Kirche im WDR

Vergibt Gott alles?

Kronkorken

Er brauche eine ganz besondere Art von Vergebung meint Hartmut. Sein Blick geht stumpf gerade aus durch die Windschutzscheibe des Autos. Er sitzt auf dem Beifahrersitz, müsste eigentlich nur 50m zur Pforte des Krankenhauses gehen, aber er kann nicht. Zu oft ist er im letzten Jahr „eingefahren“ wie er es nennt. Als er endlich mit großer Mühe die Aufnahme erreicht hat, kann er auf die Frage, was er habe, gerade noch „Entgiftung“ sagen, dann verlässt ihn die Kraft. Zu schmerzlich die Erfahrung schon wieder versagt zu haben, zu niederschmetternd die Erkenntnis, dass die Droge größer ist als der Wille.

Als Hartmut nach einer Woche Aufenthalt in der Klinik wieder zu klaren Gedanken fähig ist, frage ich ihn, was er denn gemeint habe mit dem Satz, er brauche eine „besondere Vergebung“. Zunächst druckst er rum, gibt vor, sich nicht mehr richtig erinnern zu können. Aber das stimmt nicht, wir haben schon mehrmals über Vergebung gesprochen. Dabei ist rausgekommen, dass Hartmut sich selbst nicht vergeben kann. Dass was er getan hat hält er für so schlimm, dass es für ihn keine Entschuldigung, kein Verständnis geben kann. Und von Gott erwartet er keine Gnade, sondern ewige Verdammnis.

„Vergibt Gott wirklich alle Schuld?“ -fragt er zwei Wochen später am Telefon und ich merke, dass die Droge schon wieder gewonnen hatte. „Ja, sage ich, Gott vergibt alle Schuld, alles was wir Menschen uns selber und anderen nicht vergeben können. Das ist tatsächlich unglaublich. Aber Gott ist kein Mensch. Was bei Menschen unmöglich, dass ist möglich bei Gott.“

„Weißt du was?“ -entfährt es ihm. „Du bist ein Scheißseelsorger!“ „Mag sein“ — sage ich, „das denkst du nur von mir weil ich nicht sage, was du hören willst. Als Mensch kann ich dir die Freundschaft kündigen, Vertrauen entziehen, und sagen, dass es so nicht weiter geht. Aber von Gott kann ich dir nur sagen, dass er seine Hand nicht von dir nimmt, weil seine Gnade größer ist als deine Schuld.“

Schließlich will Hartmut beichten, das meinte er mit „besondere Vergebung“. Ob das am Telefon gehe und auch, obwohl ich evangelischer Pfarrer und er ausgetretener Katholik sei, will er wissen und ob das Gesagte unter uns bleiben würde. „Unter uns und vor Gott, der dir vergibt“ – sage ich, schlage die Bibel auf und lese aus dem 1.Johannesbrief (1,9): „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“

 

Dieser Beitrag war am 1.3.2019 bei Kirche in WDR2 zu hören und wegen Krankheit nicht von mir gesprochen.

 

Photo by Stefan Cosma on Unsplash