Autor: knuuut

twitterfalle

„Digitale Kirche“ ein Missverständnis

Die Debatte um #digitalekirche ist beendet. Auch wenn der Hashtag sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Zur Erinnerung: Angefangen hatte es mit einem Printartikel, der viel Beachtung auch außerhalb (digitaler) sozialer Medien fand und darauf hin wiederum intensivere online Aufmerksamkeit erlangte. Nun hat Hannes Leitlein in einem Podcast deutlich gemacht, dass ihm die Debatte manchmal lästig ist. Vor allem, weil die diskutierten Aspekte in alle erdenklichen Richtungen laufen. Dabei war eigentlich etwas ganz banales gemeint: Der nächste Gottesdienst am Sonntag, der bekanntlich an jeder Ecke stattfindet, sollte möglichst schnell und benutzerfreundlich im Internet auffindbar sein. Soweit so schlicht! Und: Weitgehend ungelöst. Aber immerhin ist das Problem erkannt und Ausnahmen sind erfreulicher Weise auch zu finden. Schluss aber mit Debatten über Online-Abendmahl und „Digitale Theologie“ braucht kein Mensch!  Natürlich lassen sich Diskussionen nicht unterbinden. Durch stetige Impulse verändert sich immer wieder die Richtung. Vielleicht ist es Zeit für ein Zwischenfazit. Im Moment tendiere ich zu folgendem: Digitale Kirche ist zu einer Symptom-Beschreibung geworden, dass wir nicht in Kontakt sind mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie beschreibt …

Kronkorken

Vergibt Gott alles?

Er brauche eine ganz besondere Art von Vergebung meint Hartmut. Sein Blick geht stumpf gerade aus durch die Windschutzscheibe des Autos. Er sitzt auf dem Beifahrersitz, müsste eigentlich nur 50m zur Pforte des Krankenhauses gehen, aber er kann nicht. Zu oft ist er im letzten Jahr „eingefahren“ wie er es nennt. Als er endlich mit großer Mühe die Aufnahme erreicht hat, kann er auf die Frage, was er habe, gerade noch „Entgiftung“ sagen, dann verlässt ihn die Kraft. Zu schmerzlich die Erfahrung schon wieder versagt zu haben, zu niederschmetternd die Erkenntnis, dass die Droge größer ist als der Wille. Als Hartmut nach einer Woche Aufenthalt in der Klinik wieder zu klaren Gedanken fähig ist, frage ich ihn, was er denn gemeint habe mit dem Satz, er brauche eine „besondere Vergebung“. Zunächst druckst er rum, gibt vor, sich nicht mehr richtig erinnern zu können. Aber das stimmt nicht, wir haben schon mehrmals über Vergebung gesprochen. Dabei ist rausgekommen, dass Hartmut sich selbst nicht vergeben kann. Dass was er getan hat hält er für so schlimm, dass …

Karneval

Narrenkappe, Babymütze und Schlüsselgewalt

Wir wissen wie es heute ausgeht. Trotzdem sind viele live dabei um den Schaukampf um die Macht mitzuerleben. Oder schauen WDR Fernsehen, wo das Bonn-Beuler Rathaus zum Mittelpunkt karnevalistisch interessierter Öffentlichkeit wird. Wer die Schlüssel hat, hat die Macht. Das wissen nicht nur rheinische Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Aber sie sind bereit sich dem närrischen Gesetz zu beugen und dem Damenkomitee für einige Tage die Herrschaft zu überlassen. Die einen mögen die ironisch inszenierte Brechung der Rollen, die anderen suchen lieber das Weite. Sie finden Karneval ist allenfalls ein Fest für die Kinder. Auch gut, denn jeder Jeck ist bekanntlich anders. Die Bibel beantwortet die Frage wer die Herrschaft hat übrigens eindeutig: Gott hat das Regiment, auch wenn es aussieht als würde er den Schlüssel vorübergehend anderen überlassen haben. Jesus hat in vielen Geschichten von der Gottesherrschaft gesprochen und bei denen, die mit ihm unterwegs waren die Frage provoziert, welchen Rang sie denn in dieser Geschichte einnehmen würden. Bürgermeister müsste mindestens drin sein, -meinten sie. Jesus antwortet aber überraschend: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, …

Aushalten statt Abschaffen

Sie haben Freude am Ausmisten? Beschäftigen Sie sich mit dem Protestantismus, denn der ist „semper“ dabei sich aufgeräumt zu präsentieren! Er hat viel Erfahrung mit Ballast, der unnütz geworden zu sein scheint: Bilder, Heilige, Papst, Tod und Teufel, Plastikverpackungen, Dieselfahrzeuge und Massentierhaltung –alles weg, selbst Kirchentage. Warum nicht auch die Predigt abschaffen? Es ist besser gar nicht zu predigen, als schlecht zu predigen, oder auch umgekehrt. Die alljährliche Diskussion um die Qualität der Weihnachtspredigt ist diesmal schon früh dran. Wer mag kann sich selbst auf Spurensuche begeben und unter #abkanzeln fündig werden oder im eulemagazin die Binnendebatte verfolgen. Erhellende Einsichten wird man dabei vor allem über den Level der Ambiguitätstoleranz innerhalb der evangelischen Kirche erhalten. Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten ertragen können ohne dabei handlungsunfähig zu werden, das könnte zu einem probaten Mittel gottesdienstlicher Gestaltung insgesamt werden. Denn was für die einen unerträgliches „Gebastel“ und „Wildwuchs“ ist, erheben andere gerade zum Programm. Dass Predigt und Gottesdienst eine Zumutung bleiben, ist in Zeiten in denen alles auf den Prüfstein muss, vielleicht sogar nützlich. Wenn es doch nur etwas …

Umkehr, Buß- und Bettag

Warum ist der heutige Tag im Kalender rot?

Das habe ich mich in der letzten Woche tatsächlich auch kurz gefragt. Das zeigt, wie wenig Feiertage ins Bewusstsein treten, wenn sie nicht arbeitsfrei sind und man sich weitgehend im nicht kirchlichen Kontext aufhält. Heute ist Buß- und Bettag ein evangelischer Feiertag, der seit 1994 kein gesetzlicher, sondern nur noch ein kirchlicher Feiertag ist. Abgeschafft wurde er zur Finanzierung der Pflegeversicherung, was allerdings überhaupt nicht geklappt hat. Schon im gleichen Jahr mussten die Beiträge erhöht werden. Wenn man der Besoldungsstelle richtig Arbeit machen will, kann man sich in einigen Bundesländern („zur Ausübung religiöser Pflichten“) von der Arbeit freistellen lassen, muss also keinen Urlaubstag nehmen, allerdings auf Lohn für diesen Tag verzichten. Es sei denn man wohnt in Sachsen dort ist der Feiertag noch gesetzlicher Feiertag. (*Keine Bemerkungen über Sachsen einfügen*) Vor drei Jahren fand sogar erstmalig ein Gottesdienst an dem Ort statt, wo ich jetzt arbeite. Am Buß- und Bettag ein Gottesdienst in einem Gefängnis, das scheint vielen einsichtig, vielleicht sogar geboten. Allerdings hat das kirchliche Wort Buße nichts mit dem juristischen Begriff zu tun …

#zurückindiezukunft

Ein kleines Gemeindehaus in einem Vorort in Frankfurt. Menschen die sich seit einigen Jahren aus dem Internet kennen treffen sich. Das Thema nennt sich „Kirche und Web“. Praktische Erfahrungen zur Webseitengestaltung und Präsenz in den neuen sozialen Medien werden vorgestellt und diskutiert. Die Form ist neu: Die Teilnehmenden sind Barcamper. Wir schreiben das Jahr 2012. Wäre der Bericht „Kirche im digitalen Wandel“ den die EKD auf ihrer diesjährigen Synode vorgestellt hat, damals bejubelt worden? Vermutlich. Immerhin wäre es ein Anfang gewesen, ein Signal, dass die Fragen, die die Teilnehmenden umtreiben, dringlich sind. Auch wenn damals schon der ein oder die andere bei sich gedacht haben könnte: So richtig verstanden hat man in Hannover nicht wohin die Reise geht, oder man will es nicht, schließlich ist eine „bottom up“ Bewegung immer bedrohlich für Institutionen.Sechs Jahre später hat die EKD erkannt, dass die digitale Büchse der Pandora geöffnet ist und versucht verzweifelt sie zu verschließen oder mitzuspielen, je nachdem auf welcher der 62 Seiten man sich gerade befindet. Sie versucht das mit Mitteln der alten Welt. Das …

Herr A.

Nur ein leises Klopfen ist an der Bürotür zu hören. Auf „Herein!“ erfolgt keine Reaktion. Ich öffne die Tür und bitte Herrn A. (23) einzutreten. Zögerlich nimmt er Platz. Seinen Vater möchte er anrufen, seit 4 Jahren hat er ihn nicht gesehen und seit einem Jahr nicht mehr gesprochen, weil telefonieren in Haft nur eingeschränkt möglich ist, nach Afghanistan erst recht.  Um seinen Vater zu kontaktieren muss Herr A. allerdings erst seine Mutter anrufen, die in Kabul wohnt, von ihr erhält er die Telefonnummer seines älteren Bruders, der schon lange im Ausland lebt. Nur dieser Bruder weiß, wo der Vater wohnt, die Eltern haben schon lange keinen Kontakt mehr. Als der Bruder erfährt, dass Herr A. aus dem Gefängnis anruft, muss dieser einen längeren „Vortrag“ über sich ergehen lassen. Es geht offenbar um die Familienehre und auch um Geld, jedenfalls muss Herr A. sich nach dem Telefonat erst einmal zehn Minuten sammeln: Er sei nun nicht mehr sein Bruder, wurde ihm eröffnet. Die beiden sahen sich zuletzt als Herr A. 14 Jahre alt war. Schließlich kommt das …