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Kirchliche Social Media in hektischen Zeiten

In einem früheren Beitrag hatte ich die kirchlichen Social Media Aktivitäten nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin kritisiert. Das ganze mündete in einer Art Predigt, was zu Missverständnissen führte. Darum hier noch einmal eine Zusammenstellung der Punkte, auf die es mir ankam:

-Der Zeitpunkt: Noch bevor klar war, was überhaupt passiert ist, wurde auf der Facebook-Seite der evangelischen Kirche im Rheinland ein Fürbitten Gebet veröffentlicht, das auch schon bei dem Anschlag in Nizza gepostet wurde, wenngleich mit dem Hinweis, dass noch nicht geklärt sei , was sich zugetragen habe. Der frühe Zeitpunkt wurde mit Blick auf die Stimmung in den sozialen Medien gerechtfertigt. Man habe das beobachtet, was trending topic gewesen sei und darauf entsprechend reagiert. „Wäre die Alternative gewesen zu schweigen?“ –fragt ralpe. Ich meine: „Ja“. Der Verweis auf die Klagepsalmen „der hebräischen Bibel“, in der Menschen die ihnen angetane Gewalt vor Gott bringen, ist ein ungeeignetes Beispiel. Denn der Klagepsalm ist gerade kein „ad hoc-Gebet“ in der aktuellen Notsituation, vielmehr weist sein Aufbau darauf hin, dass ein innerer (vor Gott reflektierender!) Vorgang den Beter* bewegt und zwar so, dass dieser von der individuellen Bedrückung zum universalen Lob führt. Der Klagepsalm bleibt nicht in der Anklage Gottes stecken, vielmehr betont er, dass in der Erfahrung der Ausweglosigkeit Gottes Anwesenheit Anlass zum Lob/Vertrauen/Glauben ist. Ein solches Gebet braucht Zeit und hätte diese auch bis zum Berliner Trauergottesdienst gehabt.

-Das Angebot: „Aber wenn der Hashtag „PrayforBerlin” ein „trending topic” ist, dann finde ich es nur angebracht, ein Gebet anzubieten, das Social-Media-Nutzerinnen und Nutzer sich aneignen können und Worte anzubieten,..“ –schreibt ralpe. Der Druck, den Social Media Redaktionen verspüren ist an dieser Äußerung gut zu beobachten. Aber wartet der User* wirklich auf diese Angebote? (Ich gebe zu, dass ich mit dem Begriff „Angebot“ Probleme habe, seit ein Professor mir im Kolloquium riet diese Vokabel aus meinem theologischen Wortschatz zu streichen.) Schaut man auf die Klickzahlen (1.027 bei einer Reichweite von 19.572; auf dem entsprechenden Facebookpost) ist die Antwort auf diese Frage scheinbar eindeutig: Ja, es gefällt. Dennoch ist zu fragen, wie sinnvoll oder geboten es erscheint sich an höchst flüchtigen trending topics zu orientieren. Hanno Terbuyken (@dailybug) von evangelisch.de schreibt in einer Facebook Gruppe zu Kirche und Social Media: „ Wenn ein ‚Live‘-würdiges Ereignis passiert, bedeutet das für jedes Medium, das Aktualität hat: In mindestens dieser Aktualität müssen wir auch darauf eingehen. Der Impuls, im Krisenfall langsamer zu werden, existiert nicht –und existiert auch nicht bei Lesern/Nutzern, egal wie oft Medienbeobachter mehr Ruhe einfordern. Die Feedbackschleife für Zurückhaltung und Langsamkeit ist negativ. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Medien müssen sich daher die Frage stellen: Wie kriegen wir die nötige Sorgfalt in dieser Geschwindigkeit hin? Denn an der Geschwindigkeit lässt sich nicht drehen.“ Ich fürchte Hanno hat recht, jedenfalls was den News-Bereich angeht. Wenn es um Lebensbegleitung allgemein und so etwas wie gottesdienstliche Begleitung im Besondern geht, ist vielleicht gerade nicht so zu agieren. In meiner pfarramtlichen Praxis der letzten 20 Jahre habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst bei Trauerfeiern der Trend zur möglichst schnellen „Abwicklung“ immer häufiger gewünscht wurde. Ist das schon eine Folge des geäußerten „#RIP_XY“ in sozialen Medien? Ein Gottesdienst dagegen verlangt nach Unterbrechung des Alltags. Ich würde soweit gehen zu sagen: Auch ein Gebet verlangt nach Unterbrechung des Alltags, es verlangt nach Klick-Verzicht, und Stream-Abstinenz um dann, wenn die Zeit gekommen ist, eine Kerze zu entzünden, die vielleicht sogar digital ist. Ruhelose Gottesdienste gibt es im Protestantismus ohnehin genug. Ist dies sogar die Ursache für deren Fortführung in den sozialen Medien? Der Vikar der Gedächtniskirche zeigte sich am Abend des Trauergottesdienstes jedenfalls überrascht, dass die Menschen vor allem ihre Ruhe in der Kirche haben wollten.

Schließlich noch ein Gedanke zu all jenen kirchlichen Posts, die ausschließlich mit einer Grafik und dem entsprechenden Hashtag hantierten: Muss Kirche das erledigen, was Schalke04 auch kann? Oder erledigt Schalke, was die Kirche soll? Fragen über Fragen in dieser digitalen Welt!

PrayForBerlin

https://www.facebook.com/S04/photos/a.454772039036.247441.8584479036/10154351487409037/?type=3&theater 11.005 Gefällt mir Klicks!