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Synkretismus und Inkulturation (in) der Kirche?

Angeregt durch den heutigen Artikel auf evangelisch.de
stellt sich mir die Frage nach dem Verhältnis von Synkretismus und Inkulturation.

Mir fiel ein Artikel (Papier!) in die Hand -zugegeben nach etwas längerem Suchen-, der in der Zeitschrift „Evangelisiche Theologie“ 1992 erschien mit dem Titel: „Inkulturation und Synkretismus“ (EvTh 52, 1992). Der Missionswissenschaftler Theo Sundermeier
überrascht zunächst damit, dass nicht das Christentum Subjekt der Inkulturation ist, sondern das Evangelium, also die Botschaft selbst.
Er erinnert an Phil2,6f wo es von Christus heißt, dieser hielt es nicht für einen Raub Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und nahm Knechtsgestalt an.
So gehe also das Wort Gottes in die Kulturen ein. Die Kirche werde also mitgenommen auf diesen Weg und lerne immer neu das Wirken des Geistes kennen. Das führe auch neuen theologischen Pfaden und zu neuen Formen der Spiritualität.
Einen gesicherten Glauben gebe es demnach nicht und jeder Gläubige bleibe in diesem Prozess nie so, wie er vorher war. „Er erkennt die kulturelle Begrenzung seines bisherigen Wissens um Gott und lässt sich verändern.“
Auch das Evangelium kann sich dabei verändern, „ohne seine Identität aufzugeben“.

Zu dieser theologischen Überlegung passt natürlich ausgezeichnet, dass die Kirchen der Reformation ein übergeordnetes „Lehramt“ ablehnen.
Der Gedanke einer Veränderbarkeit des Evangeliums ist m.E. -kirchlicherseits- nicht konsequent weiter entwickelt worden.
Das zeigt sich u.a. an der unterschiedlichen Bewertung der „Barmer Theologischen Erklärung“ durch die unterschiedlichen evangelischen Landeskirchen.

Im Horizont der Ökumene ist die Frage der Inkulturation seit Jahrzehnten ein beherrschendes Thema.
In meinem Hinterkopf hat sich irgendwie fest gesetzt, dass ein Befreiungstheologe mal sagte: Das Christentum sei eine grandiose synkretistische Religion.
War es L. Boff oder E. Cardenal?
Falls es E. Cardenal war darf natürlich folgende Szene (bei 1:30) nicht ungezeigt bleiben

In diesem Kontext möchte ich noch einmal die vier Aspekte kirchlichen und gesellschaftlichen Wandels hinweisen, die G. Fermor in seinem kürzlich gehaltenen Vortrag auf der Landessynode vortrug:

Wir leben in einer religiös-säkularen Gesellschaft: Säkular, weil sich spirituelle Bedürfnisse und religiöse Praxis zu einem großen Teil heute jenseits kirchlicher Räume verwirklichen; religiös, weil diese nicht-kirchliche und insofern „säkulare“ Praxis erwiesenermaßen religiöse Interessen verfolgt und sich alles andere als von diesen verabschiedet hat.
Wir leben in einer Optionsgesellschaft: Religiöse Praxis gestaltet sich heute innerhalb und außerhalb der Kirche als Wahlreligiosität, die von einem nie dagewesenen Maß an Individualität und Pluralität bestimmt ist.
Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft: Die angesprochene religiöse Pluralität speist sich nicht nur aus den Wahlmöglichkeiten und – notwendigkeiten einer Erlebnisgesellschaft, sondern auch durch das Neben- (und im gelingenden Falle) Miteinander einer multikulturellen Gesellschaft: religiöse Praxen verschiedener geprägter Religionsgemeinschaften wollen in einem gesellschaftlichen (globalisierten) Kontext – interkulturell – in Beziehung gebracht werden.
Wir leben in einer Risikogesellschaft: Die Risiken der kapitalistischen und globalen Beschleunigungen werden strukturell immer mehr den Individuen und ihren lebensweltlichen Kompensationsstrategien überlassen. Dies betrifft z.B. in der Bildungs – oder Kulturperspektive auch den Zugang zur religiösen Praxis. Wer kann sich welche Spiritualitätspraxis wie leisten?