Aushalten statt Abschaffen

Sie haben Freude am Ausmisten? Beschäftigen Sie sich mit dem Protestantismus, denn der ist „semper“ dabei sich aufgeräumt zu präsentieren! Er hat viel Erfahrung mit Ballast, der unnütz geworden zu sein scheint: Bilder, Heilige, Papst, Tod und Teufel, Plastikverpackungen, Dieselfahrzeuge und Massentierhaltung –alles weg, selbst Kirchentage. Warum nicht auch die Predigt abschaffen? Es ist besser gar nicht zu predigen, als schlecht zu predigen, oder auch umgekehrt. Die alljährliche Diskussion um die Qualität der Weihnachtspredigt ist diesmal schon früh dran. Wer mag kann sich selbst auf Spurensuche begeben und unter #abkanzeln fündig werden oder im eulemagazin die Binnendebatte verfolgen. Erhellende Einsichten wird man dabei vor allem über den Level der Ambiguitätstoleranz innerhalb der evangelischen Kirche erhalten. Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten ertragen können ohne dabei handlungsunfähig zu werden, das könnte zu einem probaten Mittel gottesdienstlicher Gestaltung insgesamt werden. Denn was für die einen unerträgliches „Gebastel“ und „Wildwuchs“ ist, erheben andere gerade zum Programm. Dass Predigt und Gottesdienst eine Zumutung bleiben, ist in Zeiten in denen alles auf den Prüfstein muss, vielleicht sogar nützlich.

Wenn es doch nur etwas einfacher wäre sich gegenseitig auszuhalten! Dafür gibt es offensichtlich kein geeignetes Mittel. Der Journalist Armin Wolf hat diese Schwierigkeit sehr treffend beschrieben: „Demokratischer Diskurs ist kein safer space.“ Die Kluft zwischen seriösen Medien und einem Teil des Publikums, das sich darin nicht genügend repräsentiert, sei augenfällig. Wolf zieht zur Erklärung dieses Problems die Thesen David Goodharts heran, der die Konfliktlinie unserer Gesellschaft zwischen zwei Bevölkerungsgruppen verortet. Die eine Gruppe („Anywheres“) ist mobil, kosmopolitisch, urban und mit Uni-Abschluss unterwegs und legt viel Wert auf Autonomie. Die andere Gruppe („Somewheres“) ist an einem Ort verwurzelt, Sicherheit und Tradition gelten hier als besonders wichtig. Prototypisch seien in den Redaktionen der Medien „Anywheres“ anzutreffen, ein Großteil des Publikums bestehe allerdings aus „Somewheres“,so Wolf. Die Grundfrage sei, wie man es schaffe diesen Teil des Publikums nicht zu verlieren. Diese Frage sei eine relativ neue und habe vor allem mit dem Verlust der Deutungshoheit durch das Netz zu tun.

Vielleicht lässt sich ähnliches über das Gegenüber von Pfarrerinnen* und Gottesdienstgemeinde beobachten. Als Erklärung der unterschiedlichen Beantwortung der Frage nach Abschaffung der Predigt taugt die Beobachtung jedenfalls sicher.

Manch evangelischer Intellektuelle täte gut daran sich an den Beschreibungen Wolfs zu orientieren, statt in fast kindlicher Naivität ein Hohelied auf die vermeintlich guten analogen Zeiten zu singen. Kann immer mal wieder vorkommen, hat dann nur nichts mehr mit einem „Vordenker“ zu tun. Aber vielleicht ist so mancher Vordenker von gestern einfach auf dem Weg zu den „Somewheres“ von heute.

 

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