Predigt

Predigt über Jesaja 50,4-9

Ich habe es nötig, es würde mir gut tun, ihnen vielleicht auch.
Ja, ich meine es wäre gut für alle, wenn sie kommen würden.

Sie die guten Nachrichten.

Seit einigen Jahren gibt es Nachrichtenkanäle, die sich darauf spezialisiert haben nur gute Nachrichten zu senden.

Eine Stunde täglich nur gute Nachrichten!
Nur gute Nachrichten am laufenden Band. Das täte gut, das wäre ein notwendiges Gegengewicht gegen alles, was an schlechten Meldungen über die Sender und durch die Zeitungen rauscht. Aber, was sind eigentlich gute Nachrichten?

Ein ausgeprägtes Tiefdruckgebiet mit Niederschlag ist dem Landwirt evtl. willkommen, dem Badeurlauber dagegen wohl weniger. Ist das nun gutes oder schlechtes Wetter?

Eine ausgleichende ausgesprochen gute Nachricht wäre auch im Blick auf den Predigttext wünschenswert.
Denn dort spricht jemand, dem es so geht, wie tausend anderen auch. Dem Sprecher geht es ausgesprochen schlecht: Er wird geschlagen, auf den Rucken und die Wangen, und er wird bespuckt.

Hier redet ein gefolterter, ein von Menschen mißhandelter; einer,
dessen Menschenrecht mit Füßen getreten wird.
Wer ist dieses „Ich“, wer der Mensch, der hier spricht?

Im Text wird einiges mehr über ihn laut, als das er gefoltert wird und leidet. Im Text spricht das „Ich“, dieser jemand, über sich; da ist jemand, der über sich spricht, über sich und über seine Beziehung zu Gott, zu JHWH, wie er sagt.

Jahwe und der Sprecher stehen in einem engen Verhältnis: Das „Ich“ des Textes versteht zu hören: „Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet; Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr.“

D.h. es besteht ein regelmäßiger Kontakt zwischen dem Sprecher und Gott. Er hört auf Gott, das aber ist nicht seine Leistung, nicht seine Auszeichnung oder Qualifikation, sondern Gabe Gottes:
Jahwe ist der, der das Hören schenkt.

Mit dem Geschenk des Hörens empfängt die sprechende Person auch die Gabe zu reden. Sie versteht zu hören und sie versteht zu reden, d.h. das richtige Wort zur rechten Zeit zu sagen:

„Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie Junger sie haben.“

Als Jünger also bezeichnet sich der Sprecher hier; als Jünger, der in regelmäßiger, täglicher Kommunikation mit Gott steht.
Dieser Jünger Gottes, der es versteht zu hören und zu reden, empfängt damit einen Auftrag:

Seine Aufgabe ist es mit den Müden zu reden, den Niedergeschlagenen aufrüttelnde Worte zu sagen. Das klingt zunächst wenig konkret, ist es allerdings gar nicht; vielmehr geht es um etwas ganz handfestes:

Der Sprecher, wie ich ihn nannte, der Junger, wie er sich selber nennt, hat ganz bestimmte müde Menschen vor Augen.

Diese müden Menschen sind die resignierten Israeliten im Exil. Sie sitzen dort im fremden Babylon und blasen Trübsal.

Alle ihre Hoffnungen und Erwartungen sind zunichte gemacht: sie haben kein Land mehr, im Tempel spielt sich nichts mehr ab kein Gottesdienst, keine Opfer und das Königtum, dem Gott einen immerwährenden Bestand zugesagt hatte, existiert auch nicht mehr.

Kurzum: Den Israeliten ist zum heulen zumute.

In diese Situation hinein redet der Jünger seine zuvor von Gott vernommene Botschaft: Israel soll wieder zurück ins Land, Gott selbst geht voran, ebnet den Weg; alle Täler sollen erhöht, alle Hügel erniedrigt werden; kein Stein soll im Weg liegen, wenn Gott mit Israel zurück ins Land zieht.

Soweit die Botschaft des Jüngers; zweifellos eine gute Nachricht zumindest für Israel.

Der Nachteil dieser Botschaft war, da sie vollkommen unrealistisch war. Den Hörern dieser Botschaft mute es vollkommen unbegründet und an den Haaren herbeigezogen erscheinen, was hier laut wurde; bloße Spinnerei, nur Hirngespinste, geradezu töricht und ärgerlich.

Ist es daher nicht verständlich, wie die Hörer reagierten?
Sie die müden und resignierten, sie, die durch die guten Nachrichten aufgerüttelt, getröstet werden sollten; sie schlagen zu, raufen, spotten und bespucken den, der trösten soll.

Der, der Gottes Trost zusagt wird verspottet und misshandelt.
Die Trostbotschaft bringt den Trostspendenden in arge Bedrängnis, bringt schweres Leiden mit sich.

Das Erstaunliche ist nun, dass der Jünger dieses Leid bereitwillig auf sich nimmt; er zerbricht nicht an seinem Geschick; er läßt es sich zumuten: ja er benimmt selbst die Rolle des aktiven im Leiden, indem er seinen Rucken hinhält und sein Gesicht nicht verbirgt.

Wie das, so frage ich mich? Wie kann das jemand aushalten?
Der Sprecher hat darauf nur die Antwort, dass Gott ihm hilft, Gott ihn nicht untergehen läßt.

Auch das Leid, in das ihn seine Verkündigung führt, hält ihn nicht ab von seinen heilsamen, aufrichtenden, helfenden Worten.
Er erträgt das Leiden, weil es zu seinem Auftrag gehört, in dem er sich mit Gott verbunden weiß.

Wer ist denn nun der Jünger,
wer das „Ich“, das im Text spricht, so hatte ich gefragt und bin die Antwort bisher schuldig gebelieben.

Ich fürchte ich werde sie auch schuldig bleiben
müssen, denn ich kann nicht mit Sicherheit sagen wer hier spricht.

Wahrscheinlich ist es ein Prophet, dessen Name noch nicht einmal bekannt ist!

Ein unbekannter, namenloser, gefolterter Prophet, Mitte des 4.Jhd’s v.Chr. Was haben wir denn mit dem zu schaffen; so könnte man fragen.

Gibt es nicht heute genug namenlos gefolterter, anonym ermordeter? Wozu die Beschäftigung mit gerade diesem?

Für mich ist der unbekannte Prophet wichtig, weil er mir deutlich macht, da Gott sein Werk zum Heil der Welt und an mir, beginnen lässt durch die Verkündigung des Wortes.

Gottes Wort ist ein Wort an mich, wenn ich müde erschöpft und resigniert bin. Es ist ein ermunterndes Wort, eines, dass ich nicht selbst gefunden habe, sondern dass mir mitgeteilt ist.

Es ist ein Wort, dass sagt, dass Gott mir hilft, dass er da ist und mich hält. Auch und gerade dann, wenn ich es nicht merke, wenn Gott selbst mir zweifelhaft ist.

Für mich ist der unbekannt Prophet weiterhin wichtig, weil an ihm deutlich wird, dass Gott sein Wirken mit dem Wirken eines Menschen verbindet.

Ich bleibe nicht außen vor. Gottes Werk wird im Wirken und Geschick eines Menschen weltliche Realität, wird anschaubar, begreifbar.

Allerdings wird es nur verborgen anschaubar, verborgen unter dem Leiden eines Menschen.

Aber zu diesem Menschen und Leiden hat sich Gott bekannt.
Er schafft ihm Recht, er stellt sich auf die Seite des schmachvoll Leidenden.

Das Leiden ist nun aber nicht zufällig; es entsteht gerade durch den Widerstand derer, denen das Heilswerk zugute kommen soll.

Hier möchte ich in Klammern bemerken, dass jüdische und christliche Theologie bei dieser Aussage ganz dicht beieinander und zugleich ganz stark unterschieden sind.

Denn, da Gott sein Wirken mit einem Menschen verbindet, behauptet christliche Theologie ja gerade von dem Wirken und Geschick eines Menschen: dem Juden Jesus von Nazareth.

In ihm und der Realität seines Leidens und Sterbens sehen Christen Gottes Werk mit der Welt in letzter Konsequenz verbunden.

Gott bekennt sich zu dem leidenden Menschen so hatte ich gesagt; er schafft ihm auch Recht, indem er ich auf seine Seite stellt.

Dieses Recht schaffen ist aber nicht nur etwas bloß verbales, nicht nur eine Neuinterpretation der sonst gleichbleibenden Verhältnisse, sondern meint eine Veränderung der Realität.

Meint das Heil, das bei diesem Leidenden nicht die Behebung eines persönlichen Notstandes bedeutet, sondern den Erfolg des Gotteswerkes durch diese Gestalt.

Von daher ist dieses spezielle Leiden dieses einen verschieden von dem, was ich als Leid erfahren kann.

Das Leiden des einen hat Sinn, weil es zum Heil verhilft. Alles andere Leiden ist sinnlos, liegt nicht in Gottes Absicht.

Das Leid des einen hat allerdings ganz gewiß etwas mit dem Leid der Welt zu tun, insofern es auf dessen endgültige Überwindung zielt:

Gott will wahrlich nicht die Hungerkatastrophen, keine Erdbeben und Wirbelsturmopfer.

Gott will nicht das Leid von Arbeits- und Obdachlosigkeit.
Keine Folter und Rechtlosigkeit, keine Krankheit und Schwermut.
Gott will nicht den Tod, sondern die Überwindung des Todes.

D.h. aber zugleich, dass Gott bei denjenigen steht, die solches erleiden. Ihr Leiden läßt ihn nicht kalt, sondern setzt ihm zu, macht ihm zu schaffen.

Gott ist bei denen, die ganz unten sind, ohne Perspektive, ohne Ausweg, ohne Hoffnung.

Dass er dort steht, dass er aber die Ausweglosigkeit nicht will, vielmehr für die, die dort stehen einen Ausweg will, gerade das gibt Hoffnung.
Das zu hören habe ich nötig, denn die, die dort unten sind, sind nicht die anderen, das bin manchmal auch ich selbst.

Das zu hören tut mit gut, weil ich ohne zu wissen, da Gott mir hilft nicht leben könnte Das ist eine gute Nachricht, dass ein anderer für mich eintritt, damit ich lebe.