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Ich bin ein Voyeur. Ich darf das.

Ich lese (heimlich) am Bildschirm, am Tablet und auf dem Smartphone Nachrichten, Blogs und allerlei Gedrucktes. Ab und an sehe ich mir auch ein Foto an, selten ein Video.
Ich habe Lust am Text. Das humanistische Bildungsideal ist schuld. Es hat mich auch in die Hände der Theologie getrieben. Bilder erscheinen vor diesem Hintergrund verdächtig, bewegte allzumal.
Ich darf allerdings ein „Voyeur“ sein, schließlich bin ich exhibitionistisch genug veranlagt selbst Texte, Bilder und ab und an sogar ein Video zu veröffentlichen. Davon profitieren schließlich wiederum die anderen „Voyeure“. Wir alle treffen uns in diesem Internet.
Warum ich das schreibe? Ralf Peter Reimann hat ein Plädoyer für „diskretes Sterben“ gehalten. Ich kann seine Argumente allerdings nur schwer nachvollziehen. Wie sollte ein Schriftsteller anders mit seinem Leben und seinem Sterben umgehen als schreibend? Und das meint selbstverständlich „öffentlich schreibend“. Matthias Jung hat in ähnlicher Richtung argumentiert. Allerdings sieht er eine andere Qualität der Äußerung erreicht, wenn nicht mehr in Texten, sondern in Bildern veröffentlicht wird. Das Video eines nur zehn Tage alt gewordenen Säuglings kann so zur Gefährdung der „Menschenwürde“ führen.
Vielleicht geht es auch eine Nummer kleiner. Wie wäre es die Frage nach der Nutzung und dem Umgang von Menschen mit dem Internet einfach als Geschmacksfrage anzugehen?
Wenn es um „Würde“ ginge, müsste man die Stimme erheben. Bei Geschmacksfragen kann man auch einfach wegschauen.
Für mich ist es z.B. befremdlich, wenn Kollegen -freilich jüngere- ihr appetitliches Essen fotografieren und dazu den Hashtag #foodporn benutzen, oder #skyporn wenn sie schöne Sonnenuntergänge fotografieren. Offenbar „ticken“ die Digital Natives da anders. Vermutlich werden wir uns bald mit dem Hashtag #deathporn abfinden müssen und auch mit Bildern, die wir nicht sehen wollen. Wie gut, dass man einfach wegschauen kann.

Inzwischen hat Ralf Peter Reimann seine Ausführungen konkretisiert und findet einen „respektvollen, diskreten Umgang“ mit dem Sterben in dem zitierten Video gegeben. „Was privat ist und was öffentlich ist, ändert sich“ schreibt er. Es ändert sich aber auch unsere „Kultur“ und unsere Vorstellung von dem was „Respekt“ oder Anstand ist. (Für Beispiele zur Änderung von „Respekt“ bitte hier klicken, für „Anstand“ hier.)
Vielleicht ändert sich sogar das, was wir „Menschenwürde“ nennen. Theologisch dürfte das nicht überraschen schließlich ist Gottes Sein selbst im Werden: Ein durch und durch lebendiger, also sich auch verändernder Gott. Mit solch einem Gottesbild muss man sich keine Sorgen manchen. Um Dinge, die in diesem Netz passieren, wohl am wenigsten.

Zion Isaiah Blick from Alpine Chapel on Vimeo.