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Photo Credit: Maik Meid Flickr via Compfight cc

Gezerre am Zipfel des Talars

Foto: Maik Meid

Der Pfarrer* isst anders. Nämlich viel, weil es bei jedem Anlass etwas gibt. Mit Leib und Seele ist er außerdem bei der Sache, denn er wird dotiert und nicht nach Arbeitsleistung bezahlt. Deswegen wird auch erwartet, dass er einstecken kann. Nicht das Stück Kuchen beim Geburtstagsbesuch —obwohl auch das schon vorgekommen sein soll— sondern vor allem Kritik. Das Schicksal teilt er freilich mit Politikern*, Lehrern*, Journalisten* und allen anderen, die in irgendeiner Art und Weise „öffentlich“ ihren Beruf (ein evangelisches Wort!) ausüben. Dagegen ist rein gar nichts einzuwenden bis auf die Tatsache, dass man eigentlich über das demokratische System, Schule, irgendwas-mit-Medien und eben Kirche redet. Der Stammtisch kennt allerdings keine Systeme, sondern nur Personen, über die man sich überaus trefflich unterhalten.

Manchmal braucht eine Synode auch einen Stammtisch. Nicht erst am Abend, sondern gleich im Plenum. Das heißt dann „Impuls Referat“ und der Redner* darf kräftig vom Leder ziehen. Tut er auch meistens, wie kürzlich auf der EKD Synode.

Warum sich allerdings unter dem Titel „Herausforderungen für eine reformbereite Kirche“ banale Ratschläge wie Empfehlungen zur Minutenzahl der Gottesdienstdauer finden, bleibt ebenso rätselhaft wie die Forderung die Pfarrer* mögen doch bitte loyaler gegenüber ihrer Kirchenleitung sein. Noch rätselhafter bleibt allerdings, warum der Soziologe nur eine kirchliche Ebene im Blick hat. Auch im zweiten Impulsvortrag bleibt noch etwas von diesem Reflex übrig. Zum Glück nur am Rande, aber ohne Pfarrer*-Schelte geht es offenbar nicht: In Radioandachten sage das göttliche Bodenpersonal nach dem obligatorischen lebensweltlichen Einstieg nur noch das, was es immer schon mal sagen wolle. Und ein junger Kölner Pfarrer, der neue Gemeinde- und Gottesdienstformen erproben will, mache sich Gedanken über Milchschaum statt Kondensmilch und nähme damit dem Evangelium seinen harten Kern, ist da zu lesen. Nicht auszudenken dieser junge Mann wäre auch noch tätowiert! Schließlich ist die Kirche für alle da und nicht nur für einige wenige Hipster.

Warum ich als Radiohörer* und Zeitungsleser* selbstverständlich die Wahl zwischen verschiedenen Geschmacksrichtungen haben darf und wählen kann, im kirchlichen Kontext dagegen Einfältigkeit Einzug halten soll, bleibt offen. Vielleicht, weil „die Kirche“ für „alles“ zuständig ist? Also für das Große-Ganze, Gott, das Existenzielle, Ewigkeit, Gegenwart, Zukunft, Abgründiges, Tiefgründiges, Unverständliches?

Muss aber „die Kirche“ an solch einem Anspruch nicht scheitern? Erst recht, wenn die Zuständigkeit zwischen den einzelnen kirchlichen Ebenen hin und her gereicht wird? Verhängnisvoll, dass die Beantwortung dieser Fragen innerkirchlich höchst unterschiedlich ausfällt. In anderen Kontexten ist das unproblematischer: Die Zweitmeinung eines Arztes ist geschätzt, die Drittmeinung eines Kirchenmenschen aber eine Katastrophe. „Liefern“ soll die Kirche, vor allem Sinn und Botschaft. Tut sie das nicht oder nur unzureichend, steht Ihre Existenz in Frage. Zumindest für die Beobachter. Die Akteure dagegen versuchen mit noch mehr Aktivität den Beobachtern genügen zu wollen.

Leider lässt sich die evangelische Kirche gerne vor die Alternative stellen „Lieferheld“ oder „Lieferando“ zu spielen. Ist der Ball einmal angenommen, muss man Leuchtturmprojekte liefern, die mit der Zeit zu Schlaglichtern verkommen, die ihrerseits Schatten auf stillgelegte Kirchtürme werfen. Was also tun? Falsche Frage! Es geht noch nicht einmal um ein Lassen, obwohl selbst das schon viel wäre.

Es geht um Hoffen. Hoffen, dass die Einsicht wächst, dass es Orte der Zwecklosigkeit braucht. „Zwecklos aber nicht überflüssig“, das wäre ein überaus treffendes Motto für eine christliche Kirche aufgedruckt auf Fidget-Spinner im Jahre 501 nach der Reformation. Wem die darin versteckt Relational-Ontologische Debatte eher fremd ist, kann das Werbegeschenk so lange in Kondensmilch halten bis daraus Milchschaum geworden ist. Das sieht dann besser aus, schmeckt aber trotzdem nicht allen.

„Eher fragen und zuhören als antworten, predigen oder gar belehren. Uns hinwenden und suchen, was verloren gegangen ist.“ Für diesen Satz hat Kirsten Fehrs, Bischöfin in der Nordkirche, viel Kritik erfahren, auch von der predigenden Zunft. Ist die Einsicht verloren gegangen, dass Gnade nicht nach Nützlichkeit fragt? Auch nicht nach der Nützlichkeit von Kirche. In Zeiten in denen alles und jeder performen und an sich glauben muss, in der jeder* das tun muss, was getan werden muss, fehlt es an Orten an denen man bedingungslos da sein darf. Hinwenden, suchen und entdecken, dass Gott Freude am Finden des Verlorenen hat, ist darum schon viel. Der Groschen bleibt in der Geldbörse, das Schaf bei der Herde –einfach so. Nicht der Nutzen, sondern die Freude darüber, dass Gott sich interessiert für das, was er geschaffen hat, muss entdeckt und als Haltung erkennbar werden.

Bild: Photo Credit: <a href=“https://www.flickr.com/photos/46729310@N04/34564754410/“>Maik Meid</a> Flickr via <a href=“http://compfight.com“>Compfight</a> <a href=“https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/“>cc</a>

 

 

Kontakt!

Wir sitzen nach dem Handballturnier im Schnellrestaurant. Sieben Köpfe sind nach vorne geneigt, (jeder blickt auf sein Handy) Die linke Hand fingert nach etwas Essbarem, während der Daumen der Rechten unablässig tippt. Plötzlich hebt sich ein Kopf, dreht sich und sagt zu seinem Nachbarn: „Hast du meine Nachricht gelesen?“ Als Antwort kommt nur ein müdes „Mhm“, freilich ohne den Kopf zu heben. Es wird weiter getippt und gegessen, keiner findet etwas seltsam an dieser Szenerie. Kein Wunder, es sind Teenager, denke ich und will gerade meinen Laptop aufklappen, da höre ich: „Ernsthaftjetzt, Papa? Voll peinlich!“

„Ach, ja? Aber eure Metakommunikation ist nichtpeinlich oder was!“, entfährt es mir. Plötzlich sind alle Köpfe oben und wir mittendrin in einer Diskussion, was geht, und was nicht in einem Restaurant mit freiem WLAN. Um es kurz zu machen: In der Bewertung sind wir zu keinem gemeinsamen Ergebnis gekommen, da bleibt der Generations- Unterschied als technische und kulturelle Differenz bestehen. Aber das Gespräch darüber, was das Handy so mit uns macht, war aufschlussreich: Es geht gar nicht so sehr um den Inhalt dessen, was geschrieben wird. Manchmal geht es nur um das Wissen, das der andere da ist und das durch eine Buchstabenkombination oder ein kleines animiertes Bildchen auch zeigt. Gegenseitige Verbundenheit steht im Vordergrund, nicht so sehr der Austausch von alltagstauglichen Nachrichten. Gar nicht so banal, wie ich vermutet hatte und mir fällt der Psalmbeter ein, der ein Lied auf die Geborgenheit bei Gott singt: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Die Gewissheit von Verbundenheit lässt ihn fröhlich sein. Deswegen lässt er den Kontakt auch niemals abreißen. Es ist überlebenswichtig zu wissen, dass Gott da ist und uns zugewandt. „Dann ist Chatten also ein bisschen wie Beten?“ fragt einer. . „Nun“ sage ich, „der Chatpartner ist schon wichtig, wenn man es Gebet nennen möchte, aber wenn es euch tatsächlich um ein Verbundensein geht, dann ist die Grundsituation schon vergleichbar. Es gibt sogar verschiedene Apps, die dabei helfen sollen, mit Gott in Kontakt zu bleiben.“

„Echt jetzt, Papa, voll cool!“

„Ich schick dir mal den Link“, sage ich und klappe meinen Laptop auf. Auf dem Weg zum Parkplatz frage ich noch augenzwinkernd: „Und habt ihr meine Nachricht schon gelesen?

Der Beitrag erschien am 14.10.2017 für kirche-im-wdr.de unter „Kontakt“ und ist auch hier nachzuhören: 

 

Bildnachweis: Photo Credit: <a href=“https://www.flickr.com/photos/64018555@N03/6756420231/“>MDGovpics</a> via <a href=“http://compfight.com“>Compfight</a> <a href=“https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/“>cc</a>

 

Sündige tapfer!

Ich fahre auf der Autobahn, rechte Spur, knapp 100 km/h. Der Sportwagen, der mich gerade überholen will, verlangsamt sein Tempo. Die Fenster fahren runter. Etwas Stabartiges wird aus dem Fenster geschoben, ich erschrecke kurz, ist es eine Waffe? Dann erkenne ich die Action Cam auf einem Selfie Stick! Mein Auto und ich werden gefilmt.

Was war geschehen? Hatte ich mich regelwidrig verhalten? Ich war mir keiner Schuld bewusst Ähnliches ist mir auf der Reise übrigens noch mehrmals passiert: Kurzes Hupen, Winken, Lachen, Klick –ein Foto. Um es kurz zu machen, es liegt nicht an mir, sondern am Auto. Mein „Bulli“ ist bald 40 Jahre alt, im Straßenverkehr selten zu sehen, dafür aber in jeder zweiten Werbung. Der alte Bus weckt Erinnerungen, Sehnsüchte und ist mittlerweile ein Lifestyle Produkt.

Das war nicht immer so: Vor zwanzig Jahren, als ich ihn kaufte, erntete ich überwiegend Kopfschütteln. Kein Kat, ein Verbrauch zwischen 12 und 15 Litern Benzin, dazu noch Ölverbrauch und Ölverlust. In den Augen meiner Kolleginnen und Kollegen war ich ein Umweltverpester ersten Ranges. Inzwischen darf ich mit diesen Daten sogar in jede Umweltzone fahren, dank des Kennbuchstabens „H“ für historisches Fahrzeug.

Sicher ließen sich jetzt Argumente finden, gute und schlechte, warum es so ist, wie es ist. Nimmt man die aktuelle Debatte um Dieselfahrverbote, Umtauschprämien und Schadstoffausstoß hinzu, entsteht eine große Ratlosigkeit, wohin geht die Reise. Oft entsteht der Eindruck, wir könnten uns bewegen, ohne Emissionen zu verursachen. Klar geht das, wenn man läuft oder Fahrrad fährt. Beim E-Bike fängt es dann schon an, anders zu werden. Zero-Emission ist ein Märchen, an das wir nur zu gerne glauben. In Wahrheit werden wir uns nicht fortbewegen können –jedenfalls nicht über längere Strecken- ohne Schadstoffe freizusetzen. Dabei ist es natürlich keineswegs gleichgültig, für welche Art der Fortbewegung wir uns entscheiden. Es gibt ein klares „besser“ und „schlechter“, allerdings ist die Einzelentscheidung oft kompliziert.

Theologisch gesprochen könnte man sagen: Es gibt kein Entrinnen, wir werden uns so oder so die Hände schmutzig machen. „Sündigen“ nennt das die Bibel. Der große Reformator Martin Luther hat einem Kollegen, der sich immer schlecht entscheiden konnte einmal geraten: „Sündige tapfer!“ Das meint: Du musst dich entscheiden, und damit leben, wenn du möglicherweise scheiterst oder deine Ziele nicht erreichst.

Ich habe mich entschieden noch weitere Jahre mit dem Bulli zu fahren, allerdings nur in den Urlaub. Zur Arbeit fahre ich mit dem Fahrrad, auch wenn der Weg mit 46 km pro Tag doch recht lang ist. Im letzten Winter habe ich oft schon ein E-Bike herbeigesehnt. Ob mich aber damit jemand fotografieren will?

Vermutlich erst, wenn ich damit mit 100 km/h auf der rechten Spur einer Autobahn fahren darf.

Der Beitrag wurde verfasst für „Kirche im WDR“ und ist dort unter „Tapfer Sündigen“ am 13.10.2017 erschienen und kann auch hier nachgehört werden:

Ham kummst

Autor: Manchmal läuft`s nicht rund, überhaupt nicht. Besonders schlimm ist es, wenn sich das schon lange vorher abzeichnet und es immer wiederpassiert. Davon handelt der Song „Ham kummst“ von dem Duo aus Österreich: Seiler und Speer. Immer wieder passiert es ihm, dass er besoffen nach Hause kommt.

Musik: „Letzte Nacht war eine schwere Partie für mich, ich kann mich nicht erinnern, was gestern war! Und sie sagt: Wenn du noch einmal so heimkommst, sind wir geschiedene Leute.

Overvoice: Letzte Nacht war eine schwere Partie für mich, ich kann mich an nichts erinnern, und sie sagt: Wenn du noch einmal so heimkommst, sind wir geschiedene Leute

Autor: Das sich wiederholende Scheitern ist ebenso tragisch wie der Held selbst: Die Umstände sind schuld, die anderen, die Situation, in die er gebracht wird. „Wer kann dazu schon ‚nein‘ sagen?“ Hoffnungslos ausgeliefert. Vor allem sich selbst:

Musik: „Letzte Nacht war eine schwere Partie für mich, alle haben sie mich eingeladen und da sagt man nicht nein, nein, nein! 

Overvoice: Letzte Nacht war ne schwere Partie für mich, alle haben mich eingeladen, da sagt man nicht nein und geht heim.

Autor: Auch wenn die Frau zu Hause mit der Scheidung droht. Irgendwie wird sich schon wieder alles einrenken. Eine Entschuldigung muss her, ein Beweis, dass ich es Ernst meine, dass ich versuche mich zu bessern, dass es mir Leid tut. Doch: Irgendwann ist es zu spät, der Bogen überspannt trotz Blumen und Sekt :

Musik: „Letzte Nacht, war keine schwere Partie für mich, bin um 8 daheim gewesen, mit Blumen und Sekt! Letzte Nacht, war doch eine schwere Partie für mich, denn auf dem Tisch lag ein Brief, und meine Frau, die war weg, weg, weg!

Overvoice: Letzte Nacht, war eine schwere Partie für mich, denn auf dem Tisch lag ein Brief, und meine Frau, die war weg!

Autor: „Zwar habe ich durchaus den Wunsch, das Gute zu tun, aber es fehlt mir die Kraft dazu.“ – sagt einmal der Apostel Paulus über sich selbst. „Ich will eigentlich Gutes tun und tue doch das Schlechte; Wie kommt Mann da raus?

Wie weiterleben und einen Neuanfang auf die Reihe kriegen?

Zunächst einmal den Realitäten ins Auge sehen: Sie sagt: Jetzt sind wir geschiedene Leute. Und:

Musik: 3:22 Die Kinder kriegst du nicht in nächster Zeit, Den Hund, den kriegst du auch nicht, und des Haus, das gehört mir, und wenn du das nicht glauben kannst: das steht auf dem Scheidungspapier-ier-ier! schwarz auf weiß.

Overvoice: Die Kinder kriegst du nicht in nächster Zeit. Den Hund auch nicht und das Haus gehört mir. Das steht auf dem Scheidungspapier.

Autor: Zu den Realitäten gehört auch, sich das Scheitern einzugestehen, die Schuld bei sich zu suchen, nicht nur bei den anderen; Verantwortung zu übernehmen Und: Gott sieht mich anders. Er sieht mich so an, wie ich mich selbst gerne sehen würde. Das Scheitern hat nicht das letzte Wort. Neuanfang ist möglich. Heimkommen zu Gott auch.

 

Foto: https://www.flickr.com/photos/47847902@N07/26286249105/

Photo Credit: <a href=“https://www.flickr.com/photos/47847902@N07/26286249105/“>Donauinselfest</a> Flickr via <a href=“http://compfight.com“>Compfight</a> <a href=“https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/“>cc</a>

 

http://www.songtexte.com/songtext/seiler-und-speer/ham-kummst-4366afa3.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Seiler_und_Speer

https://www.youtube.com/watch?v=GWgisTPKCdk

Der Beitrag erschien für „Kirche im WDR“ am 12.10.2017 und ist auch hier nachzuhören:

Kurve geht nach unten

Ein Herz für Versager

Versager sein, mag niemand. Der Versager ist nämlich jemand, dem nicht nur hier und da etwas misslingt, sondern der immer wieder auf ganzer Linie scheitert und dem deswegen das Label des „Losers“ -entweder als Fremd- oder als Eigenbeschreibung- anhaftet. Von Versagen, Scheitern, Verlieren zu erzählen ist mit Scham besetzt, obwohl es sich um zutiefst menschliche Erfahrungen handelt. Weil sich Erfolgsgeschichten aber besser verkaufen lassen, gehört es dazu Momente des Versagens zu verschleiern.  Im zwischenmenschlichen Bereich ist die Ausrede ein wirkungsvolles Mittel der Verschleierung, das allerdings im beruflichen Kontext strikt zu vermeiden ist. Die berühmte „Lücke im Lebenslauf“ ist unter allen Umständen in Bewerbungsunterlagen zu unterlassen. So nimmt das Erzählen der Erfolgsgeschichten ihren Anfang.

Biblische Geschichten dagegen machen ernst mit menschlichem Versagen und dennoch muss dieses oft erst mühsam freigelegt werden: Zachäus gilt als ein Vorbild im Glauben, weil er sich beharrlich nicht davon abbringen lässt zu Jesus durchdringen zu wollen. Dass es sich bei ihm um einen notorischen Betrüger gehandelt hat, ist immerhin noch nicht ganz vergessen. Jakob, der Stammvater Israels, ist auch ein Muttersöhnchen, das sich mit Erschleichung von Leistungen seinen Platz erkauft hat. Von König David  und seiner Lust an Anstiftung zum Mord, wird weniger erzählt, als von seinen Psalmen.  Auch, dass Mose ein Totschläger war, der trotzdem den Auftrag bekam sein Volk in die Freiheit zu führen, wird oft vergessen. Und das Verhalten des Paulus kann nur erpresserisch genannt werden, jedenfalls wenn man auf die Zeit blickt bevor er sich als Apostel bezeichnet.

Nun könnte man einwenden, die Geschichte Jesu sei doch die größte aller Erfolgsgeschichten, schließlich wird durch seine Auferweckung kein geringerer als der Tod besiegt. Ob darin die Vergessenheit von Versagensgeschichten begründet ist? Anlass dazu bieten die biblischen Erzählungen freilich nicht: Der Ort des größten Versagens ist das Kreuz Jesu! Bei diesem Anblick nehmen die ersten Jünger reiß aus und bekommen es mit der Angst zu tun. Erst später begreifen sie: Durch den Tod hindurch erschafft Gott neues Leben. Unser Versagen wird zu seinem eigenen gemacht. Unser gescheitertes Leben ist in seinem Tod aufgehoben und in seiner Auferweckung überwunden. Versager sein, braucht keiner mehr!

 

Dieser Text erschien als Domain der Woche (497) auf e-wie-evangelisch.de

Reformation in der Krise

„Selfies führen zur Vereinsamung“ ist im Memorandum zum Reformationsfest 2017 zu lesen. Herausgeber sind Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff. (Zum Text bitte auf folgenden Link klicken: Memorandum zum Reformationsfest 2017 ) Auch wenn in der Analyse vieles richtig beobachtet ist, der kirchliche Kardinalfehler zwischen „virtuell“ und „real“ findet auch im Memorandum seinen Niederschlag:

„Das „Selfie“ mit dem iPhone steht für die zunehmende und alleinige Konzentration des Menschen auf sich selbst. Von Kindesbeinen an daran gewöhnt, führt das zu einer inneren Vereinsamung, lässt menschliche Beziehungen verkümmern und den realen Nächsten zugunsten des virtuellen aus den Augen verlieren.“

Schade eigentlich, denn gerade ein Blick auf die digitale Transformation könnte helfen zu zeigen, wo kirchliches Handeln verändert werden müsste um -Zitat- „die Erkenntnisse“ der Reformation „und die Bedingungen für Überzeugungskraft ins 21. Jahrhundert zu übertragen, um so Menschen zu stärken.“ Folgerichtig taucht Digitalisierung auch gar nicht unter den gesellschaftlichen“ Anknüpfungspunkten“ auf. Die Frage, wie es „in einer schnelllebigen Zeit und einer sich rasant verändernden Gesellschaft“ zu einer „Beheimatung und … Verwurzelung im Unverwechselbaren“ kommen soll, ohne dass auch digitale Beziehungen geschaffen werden, muss daher unbeantwortet bleiben. So gilt auch für das Memorandum selbst, was von „der Kirche“ gefordert wird:

„Die Kirche wird sich gerade in diesem Jubiläumsjahr offen und ehrlich mit ihrer eigenen Krise auseinanderzusetzen haben, auch mit dem gravierenden Schwinden ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und Akzeptanz. Sie wird so selbstbewusst wie konfliktfähig ihre Vergangenheit kritisch in den Blick nehmen und sich darüber klar werden, was in unserer 500jährigen Geschichte wie und warum schief gelaufen ist.“

Vielleicht sollten die in der Kirche für Digitalisierung Verantwortlichen tatsächlich einfach nur ihren „Job machen“ auch wenn darin -nach Meinung der Verfasser- kein Segen drauf liegt.

 

Kirchentage können weg.

Der Kulleraugen #dekt2017 sollte eine der letzten Veranstaltung dieser Art gewesen sein, er ist wenig zeitgemäß. Wären es nur singende U-Bahnen oder lustige Schals, hätte der Protestantismus kein ernsthaftes Problem. Der Bedeutungsverlust ist allerdings massiver als vielfach wahrgenommen. Dass die Veranstalter das anders sehen, zeigt wie groß der Graben zur Wahrnehmung der Gesellschaftlichen Realität geworden ist. Eine Bühne vor dem Reichstag, Merkel und Obama als Gäste des Kirchentages auf allen bedeutenden Titelblättern deutscher Tageszeitungen, das alles täuscht darüber hinweg, dass sich der Großteil der Bevölkerung für eine kirchliche Großveranstaltung ähnlich stark interessiert, wie für den sonntägliche Gottesdienst in der Kirche um die Ecke. Gut zu beobachten war das bei den sogenannten „Kirchentagen auf dem Weg“, die, man muss das leider so hart sagen, ein Flop waren. Das Format Kirchentag funktioniert nur noch, weil sich öffentliche Hand und Volkskirche in ihrer jeweiligen gegenseitigen Positionsbestimmung einig sind und der Kirchentag sich als „wir_sagen_euch_jetzt _mal _wo_der_Hammer _hängt_Institution“ gefällt. Wobei „Euch“ entweder Politik oder Kirche sein kann; wenn man es besonders deftig mag, auch mal beide zugleich. So etwas möchte heute niemand mehr hören. Zu Recht, denn ein Mangel an Resolutionen ist in der Welt des Jahres 2017 nicht festzustellen. Dabei gäbe es jenseits einer Papphocker-Mentalität viel zu entdecken. Auf dieses jenseits hat man es offenbar nicht abgesehen, übernahm man das Wort „Christentreffen“ als Eigenbeschreibung m.W. erstmals. Kein Binnenkirche-Treffen, das wäre eine der vornehmlichsten Aufgaben in der Ausrichtung kommender Veranstaltungen. Dazu braucht man keine prominenten Köpfe als Zugpferde gängiger gesellschaftlicher Großdeutemodelle. Und man muss auch nicht mehr versuchen einer bundesdeutschen Großstadt so etwas wie ein Kirchentagsgefühl zu vermitteln. Die Kirchentage auf dem Weg in acht Mitteldeutschen Städten hätten ein Anfang sein können das Kirchentagsformat zu erneuern. Wären z.B. in Leipzig „Wahrheit und Sexualität“, in Magdeburg „Gnade und Digitalität“, in Erfurt „Freiheit und Identität“, in Jena „Gerechtigkeit und Arbeit“, in Halle „Frömmigkeit und Alltag“ als Themenschwerpunkte benannt worden, die ein oder andere Dauerkarte wäre vielleicht doch an die Frau oder den Mann zu bringen gewesen. Voraus gesetzt die Marketingabteilung von #r2017 hat die 59 EUR Eintrittspreis, in einer Region in der 80% keiner Konfession angehören, gut kalkuliert. Die Session und Slot gewohnte Konferenzteilnehmerin* ist heute jedenfalls themenorientiert. Selbst tanzende Biber und Disney Referenzen sind dann möglich. Kommt es dann noch zu einem ernsthaften Ringen um entscheidende Fragestellungen für die Zukunft der Gesellschaft hätte „die Kirche“ eine Gewinnchance jenseits appellativer Beschwörungen. Für eine jeweils alle zwei Jahre stattfindende Selbstvergewisserung der Gläubigen taugt eine kirchliche Großveranstaltung nur noch bedingt. Die Bindungskraft, die von einem Kirchentag ausgeht wird zunehmend schwächer bei den Milieus, die gewohnt sind sich täglich zu etwas verhalten zu müssen, das an Nachricht, Meinung und Lifestyle wahrgenommen werden will. Es bedarf einer anhaltenden Anwesenheit und Begleitung auf dem Markt der Möglichkeiten um auf diese Herausforderung zu reagieren. Heute heißt dieser Markt der Möglichkeiten „Internet“. Mit diesem hat es die Kirche schwer, denn es ist ein weithin unbekannter Ort der Anonymität und der Gefahren. Der Kirchentag dagegen sei der Ort echter Begegnungen und Erfahrungen. Auch wenn es dazu andere Stimmen und Podien gab, hält sich dieser Narrativ beharrlich. Ob es Sinn macht darauf hinzuweisen, dass dieses Internet nicht mehr weggeht? Die Vermutung liegt nahe, dass nach den Erfahrungen die neben Margot Käßmann auch der Twitteraccount des #dekt machen musste, die Skepsis gegenüber dem digitalen Meinungsmarktplatz nicht geringer werden wird. In diesem Zusammenhang darf gefragt werden, warum einer Reformationsbotschafterin und deren Kommunikationsstab eine digitale Selbstverteidigung nicht gelingt und sie auf die Hilfe eine bekannten Netzjournalisten angewiesen sind. Ebenso sollte nicht vergessen werden, dass ein oder zwei missglückte Tweets einen erheblichen Schaden anrichten können. Dieser ist sicher als Lernerfolg für twitternde Journalistenschülerinnen* nicht gering zu bewerten, geht allerdings auf Kosten der Reputation des Kirchentages. Vor einem Großereignis mal eben einen leistungsfähigen Account zu bestücken ist nicht einfach, wenn dem Thema sonst wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Eine Kirche, die sich das Ziel Digitalisierung mitzugestalten so hoch gesteckt hat (EKD Synode 2014), kann tief fallen, wenn sie nicht bereit ist wirklich mitzuspielen, sondern immer nur am Rand steht und sagt, wie gespielt werden soll. Was für das Digitale gilt, macht auch analog Sinn und umgekehrt, immer.

Im Blick auf 2019 könnte es allerdings für den #dekt in Dortmund nicht besser laufen als im Moment. Vielleicht wird Jürgen Klopp bis dahin wieder beim BVB sein, dann hätte man einen erfahrenen Reformationsbotschafter vor Ort. Und auch Helene Fischer sucht nach einem erfolglosen DFB-Pokal-Halbzeit-Intermezzo nach neuen Aufgaben: Mit Pred.1,2 wäre das Motto „Atemlos!“ und die DSW21 App gibt es sogar jetzt schon zum Download.