Allgemein, Erinnerungen

Analog Native

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Ich habe 1986 Abitur gemacht. Drittes Abiturfach war Religion, viertes Hebräisch. Ein Leben ohne Kirche hatte ich bis dahin nicht und konnte es mir auch nicht vorstellen. Seit der 10. Klasse war klar, dass ich Theologie studieren wollte.

Als es dann soweit war, wollten die mich nicht. „Stellen sie sich auf eine Zukunft als Taxifahrer ein“, sagte mir der damalige Superintendent bei dem ich mich auf die Landesliste der Theologiestudierenden eintrug. Auch gut, dachte ich mir, denn damals mochte ich das Autofahren noch.

Die Konsequenz war, dass ich eine Pause einlegte, was das Kirchenthema betraf. Die Theologie bietet mehr als ausreichend Stoff dazu.
Als es nach sechs Jahren auf das Examen zuging, gab man uns 90 Kandidatinnen das Gefühl: „Ihr seid zu viele“. Die Worte „Willkommenskultur“ und „Wertschätzung“ waren damals noch gar nicht erfunden. Immerhin wurde in der rheinischen Kirche in dieser Zeit der „Sonderdienst“ eingeführt und ich erinnere mich auch an Vorschläge die das Teilen von Geld und Arbeit ermöglichen sollten.
In meinem ersten Jahr als Pfarrer (1995) spendete ich einen Teil meiner ersten Bezüge in einen Fond für arbeitslose Theologinnen und Theologen. Ich tat das aus Überzeugung, auch wenn ich nur eine halbe Pfarrstelle hatte und bis heute habe.

Warum schreibe ich das?
Weil Hannes Leitlein (Jg. 1986) Theologie Student kurz vor dem Abschluss hier über seine Zukunft nachdenkt.
Vor 20 Jahren hätte ich einen ähnlichen Text schreiben können. Es hätte nur keinen der Pfarrstelleninhaber interessiert. Wir als Analog-Natives hatten ja nichts, außer Dosenbier und qualmender Alt-68er Kirchenräte.

Die eingeschlagene Richtung der Sondersynode der ekir in Hilden halte ich für den richtigen Weg. Eine Bankrott Erklärung des Protestantismus findet nicht auf Sparsynoden, sondern wenn überhaupt, im „neuen geistlichen Lied“ statt.
Trotzdem sollte man die Finger vom Modell der „missionarischen Volkskirche“ lassen. Das hätte schon zu den Zeiten nicht funktioniert, als Geld im Überfluss vorhanden war. Nur das Missionarische hat Zukunft. Dieses muss ökumenisch und nicht evangelikal geprägt sein. Zum Glück gibt es mit kirchehochzwei.de solche Ansätze.

Bei der Zukunft „der Kirche“ geht es um weit mehr als um Stellen und Versorgung. Es geht darum, dass „Theologie treiben“ und „Kirche sein“ nicht mehr so auseinander fallen dürfen, wie sie das im Moment tun. Trotzdem wird in 20 Jahren die Volkskirche erheblich kleiner sein und die Fresh-X Anteile in den Kirchen hoffentlich stärker. Dann wäre es jedenfalls besser gelaufen als in den vergangenen 20 Jahren.

Solange es Menschen wie Herrn Leitlein gibt, der schon mit 7 Jahren so schreiben konnte wie Papst Franziskus, muss man sich um die Zukunft der Kirche aber wirklich keine Sorgen machen.
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