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Gestern war ich beim Papst

Gestern war ich beim Papst. Erwin Lindemann aus Wuppertal war auch da. Er meinte, es wäre schön, wenn Franziskus wieder rote Schuhe anziehen würde. Die Kunden in der Herren-Boutique sähen es jedenfalls lieber so. Ich musste Erwin aufklären, dass wir nicht wegen der Stilfragen hier wären, sondern um der Theologie willen, also fast, eigentlich wegen der kirchlichen Einheit. Mit der Wiedervereinigung sei das so eine Sache, meinte der Papst, das könne man doch besonders bei uns in Deutschland sehen und, ob wir unser Gespräch nicht drüben mit Joseph Ratzinger weiterführen wollten. Erwin war sofort begeistert, doch ich konnte abwiegeln. So gingen wir erst einmal Milchreis essen.

Wie es denn nun mit der evangelischen Kirche in Deutschland weiterginge, wollte der Papst wissen und streute sich noch etwas Zimt über den Reis. Das sei eine schwierige Frage, antwortete ich, denn die vielen Feierlichkeiten hätten Kraft gekostet und den Blick auf Neuorientierung verstellt. Deswegen gilt es auch immer zu lächeln. In Kameras sowieso. Und viele Worte müssen es sein, „Begeisterung“ muss es sein und „Leben“ und „Menschen“ meist in Verbindung mit „Würde“. Dabei haben wir es uns bequem gemacht und die Kuscheldecke über die Beine gelegt. Sanft ist der Mut, dafür werden wir geschätzt, auch von denen, die gerne laute Worte machen. Ein verlässlicher Partner sind wir, aber eingebildet, denn der große Name sorgt für offene Türen und wir sitzen fest im Kreis, wo die Mächtigen sitzen. Das hat uns auch reich gemacht. Von diesem Reichtum möchten wir nicht lassen, denn es entsteht so viel Gutes durch die Hände unserer Arbeit. So leben wir Tag ein Tag aus im Bewusstsein von Systemrelevanz. Ohne uns geht es nun mal nicht in Sachen Gerechtigkeit und Orientierung. Doch wir täuschen uns: Es steht schlimmer um uns als wir denken. Wir sind müde und verspannt vom Marathon in den Sitzungszimmern. Wir sind ausgelaugt von langen Feiern und vom Jubilieren. Wir sehen nicht auf unsere Wunden sondern auf die Großtaten der Vergangenheit. Wir stolpern auf asphaltiertem Weg, weil wir verlernt haben auf unwegsamem Gelände unterwegs zu sein.

Ob er nicht eine gute Idee hätte, fragte ich den Papst, erntete aber nur sein berühmtes Lachen. Da mischte sich Erwin ein und meinte, man könnte doch die Boutique in Elberfeld ökumenisch betreiben. Er würde das Schaufenster ausräumen, damit Platz für den Segensroboter aus der Weltausstellung sei, ansonsten solle der Rest erst einmal leer bleiben. Vielleicht sei es gut bei der vielen Lehre der Kirche mit Leere zu beginnen. Und mit Stille, Gebet, Stullen und Kaffee, vielleicht sogar mit Milchreis. Auf dem Holzboden in der Mitte des Raumes sollte LK 15,1-6 eingebrannt werden. Wir sitzen im Kreis drum herum. Hören die Worte der Schrift und auf das was sie jedem einzelnen sagt. Wir sind überrascht, dass es so viele unterschiedliche Zugänge gibt und ebenso viele Erkenntnisse, was nun zu tun sei. Aber wir sind uns einig, dass etwas getan werden muss. Die alten Sprachmustergräben verlieren ihre Bedeutung. Proprium und Ordinarium überlassen wir getrost Forschungszwecken. Es darf gegessen und gelacht werden, geweint und geklagt sowieso. Schließlich schreiben wir die Dinge auf, die uns wütend machen. Darin sind wir nicht geübt. Meist sind wir ja dankbar und achtsam und korrekt. Und peinlich träge. Wir haben Angst andere vor den Kopf zu stoßen.

Ich war überrascht von Erwins Vorschlägen und fragte, ob er Lust hätte, vielleicht nicht direkt Papst, aber Superintendent, Oberkirchenrat, Präses oder Bischof wären auch nicht schlecht. Aber Erwin wiegelte ab. Er hätte ja noch seine Herren-Boutique in Elberfeld, dort könnten wir gerne zu Gast sein, wenn nötig für die nächsten 500 Jahre.

 

Photo by Nacho Arteaga on Unsplash