Allgemein, Knast

Predigt zur Einführung im Knast

Betender Mann

foto: sxc.hu
Anlässlich einer Einführung in eine Gefängnispfarrstelle an einem Buß- und Bettag könnte einem in den Sinn kommen, dass zusammenkommt, was zusammengehört:

Büßen und Beten!

Knast trifft Kirche!

Denn, dass das Büßen in der evangelischen Kirche ein Schattendasein führt, ist nicht erst seit der Abschaffung des Buß-und Bettages als gesetzlichem Feiertag wahrnehmbar.

Dazu kommt, dass das Wort Buße im umgangssprachlichen Gebrauch lauter negative Assoziationen weckt:

Bußgeldbescheide“ sind die Strafen für Verkehrsvergehen. Wer in einer Haftanstalt seine Strafe „abbüßen“ muss, ist ein Mensch, dem die Freiheit der Lebensführung entzogen wird.

Etwas büßen müssen“ bedeutet auch sonst, die negativen Konsequenzen seines Tuns und Verhaltens ertragen müssen.

Buße“ hat es in all‘ diesen sprachlichen Wendungen immer mit einer Art Erleiden zu tun.

Allerdings gilt auch, dass „Buße“ so etwas wie das erste Wort der Reformation ist: „Als unser Herr Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße‘, da meinte er, dass unser ganzes Leben eine Buße sein solle“.

So lautet die erste der 95. Thesen, die Luther 1517 wenn auch nicht an die Kirchtür zu Wittenberg, so doch in großen Umlauf brachte.

Buße“ taucht in allen Zusammenhängen auf, wo es um den rechten, evangeliumsgemäßen Glauben, die rechte, aus dem Evangelium lebende christliche Kirche und ihre Glieder geht.

Lange Zeit bevor der Begriff der „Resozialisierung“ aufkam stand „Buße“ auch im Mittelpunkt des Strafvollzuges. Im 18. Jhdt. gab es die Praxis Gefangenen genau so viel an Tageslicht zuzugestehen, dass sie gerade noch im Neuen Testament lesen konnten. Das sollte zu einer besonderen Einübung der Bußpraxis führen.

Das alles interessiert Sebastian D. heute überhaupt nicht. Auf seinem Haftraum hat er einen Text geschrieben, der ihm aus dem Herzen spricht:

Knast ist reine Kopfsache“ –heißt es da. „Knast ist reine Kopfsache“, dass hätte auch Johannes sagen können, wenngleich es bei ihm, dem Täufer, doch einen faden Nachgeschmack hinterlassen hätte, angesichts des an ihm vollstreckten Urteils.

Dennoch kommt es nicht von ungefähr, dass gerade sein Aufruf zur „Buße“ in der Übersetzung „Kehrt um!“ – „ändert euren Sinn!“ zum Grundtenor evangelischen Aufrufes am Buß- und Bettag geworden ist.

Dem stimmt dann auch Sebastian D. aus Köln in seinem Text aus dem Haftraum zu:

Hier erst merkst du, worauf es wirklich ankommt. Nicht auf das hinterher Rennen nach dem immer neuen Kick kommt es an, sondern darauf, wer du wirklich bist. Für deine Freunde, deine Familie und wie du vor Gott da stehst. Sei schlau! Nutz die Zeit die dir gegeben ist und wirf draußen dein Leben nicht wieder weg.“

Auch Frank M. aus Mechernich vom AVD (Allgemeiner Vollzugdienst) findet, das die Arbeit in der JVA Kopfsache ist. Im Zweifelsfall besteht sein Aufgabe allerdings darin, denen, die das mit der Kopfsache noch nicht so ganz verstanden haben, hinterherzulaufen, wenn sie das mit dem Wegrennen allzu wörtlich nehmen.

Ihn überrascht es immer wieder, welch verschlungene Wege eine Sinnesänderung nehmen kann und wie sie bisweilen hin und her pendelt zwischen dem Verlassen alter Pfade und dem zurückkehren auf dieselben.

Sebastian D. und Frank M. kennen den 46. Psalm nicht.

Ein „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in großen Nöten, die uns getroffen haben“ kommt ihnen nicht automatisch über die Lippen.

Aber sie haben beide die Sehnsucht und die Hoffnung, dass es Hilfe gibt.

Sie wissen beide, dass Stärke nur haben kann, wer zuversichtlich lebt. Dass, wer sich im Schicksalhaften einrichtet, verloren hat.

An dem Ort, an dem sich ihrer beider Hoffnung verdichten könnte, befinden wir uns gerade:

Ein Kirchbau auf dem Gelände, oder gar im Gebäude einer JVA, markiert die Zusage Gottes, dass ER allein Richter zu sein beansprucht.

Und sein Gericht, so sagt es uns das Evangelium, richtet nicht allein mit Recht, sondern mit Gerechtigkeit. Im Angesicht dieser Gerechtigkeit sind wir gerecht und bleiben zugleich wie wir sind.

Sebastian D. und Frank M. ist das zu theoretisch und zu theologisch sowie sowieso.

Deswegen erzählen wir in dieser Kirche hier am Sonntag im Gottesdienst lieber Geschichten. Genauer gesagt Biblische Geschichten.

Von Zöllner Zachäus und seinem Betrugsdelikt zum Beispiel, erzählen wir, und wie Jesus sich in sein Haus einlud.

Oder von Muttersöhnchen Jakob und seinem Erschleichen von Leistungen, die nicht daran hinderten, dass er zum Stammvater wurde.

Von König David erzählen wir und seiner Lust an Anstiftung zum Mord, die nicht daran hinderte, Jesus seinen Sohn zu nennen.

Von Mose, dem Totschläger und seinem Auftrag ein ganzes Volk in die Freiheit zu führen.

Vom Apostel Paulus erzählen wir, der als Erpresser noch davon kam und schließlich in Schutzhaft genommen werden musste.

Und schließlich erzählen wir die Geschichte Jesu, wie er mit dem Gesetz in Konflikt kam und schließlich Opfer eines Unrechtsprozesses wurde.

Wer nun den Eindruck gewinnt, die Bibel erzähle gefährliche Geschichten, der liegt nicht verkehrt.

Aber diese gefährlichen Geschichten werden erzählt, weil der Weg unseres Lebens in die Freiheit ebenfalls ein gefährlich ist. Auf diesem Weg kann man sich verlieren.

Damit Sebastian aus Köln und Frank aus Mechernich beim Verlieren nicht verlassen werden, machen Kirche und Staat gemeinsame Sache, genauer gesagt regeln sie ihre gemeinsamen Angelegenheiten. Kurz gesprochen besagen diese, dass niemand auf sein Scheitern und Versagen festgelegt werden darf.

Insofern würde sich Psalm 46 Vers 2: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in großen Nöten, die uns getroffen haben“ gut als Magna Carta (-also Große Urkunde der Freiheiten) sowohl im Straft- wie im Lebensvollzug eignen.

Die Einübung in diesen Vollzug beschränkt sich nicht auf den Buß- und Bettag. Erst recht nicht auf den Anlass einer Einführung in eine Gefängnispfarrstelle.

Sie ist Sebastian aus Köln und Frank aus Mechernich ebenso aufgetragen, wie allen, die sich im Namen Gottes versammeln. Er allein verbürgt die Neuorientierung in seinem Namen und seiner Geschichte mit uns Menschen.