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Luther-Kondome: So geht’s auch nicht!

Freitags in der Kneipe. Mann trinkt Kölsch, Rheinland halt, nicht Düsseldorf. Ab Mitternacht fällt auf, dass der Pfarrer auch noch in der Runde sitz. Also Themenwechsel: Vom Kölsch, zu Kirche, von Kirche zu katholisch, von katholisch zu Kondom. Ein Grund, warum ich selten in die Kneipe gehe, denn leider ändert auch die Biersorte nichts am Gesprächsverlauf. Bald könnte das anders werden, denn die Evangelische Kirche im Rheinland (ekir.de) hat sich entschlossen Kondome aus dem Verkehr zu ziehen. Offenbar schmeckten die Luthergummis nicht jedem. Demnächst sitzen wir also beim Alt-Bier und diskutieren über Presbyterium, Präses und Präservative. Offenbar will die rheinische Kirche es so, denn gestern hat sie ein Video hoch geladen das nun auf YouTube steht. Einen Streisand-Effekt fürchtet sie offenbar nicht, es sei denn, sie wüsste nicht was das ist, oder aber der OKR (Oberkirchenrat) wollte es so, gegen besseres Wissen seiner Abteilung Kommunikation-Internet.

Doch zum Video selber: Es lohnt sich tatsächlich bis zu Ende zu schauen und den Ton einzuschalten, denn Untertitel fehlen. Als der OKR das Kondom nämlich von seiner Verpackung „befreit“ (sic!) fragt Mann sich, ob er es aufbläst und zum Platzen bringt, oder einfach nur die Verpackung aufißt. Schaut es euch also besser nicht im Bus oder im Lehrerzimmer, oder gar während einer Presbyteriumssitzung an. Für die, die gerade kein Video gucken können: Es geht um ein Merchandising-Produkt der evangelischen Jugend. Ein Produkt unter vielen im #r2017 Luther Socken, Das Luther Mem. Das Produkt der Jugend war nun aber ein Kondom, eigentlich nicht schlimm, denn Kondome sind in der evangelischen Kirche ja erlaubt. Ein spezielles nun allerdings nicht mehr, nämlich eins mit dem Aufdruck „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Die Webseite zur Aktion ist auch vom Netz genommen worden. Warum? Nun, so der OKR, der Lutherspruch auf dem Kondom, „klingt zwar witzig, ist es aber nicht“. Mimik und Tonfall könnte Cristiano Ronaldo nicht besser hinkriegen, denn jetzt wird es ernst, bitter erst sogar. Denn es gehe um sexualisierte Gewalt, die durch den Aufdruck legitimiert werden könne, weil Männer eben „nicht anders könnten“. Was, so fragt Mann sich, können Männer nicht anders? Ein Kondom benutzen, oder penetrieren? Letzteres offenbar: „Deshalb haben sich Mädchen und Frauen gegen die Aktion gewendet, zu Recht.“ Tja, vor solchen Argumenten guckt Mann als weißer Hetero mit Beamtengehalt verschämt zu Boden, wie Trump, als Merkel ihm die Hand schütteln will. Auf die Nachfrage, ob bei sexueller Gewalt wirklich Kondome ein Thema sind, verzichtet Mann besser: Widerspruch zwecklos, Einstellung der Aktion alternativlos. Wirklich? Die Frauen mit denen ich sprach hatten eine vollkommen andere Assoziation, nämlich „Safer-Sex“, also einvernehmlicher Sex „nicht anders“ als mit Kondom. Könnten die Initiatoren das sogar intendiert haben? Vermutlich, aber das zählt nicht, sondern es zählt offenbar nur, dass es missverstanden werden kann.
Es geht mir nicht darum die Aktion zu verteidigen. Den Socken-Bonbon-Kram finde ich ohnehin kindisch. Vom oft zitierten Satz, der aus dem historischen Kontext entfernt ohnehin fragwürdig ist, weil das Evangelium gerade die Umkehr vom „ich kann nicht anders“ fordert, ganz zu schweigen. Hoffentlich markiert diese Aktion mit Luthersprüchen auf Lümmeltüten den Höhepunkt und damit auch das Ende dieses Hype. Es geht um die Argumentation, die mir typisch zu sein scheint für kirchliche Kommunikation: In einer Kirchengemeinde beginnt eine Diskussion strittiger Themen oft mit „Ich habe einige Stimmen in der Gemeinde vernommen, die…“. In der Argumentation des OKR sind es nicht nur „einige“, sondern „Mädchen und Frauen“ also alle. Die Minderjährigkeit als Argument soll die Stichhaltigkeit zusätzlich untermauern. Wenn Mann jetzt antworten würde, „ich habe andere Stimmen gehört“, würde eine Diskussion in Gang gesetzt. Aber eine Diskussion ist offenbar unerwünscht. Sie wird verhindert, mit einem apodiktischen „was nicht geht!“. Also mit einem Basta-Machtwort eines OKR, der sich sichtlich darin gefällt „Sex“ zu sagen und noch mehr darüber, was geht, und was nicht. Dabei betont die Reformation -„gegen die die Kirche nix hat“ hahaha- ein Selber-Denken. Ein Denken, das anfällig ist für Missverständnisse und das trotzdem nicht aufgegeben werden kann zugunsten eines Lehramtes, das festlegt „was geht“ und was keinesfalls geht.
Besteht christlicher Glaube nicht sogar darin sich durch ein Dickicht von Missverständnissen „hindurch“ zu glauben? Immerhin ist das Kreuz ein höchst missverständliches Zeichen in dem ein Aufruf zu Gewalt und Todesstrafe gesehen werden kann, wenn die Codierung unbekannt ist. Die Video-Botschaft hätte darum auch lauten können: „Wer Kreuze um den Hals trägt, muss sich vor Kondomen mit Luthersprüchen nicht fürchten.“ (Mit derselben Argumentationslogik, mit der die Kondom-Aktion eingestellt wurde, könnten übrigens auch Kirchturm Abrisse begründet werden, schließlich stehen die auch -phallisch?- als Machtdemonstration rum. Die Welt ist voller Missverständnisse.)

Bleibt noch die Sache mit der „Einvernehmlichkeit“. Diese ist offenbar für kirchliches Verständnis hinreichend genug um Sex zu legitimieren. Während dem OKR „sexuelle Gewalt“ wie selbstverständlich über die Lippen kommt kein Wort darüber, dass Sexualität und Liebe und Treue etwas miteinander zu tun haben. Wenn Liebe das Kriterium wäre, ist verständlich, dass Gewalt in einer Beziehung, die davon geprägt ist, keinen Platz hat. Ob das der Kirche dann wohl zu bieder erschien? Dass Einvernehmlichkeit kein hinreichendes Kriterium für Legitimierung von Sex ist, zeigt ein Beispiel: Nehmen wir an, der/die Vorsitzende eines Presbyteriums würde die Sitzung statt mit einer biblischen Betrachtung, mit einer tantrischen Entspannungsübung beginnen in Folge derer sich einvernehmlich Bunga-Bunga-ähnliche Zustände ergeben würden. Sehr wahrscheinlich würde ein OKR trotz Einvernehmlichkeit disziplinarisch tätig werden müssen. Jetzt kann er immerhin sicher sein, dass keine Luther-Kondome mit im Spiel sind.

Ein schwacher Trost. Und eine überflüssige Diskussion.