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Medienkonzil

Impulspapier

Man braucht zwar etwas Zeit, um das Impulspapier „Das Netz als sozialer Raum: Kommunikation und Gemeinschaft im digitalen Zeitalter“ im Netz zu finden. Jedenfalls wenn es um den Text geht. Der Hashtag #mk15 hilft aber weiter. Schließlich wird man mit einem Link zum Papier belohnt 🙂
Es „versteht sich als ein Beitrag aus evangelischer Perspektive, basiert aber zugleich auf der ökumenischen Denkschrift ‚Chancen und Risiken der Mediengesellschaft‘, sowie auf jüngsten Stellungnahmen der katholischen Schwesterkirche“ und ist durch die letzte Synode der EKD motiviert. Die hatte nämlich gefordert:
„Wir müssen uns als evangelische Kirche verstärkt in den medienethischen Diskurs einbringen, der neben den technischen auch die rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen beschreibt, um Privatheit und Öffentlichkeit in ein Freiheit förderndes Verhältnis zu setzen, das dem christlichen Verständnis der Würde des Menschen und seiner Verantwortung im Zeichen von Schuld und Vergebung entspricht.“

Bisher konnte ich nur die Einleitung („Von der Kunst, die instrumente der Freiheit zu bedienen“) lesen, diese macht jedoch Lust auf die fünf Kapitel:

I.“Leuchttürme im Nebel. Vom Rauschen zum Verstehen“,

II.“Selbstoptimierung und Gnade. Das vernetzte selbst“,

III.“Emanzipation und Monopol. Vom Menschenrecht auf ein Geheimnis“,

IV.“Spiel. Dein Leben“,

V.“Auf dem Weg zur digitalen Zivilgesellschaft“.

Inzwischen hab ich weiter gelesen und bin nicht mehr ganz so euphorisch. Warum, das zeigt schon Kapitel 1:
Es lässt sich leicht zusammenfassen. Im Grunde macht das die Headline schon selbst: „Leuchttürme im Nebel“! Es wundert daher nicht, wenn Sende- Verlagshäuser und der „Qualitätsjournalismus“ mit seinem „ausgeprägten Berufsethos“ zu den Leuchttürmen zählen, während der „digitale Zugriff per Computernetzwerk“ (ein außerordentliches Kleinod an Formulierungskunst, um Distanziertheit auszudrücken) die Frage nach einer „Ökologie der Aufmerksamkeit“ stelle.
Weiter Buzzwords verdeutlichen in welche Richtung argumentiert wird: „permanentes Multitasking“, „unbegrenzte Gleichzeitigkeit“, „Trend zur Flüchtigkeit“ auf der einen Seite, „Konzentration“ und „Tiefe“ auf der anderen Seite. Eigentlich erwartet man nach jeder Zeile die Empfehlung statt mit dem ICE doch die Regionalbahn zu nehmen und wenn es -ökologisch bedenklich- das Auto sein muss, bitte doch nicht die Bundesautobahn zu nehmen, da der menschliche Organismus nur bis zu einer Geschwindigkeit von 35-40 km/h ausgelegt ist, und außerdem ja sowieso nur Gruppen bis zu 50 Personen als „Freunde“ haben kann. Dazu später.
Dennoch darf man beruhigt sein, schließlich verpflichtet sich die ELKB für professionelle Volontariate „z.B. epd-Medien“. Eine Fortbildung „Richtig Twittern & Co“ könnte allerdings hilfreich sein, wie folgender Tweet zweifelsfrei zeigt.

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Kapitel 2 widmet sich dem Thema Social Media und man ahnt, dass es bei der Beurteilung keine Gnade für dieses Phänomen geben kann. Auf einer halben Seite werden die Chancen beschrieben „menschliche Gemeinschaft“ zu organisieren („Online-Projekte“, „Online-Plattformen, „Möglichkeiten sozialer Verbundenheit“) um dann auf den folgenden drei Seiten vor den Gefahren der Selbstoptimierung und permanenten Selbstbestätigung zu warnen. Vor allem das „Lock-in-Phänomen“, das in meinem Filterbubble eher „Filter Bubble“ heißt und regelmäßig reflektiert wird bekommt das Prädikat „der demokratischen Kultur abträglich“. In meinem Kopf ist ein Bild: Jemand soll etwas geistreiches über Social Media für die Kirche schreiben. Der er selbst keine Erfahrungen damit hat, schaut er in seinem (eigens dafür angelegten) Facebook Profil, was seine Kinder, Nichten, Neffen, Studenten (im Alter zwischen 15-25 Jahren) so posten. Immerhin würde dieses Bild erklären, wie man zu einer Forderung kommt ein „Recht auf digitalen Sabatt“ (S.27) zu fordern. Wenn alle Kinder in zehn Jahren ab der achten Klasse nur noch kollaborativ mit Slack oder etwas vergleichbarem lernen, werden wir aus diesem Dokument immerhin noch den brauchbaren Satz exzerpieren können, dass „wahre Freiheit in der Freiheit von der permanenten Selbstbeobachtung liegt.“ Zum Thema Life-Logging empfehle ich das neue, gleichnamige Buch von Stefan Selke.

Kapitel 3 fordert ein „Menschenrecht auf Geheimnis“:
„Der Respekt vor dem Geheimnis des Einzelnen – säkular gesprochen: der Schutz der Privatsphäre – ist allerdings in Gefahr, verloren zu gehen. Sicherheits- behörden, selbst westlicher Staaten, nutzen – nach eigenem Bekunden zum Schutz der Freiheit – Daten, um beispielsweise „Noch-Unschuldige“ vor dem durch Data-Mining errechneten Begehen einer Straftat zu identifizieren. Die Folge: Es wer- den möglichst alle Daten gespeichert, derer man habhaft werden kann. Es ist nicht zu übersehen, dass mit den Möglichkeiten digitaler Datensammlung und Daten- vernetzung, angetrieben durch eine alarmistische Sicherheitsideologie, elementare Rechtsprinzipien bereits ausgehöhlt und ausgehebelt sind.“
Angesichts der gerade beschlossenen Vorratsdatenspeicherung #vds gewinnt die Selbstverpflichtung „Die ELKB… prüft die Einhaltung des besonderen Schutzes ihrer Geistlichen vor Überwachung…“ besondere Bedeutung. Noch deutlicher wird das Papier in der politischen Forderung nach Netzneutralität: „Die ELKB verbündet sich mit allen, die für Netzneutralität … einstehen.“ Auf eine Annäherung zur Piratenpartei darf man also gespannt sein. Auch weil ein Hinweis auf eine Absage an TTIP nicht fehlt („Über Handelsabkommen sollen Europas vergleichsweise rigide Daten- schutzbestimmungen aufgeweicht werden.“ S.30).
Klarer würden diese Forderungen allerdings hervortreten, müsste man nicht Sätze wie „Die veränderte Kommunikationswelt ist eine ambivalente Welt“ und fast schon klassisch evangelische Rundumschläge gegen die Verderbtheit der Welt im allgemeinen lesen (Im „nur schwer zugänglichen Darknet ist es nahezu ungehindert möglich, unklare Banktransaktionen, Terrorismus, Bandenkriminalität, Waffen-, Menschen- und Drogenhandel zu betreiben“ S.31)

_Fortsetzumg folgt_
Eine Zusammenfassung der Einleitung liest sich so:

„Dieses Impulspapier möchte die in den vergangenen Jahren entstandene öffentliche Debatte um die Handlungsmöglichkeiten der Politik, um infrastrukturelle Maßnahmen und technische Sicherungsmöglichkeiten ergänzen durch eine christliche Perspektive auf die Kommunikationskultur. Die Impulse richten sich an Nutzerinnen und Anbieter im Netz, an Netzaktivisten, an Verantwortliche in Bildungseinrichtungen und Kirchen, Medienschaffende und Medientechniker, sowie Theologie und Kulturwissenschaften an den akademischen Institutionen. Gesellschaftliche Diskussionen sollen angeschoben, Interessen offengelegt, Schulterschlüsse zwischen unterschiedlichen Fachperspektiven initiiert werden. Es soll diejenigen Menschen zusammenbringen, die der Überzeugung sind, dass die Revolution der Kommunikationsmöglichkeiten neue politische und unternehmerische Verantwortung fordert – und dass sie neuer bürgerlicher Rechte und Kompetenzen bedarf.
Freiheit ist weder Willkür noch Beliebigkeit. Freiheit heißt auch nicht Bindungslosigkeit. Kommunikative Freiheit ist eine Freiheit, die zwischen Menschen herrscht und die nicht eine oder einer für sich haben kann. Diese Freiheit, die nur als „gebundene Freiheit“ vorstellbar ist, findet ihren Grund in der Beziehung von Gott und Mensch. Im Licht der modernen Medienkommunikation zeigt sich die Relevanz die- ser beiden reformatorischen Leitideen auf neue Weise:
Wie können Bürger und „User“ informationelle Selbstbestimmung und verantwortungsvolle Beteiligung an öffentlichen Diskursen gestalten? Wie lassen sich monopolistische Machtstrukturen kontrollieren? Wie können die neuen kommunikativen Freiheiten für den öffentlichen Frieden und für soziale Gerechtigkeit fruchtbar gemacht werden? Wie können die Risiken überschaubar gehalten werden?
Auch die heutigen Möglichkeiten der politischen und gesellschaftlichen Beteiligung zeigen sich als ambivalent: Einerseits schaffen die durch die digitale Vernetzung entstehenden neuen und weltweiten Öffentlichkeiten für Millionen Menschen das Feld, grenzenlos zu kommunizieren. Sie können blitzschnell Informationen austauschen, Diktaturen in Frage stellen, Krisen bewältigen, Demokratien fördern oder Kriege verhindern – kurz, Dinge tun, die die Würde des Individuums stärken. Andererseits bieten die neuen Technologien ebenso grenzenlose Möglichkeiten zur Totalüberwachung von Personen oder zur Zensur und Manipulation. Wie immer bei der ethischen Betrachtung von Technik geht es dabei auch um die Haltung und Intention der Menschen, die mit der Technik umgehen. Hier gilt es, die technischen Beobachtungsmöglichkeiten offenzulegen und die informationelle Selbstbestimmung des Einzelnen zu stärken. Es muss auch eine digitale Zivilcourage eingeübt werden.
Rechtfertigung … wird zugesprochen, nicht erarbeitet. Daraus ergibt sich eine Absage an die Mystifizierung der Technik und an den oft von großen Netzanbietern formulierten Anspruch, man könne mit Technik die Probleme der Welt lösen und das Leben der Menschen bis zur Perfektion optimieren. Diese Vision birgt nicht nur totalitäre Ansprüche: Denn bei allen Möglichkeiten effizienterer Nutzung von Ressourcen bedroht smarte Technik zugleich die originelle Lebensgestaltung eines jeden Einzelnen, weil sie Normierung fordert und den Menschen abhängig macht.“

Zum ganzen Text (PDF) hier entlang.
Ein erstes Schlaglicht eines Teilnehmers (Jörg Lohrer, rpi-virtuell) findet ihr im Blog.