohl Rekowski mehrfach in seinem Bericht betont, wie wichtig der Kontext vor Ort sei und wie wenig Notwendigkeit er von Seiten der Kirchenleitung in Düsseldorf sehe zentralistisch einzugreifen.
LS2017
Auch auf der Ebene darunter (Kreissynode) verhält es sich nicht anders. Aus Sicht der Ortskirchengemeinde ist alles verdächtig, was jenseits des eigenen Kirchturms institutionell etabliert werden soll. Angesichts des sich wiederholenden rheinischen Rituals kann sich schon die Frage stellen, ob die presbyteriale-synodale Ordnung unserer Kirche wirklich eine gute Ordnung ist. Präses Manfred Rekowski hat in seinem Bericht auf der Landesynode 2017 in Bad-Neuenahr von einer „ziemlich“ guten Ordnung gesprochen. Diese Ordnung sei deswegen „ziemlich gut“, weil wir uns „gemeinsam bewegen lassen und darauf vertrauen, dass Gottes Geist wirkt und so die Kirche und die Welt verändert.“
Auf dem Weg der Veränderung nennt der Präses einige Richtungsanzeigen für eine Weiterentwicklung der rheinischen Kirche, die ich begrüßenswert finde. Er schreibt/sagt: „Verkündigung ist die wichtigste kirchenleitende Aufgabe. Ich sehe bei vielen Menschen einen Wunsch und eine Suche nach Spiritualität, Stille, Gebet, Gesang, Musik und geistlicher Kommunikation, die so im traditionellen und agendarischen Gottesdienst häufig nicht immer gefunden wird. Hier ist mehr Vielfalt und Kontextualisierung nötig.“
Als ich vor zwanzig Jahren als junger Pfarrer mit meinen beiden Kollegen über neue Gottesdienstformen nachdachte und wir schließlich sogar ein gemeinsames (hört, hört!) Konzept (wichtig!) vorlegen konnten, waren die presbyterialen Widerstände dagegen durchaus beachtlich. Weil wir aber zu dritt waren und nur eine Predigtstätte zur Verfügung stand, waren alle besänftigt, als wir einen zusätzlichen (!) Gottesdienst am Abend vorschlugen. Immerhin gibt es diesen Gottesdienst auch nach zwanzig Jahren immer noch. Aber natürlich wird der „traditionelle, agendarische Gottesdienst“ weiterhin als vielfältig und vor allem kontextualisiert verstanden! Und wenn der Präses betont: „Jede Gemeinde muss eigene Lösungen für ihren jeweiligen Kontext finden“ kann das nicht nur zum Ansporn nach eigener Initiative führen, sondern auch zur Bestätigung, dass das eigne Handeln eben genau diesem Kontext entspreche und keiner Veränderung bedürfe. Isso!

Die Gemeinde in der ich wohne, hält es z.B. für geboten am Sonntag um zehn Uhr gleichzeitig zwei agendarische Gottesdienste im Umkreis von Luftlinie 200m anzubieten, auch wenn dafür zwei Ordinierte notwendig sind und die Gottesdienstgemeinde auch in einem Kirchenzentrum ausreichend Platz finden könnte. Gleichzeitig wird seit zehn Jahren über neue Gottesdienstformen diskutiert. Freilich immer unter der Prämisse möglichst wenig Veränderung an den gewohnten Gottesdienstorten und –zeiten zuzulassen.

Es mag sein, dass die presbyterial-synodale Ordnung eine ziemlich gute Kirchenverfassung ist. Sie ist aber eine, die Kontinuität fördert und auf Veränderungsnotwendigkeiten nur zögerlich zu reagieren im Stande ist.
Das gilt auch für das Selbstverständnis der kirchlichen Leitungsorgane. „Wir müssen realisieren, dass die Kirchenmitglieder schon lange über Nähe und Distanz zur Kirche sehr souverän selbst entscheiden und den Zugang wählen, der sie überzeugt“ –heisst es im Präsesbericht. Ein Presbyterium, das Schwierigkeiten damit hat seine Tagesordnung so zu gestalten, dass ein öffentlicher Teil der Sitzung möglich wird, hat vermutlich wenig Chancen noch ernst genommen zu werden. Wahr genommen wird es ohnehin nicht mehr.

Es kann nicht ernsthaft um mehr Wertschätzung der Parochie in der evangelischen Kirche im Rheinland gehen. Es ist vielmehr an der Zeit zu erkennen, dass die Parochialgemeinde organisatorisch und theologisch an ihre Grenzen kommt, wenn sie Richtungsanzeigen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten, die nur von außerhalb ihrer selbst kommen können, konsequent ignoriert.

Kirchliche Social Media in hektischen Zeiten

In einem früheren Beitrag hatte ich die kirchlichen Social Media Aktivitäten nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin kritisiert. Das ganze mündete in einer Art Predigt, was zu Missverständnissen führte. Darum hier noch einmal eine Zusammenstellung der Punkte, auf die es mir ankam:

-Der Zeitpunkt: Noch bevor klar war, was überhaupt passiert ist, wurde auf der Facebook-Seite der evangelischen Kirche im Rheinland ein Fürbitten Gebet veröffentlicht, das auch schon bei dem Anschlag in Nizza gepostet wurde, wenngleich mit dem Hinweis, dass noch nicht geklärt sei , was sich zugetragen habe. Der frühe Zeitpunkt wurde mit Blick auf die Stimmung in den sozialen Medien gerechtfertigt. Man habe das beobachtet, was trending topic gewesen sei und darauf entsprechend reagiert. „Wäre die Alternative gewesen zu schweigen?“ –fragt ralpe. Ich meine: „Ja“. Der Verweis auf die Klagepsalmen „der hebräischen Bibel“, in der Menschen die ihnen angetane Gewalt vor Gott bringen, ist ein ungeeignetes Beispiel. Denn der Klagepsalm ist gerade kein „ad hoc-Gebet“ in der aktuellen Notsituation, vielmehr weist sein Aufbau darauf hin, dass ein innerer (vor Gott reflektierender!) Vorgang den Beter* bewegt und zwar so, dass dieser von der individuellen Bedrückung zum universalen Lob führt. Der Klagepsalm bleibt nicht in der Anklage Gottes stecken, vielmehr betont er, dass in der Erfahrung der Ausweglosigkeit Gottes Anwesenheit Anlass zum Lob/Vertrauen/Glauben ist. Ein solches Gebet braucht Zeit und hätte diese auch bis zum Berliner Trauergottesdienst gehabt.

-Das Angebot: „Aber wenn der Hashtag „PrayforBerlin” ein „trending topic” ist, dann finde ich es nur angebracht, ein Gebet anzubieten, das Social-Media-Nutzerinnen und Nutzer sich aneignen können und Worte anzubieten,..“ –schreibt ralpe. Der Druck, den Social Media Redaktionen verspüren ist an dieser Äußerung gut zu beobachten. Aber wartet der User* wirklich auf diese Angebote? (Ich gebe zu, dass ich mit dem Begriff „Angebot“ Probleme habe, seit ein Professor mir im Kolloquium riet diese Vokabel aus meinem theologischen Wortschatz zu streichen.) Schaut man auf die Klickzahlen (1.027 bei einer Reichweite von 19.572; auf dem entsprechenden Facebookpost) ist die Antwort auf diese Frage scheinbar eindeutig: Ja, es gefällt. Dennoch ist zu fragen, wie sinnvoll oder geboten es erscheint sich an höchst flüchtigen trending topics zu orientieren. Hanno Terbuyken (@dailybug) von evangelisch.de schreibt in einer Facebook Gruppe zu Kirche und Social Media: „ Wenn ein ‚Live‘-würdiges Ereignis passiert, bedeutet das für jedes Medium, das Aktualität hat: In mindestens dieser Aktualität müssen wir auch darauf eingehen. Der Impuls, im Krisenfall langsamer zu werden, existiert nicht –und existiert auch nicht bei Lesern/Nutzern, egal wie oft Medienbeobachter mehr Ruhe einfordern. Die Feedbackschleife für Zurückhaltung und Langsamkeit ist negativ. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Medien müssen sich daher die Frage stellen: Wie kriegen wir die nötige Sorgfalt in dieser Geschwindigkeit hin? Denn an der Geschwindigkeit lässt sich nicht drehen.“ Ich fürchte Hanno hat recht, jedenfalls was den News-Bereich angeht. Wenn es um Lebensbegleitung allgemein und so etwas wie gottesdienstliche Begleitung im Besondern geht, ist vielleicht gerade nicht so zu agieren. In meiner pfarramtlichen Praxis der letzten 20 Jahre habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst bei Trauerfeiern der Trend zur möglichst schnellen „Abwicklung“ immer häufiger gewünscht wurde. Ist das schon eine Folge des geäußerten „#RIP_XY“ in sozialen Medien? Ein Gottesdienst dagegen verlangt nach Unterbrechung des Alltags. Ich würde soweit gehen zu sagen: Auch ein Gebet verlangt nach Unterbrechung des Alltags, es verlangt nach Klick-Verzicht, und Stream-Abstinenz um dann, wenn die Zeit gekommen ist, eine Kerze zu entzünden, die vielleicht sogar digital ist. Ruhelose Gottesdienste gibt es im Protestantismus ohnehin genug. Ist dies sogar die Ursache für deren Fortführung in den sozialen Medien? Der Vikar der Gedächtniskirche zeigte sich am Abend des Trauergottesdienstes jedenfalls überrascht, dass die Menschen vor allem ihre Ruhe in der Kirche haben wollten.

Schließlich noch ein Gedanke zu all jenen kirchlichen Posts, die ausschließlich mit einer Grafik und dem entsprechenden Hashtag hantierten: Muss Kirche das erledigen, was Schalke04 auch kann? Oder erledigt Schalke, was die Kirche soll? Fragen über Fragen in dieser digitalen Welt!

PrayForBerlin

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