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Die Angst der rheinischen Parochie

Kaum fordert der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland (ekir.de) ergänzende Angebote zu parochialem Handeln, setzt reflexartig die Ermahnung ein nur ja die Ortskirchengemeinde nicht zu vergessen, wie „langweilig und durchschnittlich sie auch sein mag.“ (Zitat des Synodalen im unteren Tweet) Und das, obwohl Rekowski mehrfach in seinem Bericht betont, wie wichtig der Kontext vor Ort sei und wie wenig Notwendigkeit er von Seiten der Kirchenleitung in Düsseldorf sehe zentralistisch einzugreifen.
LS2017
Auch auf der Ebene darunter (Kreissynode) verhält es sich nicht anders. Aus Sicht der Ortskirchengemeinde ist alles verdächtig, was jenseits des eigenen Kirchturms institutionell etabliert werden soll. Angesichts des sich wiederholenden rheinischen Rituals kann sich schon die Frage stellen, ob die presbyteriale-synodale Ordnung unserer Kirche wirklich eine gute Ordnung ist. Präses Manfred Rekowski hat in seinem Bericht auf der Landesynode 2017 in Bad-Neuenahr von einer „ziemlich“ guten Ordnung gesprochen. Diese Ordnung sei deswegen „ziemlich gut“, weil wir uns „gemeinsam bewegen lassen und darauf vertrauen, dass Gottes Geist wirkt und so die Kirche und die Welt verändert.“
Auf dem Weg der Veränderung nennt der Präses einige Richtungsanzeigen für eine Weiterentwicklung der rheinischen Kirche, die ich begrüßenswert finde. Er schreibt/sagt: „Verkündigung ist die wichtigste kirchenleitende Aufgabe. Ich sehe bei vielen Menschen einen Wunsch und eine Suche nach Spiritualität, Stille, Gebet, Gesang, Musik und geistlicher Kommunikation, die so im traditionellen und agendarischen Gottesdienst häufig nicht immer gefunden wird. Hier ist mehr Vielfalt und Kontextualisierung nötig.“
Als ich vor zwanzig Jahren als junger Pfarrer mit meinen beiden Kollegen über neue Gottesdienstformen nachdachte und wir schließlich sogar ein gemeinsames (hört, hört!) Konzept (wichtig!) vorlegen konnten, waren die presbyterialen Widerstände dagegen durchaus beachtlich. Weil wir aber zu dritt waren und nur eine Predigtstätte zur Verfügung stand, waren alle besänftigt, als wir einen zusätzlichen (!) Gottesdienst am Abend vorschlugen. Immerhin gibt es diesen Gottesdienst auch nach zwanzig Jahren immer noch. Aber natürlich wird der „traditionelle, agendarische Gottesdienst“ weiterhin als vielfältig und vor allem kontextualisiert verstanden! Und wenn der Präses betont: „Jede Gemeinde muss eigene Lösungen für ihren jeweiligen Kontext finden“ kann das nicht nur zum Ansporn nach eigener Initiative führen, sondern auch zur Bestätigung, dass das eigne Handeln eben genau diesem Kontext entspreche und keiner Veränderung bedürfe. Isso!

Die Gemeinde in der ich wohne, hält es z.B. für geboten am Sonntag um zehn Uhr gleichzeitig zwei agendarische Gottesdienste im Umkreis von Luftlinie 200m anzubieten, auch wenn dafür zwei Ordinierte notwendig sind und die Gottesdienstgemeinde auch in einem Kirchenzentrum ausreichend Platz finden könnte. Gleichzeitig wird seit zehn Jahren über neue Gottesdienstformen diskutiert. Freilich immer unter der Prämisse möglichst wenig Veränderung an den gewohnten Gottesdienstorten und –zeiten zuzulassen.

Es mag sein, dass die presbyterial-synodale Ordnung eine ziemlich gute Kirchenverfassung ist. Sie ist aber eine, die Kontinuität fördert und auf Veränderungsnotwendigkeiten nur zögerlich zu reagieren im Stande ist.
Das gilt auch für das Selbstverständnis der kirchlichen Leitungsorgane. „Wir müssen realisieren, dass die Kirchenmitglieder schon lange über Nähe und Distanz zur Kirche sehr souverän selbst entscheiden und den Zugang wählen, der sie überzeugt“ –heisst es im Präsesbericht. Ein Presbyterium, das Schwierigkeiten damit hat seine Tagesordnung so zu gestalten, dass ein öffentlicher Teil der Sitzung möglich wird, hat vermutlich wenig Chancen noch ernst genommen zu werden. Wahr genommen wird es ohnehin nicht mehr.

Es kann nicht ernsthaft um mehr Wertschätzung der Parochie in der evangelischen Kirche im Rheinland gehen. Es ist vielmehr an der Zeit zu erkennen, dass die Parochialgemeinde organisatorisch und theologisch an ihre Grenzen kommt, wenn sie Richtungsanzeigen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten, die nur von außerhalb ihrer selbst kommen können, konsequent ignoriert.