Predigt

Gottes Wort ist nicht. Es wird. (Joh.5,39-47) Predigt

Alt Hebräisches Papyrus

foto: sxc.hu

Durchaus kritisch geht der johanneische Jesus hier vor. Er geht nicht gerade höflich mit seinen Zuhörern um. Genau genommen geht er ziemlich mit ihnen ins Gericht. Dabei sind sie doch auf dem richtigen Weg.
Immerhin lässt sich erahnen, dass sie fleißige Bibelleser sind: „Ihr sucht in der Schrift“.

Um wie viel mehr würde der Schreiber des Johannesevangeliums wohl mit uns heutigen umgehen?
Da wird doch hier und dort nach dem richtigen Weg gesucht. Je exotischer die Antwort, desto besser ihr Wert.
Überall, aber doch nicht in der Bibel wird nach Sinn und Erfüllung des Lebens gesucht.

Würde der Schreiber des Evangeliums aber wirklich so hart mit heutigen Nicht-Lesern umgehen?
Ist sein Anliegen wirklich damit zu erfassen, dass er sagt: „Lies die Bibel und alles wird gut?“
Nun gut, bei einer so zugespitzten Frage erwarten sie selbstverständlich keine positive Antwort.
Und ich gebe zu: Eine derartige Aussage lässt sich, selbst zugespitzt, in der ganzen Bibel nicht finden.

Dennoch ist zu fragen: Wenn selbst intensiven Bibellesern offenbar nicht gelingt, was verlangt ist, wie soll man es denn dann eigentlich halten?
Oder ist es schlichtweg einerlei, wie man sich zur Bibel verhält, weil es für den Menschen sowieso nur schlecht enden wird?

Beim Bibellesen kommt es nicht darauf an, dass wir möglichst viel auf einmal lesen, sondern dass wir immer wieder bei dem Gelesenen stehen bleiben und uns einfangen lassen, darüber nachzudenken. Wir glauben ja nicht an die Bibel. Wir glauben vielmehr dem Evangelium von Jesus Christus, so wie wir es in der Schrift bezeugt bekommen haben. Die Bibel ist nicht Gottes Wort. Die Bibel ist Zeugnis von Gottes Wort, welches Jesus Christus ist, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen haben.
Daher ist das Christentum keine Buchreligion.
Sondern es ist eine Geschichtsreligion, die die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt.

Im Erzählen tut sich dann Wahrheit auf.
Im Bibellesen wird mir ein Text zum Evangelium, weil ich in ihm die Zuwendung und Gnade Gottes erfahre. Weil ich merke, dass ich gemeint bin.
So wird also das Evangelium.
Es ist nicht.
Es wird.
Genauso wie Gott nicht ist, sondern wird.
Und für das Werden Gottes ist die Lehre von der Trinität das beste Beispiel.
Gott ist in sich selbst eine Geschichte.
Und diese Geschichte wird als eine Geschichte zwischen Vater und Sohn erzählt.
Als eine Geschichte zwischen Vater und Sohn, in der Heilige Geist, das Band dieser Beziehung ist.
Und als Band sorgt der Heilige nun auch dafür, das die Verbindung zu uns (vermittelt durch die Schrift) zustande kommt.

Im vorliegenden Evangeliumstext wird nun noch eine andere Verbindung betont. Es ist die Verbindung zwischen Mose und Jesus.
Ohne das Alte Testament können wir keine Christen sein.
Nur so kann uns die Schrift als Zeugnis des Wortes Gottes, zum Evangelium, werden.
Da geht es nicht nur ums Lesen, sondern vor allen Dingen um um ein Hören.
Ein Hören, dass mich hinein nimmt in die Geschichte Gottes mit seinen Menschen.
Ein Hören, dass mich mitnimmt, weil ich ein vom Evangelium getroffener Mensch bin.
Ein Mensch, der um dieses Evangeliums willen zusammenbringt und nicht auseinander reißt. Der für Verständigung eintritt und nicht spaltet. Der Gnade vor Recht ergehen lässt. Und der seine Nächsten nicht bei seinen Taten behaftet, sondern davon ausgeht, das das Evangelium auch ihn verwandeln kann.
Gebe Gott, dass wir zu solchen Menschen werden.

1 Kommentare

  1. knuuut sagt

    Der Amtsbruder Güntzel Schmidt hat zu meinen kurzen Predigtgedanken einige sehr wichtige Differenzierungen (in Vorbereitung auf seine Predigt für den kommenden Sonntag) vorgenommen. Diese möchte ich an dieser Stelle auch veröffentlichen und ihm für seine Klarstellung danken. Ich empfinde seine Ergänzungen als sehr hilfreich. Das gilt besonders für die Ausführungen inwieweit die „Bibel“ als Gottes Wort zu gelten hat.

    Er schreibt:
    „Dazu habe ich heute bei der Vorbereitung auf die Predigt am kommenden Sonntag (3. Juli 2011) über Matthäus 22,1-14 folgendes Zitat von Ulrich Luz gefunden:

    „Textgeschichtlich zeigt unsere Parabel, wie erstaunlich frei die nachösterlichen Tradenten und auch Matthäus selbst mit einer ihnen vorgegebenen Parabel Jesu umgegangen sind. Sie haben in sie ihre eigenen Erfahrungen eingearbeitet. Sie haben sie verändert und erweitert, nicht nur in Details, sondern auch in ihrer zentralen Aussage. Kirchen, die sich ‚allein auf die Schrift‘ berufen, sollte dies hellhörig machen. Zur Schrift selbst gehört ihre Lebendigkeit. Zur Bibel gehört die Veränderung der Tradition, ihre lebendige Erneuerung. Eine Bibeltreue, die sich dieser Kraft zur Veränderung nicht aussetzt, ist der Bibel nicht treu.“

    (Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, EKK I/3, Zürich/ Neukirchen-Vluyn, 1997 (ISBN 3-7887-1580-4), S. 250)

    Ist das Christentum eine Buchreligion? Wir haben die „Schrift“, den Tenach des Judentums, und dazu die neutestamentlichen Schriften: die Bibel. Ein Buch, mit dem wir arbeiten, aus dem wir alle für den Glauben relevanten Aussagen entnehmen. Seit Luther überdies alleiniger Maßstab für alle Glaubensaussagen und -lehren. Also sind wir eine „Buchreligion“!

    Die Bibel ist aber kein Kochbuch, in dem man das Rezept für ein Leben als Christin oder Christ findet. Sie ist keine Gebrauchsanleitung, die man wortwörtlich befolgen muss, um zum erwünschten Ergebnis zu gelangen. Wir teilen den Tenach, das „Alte Testament“, mit dem Judentum – und das legt ihn signifikant anders aus als das Christentum. Das kann man nicht einfach ignorieren; es zeigt mindestens, dass die Bibel mehrdeutig – und daher auslegungsbedürftig – ist. Hinzu kommt, dass die Bibel ein Kind ihrer Zeit ist: Sie spiegelt den geistigen Horizont der Menschen wieder, die sie schrieben. An unzähligen Stellen wird dieser Zeit-, Denk- und Erfahrungshorizont sichtbar. Das macht es schwer, um nicht zu sagen: unmöglich, von der Bibel als einer von Gottes Geist inspirierten Schrift zu sprechen, die ich wörtlich zu verstehen habe – wie ein Kochbuch, eben. Und schließlich ist die Bibel uns nur als Übersetzung zugänglich – als Übersetzung aus dem Hebräischen und Griechischen, als Übersetzung auch aus einer historischen Epoche und einem Kulturraum, die nicht die unseren sind und die wir heute nicht mehr verstehen.

    Kann man die Bibel „wörtlich“ übersetzen? Wenn wir das versuchen, tun wir so, als hätten die Begriffe und die dahinterstehenden Gedanken der Bibel sich in 2000 Jahren nicht verändert. Tatsächlich gibt es so etwas wie eine „menschliche Konstante“ – Liebeskummer vor 2000 Jahren, Neid, Zorn, Angst werden nicht anders erlebt worden sein als heute. Aber wie erklärt man einem Inuit oder einem Menschen aus Papua-Neuguinea, die beide kein „Brot“ und keinen „Wein“ kennen, das Abendmahl? Wir müssen übersetzen: Die griechischen Worte ins Deutsche, die Gedanken antiker Menschen in unsere heutige Gedankenwelt. Dabei verändert sie sich. Und wir können nicht einfach alles übernehmen. Wir lesen die Bibel mit einer theologischen Brille: einem Wissen oder einer Ahnung, wie Gott ist, mit der wir die Texte erschließen, gewichten und ihnen möglicherweise auch widersprechen.

    Trotzdem: Das Christentum ist eine Buchreligion. Wenn wir nicht beliebig reden wollen, müssen wir uns an die Worte halten, die uns vorgegeben sind. Und da wir lernen und uns verändern, ändert sich auch unsere Sicht auf die biblischen Texte. Dadurch – und dadurch, wie Knut Dahl sagt, dass das Bibelwort mich anspricht, indem ich durch es die Zuwendung Gottes erfahre – bleibt es lebendig. Die Schrift lebt.“

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