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Reden von einem Gott, den es nicht gibt.

Einfach von Gott zu reden, dieser Versuch wird tagtäglich von hauptamtlichen Christen unternommen, und von vielen anderen auch. Die Berufschristen haben viel Literatur darüber zur Kenntnis genommen und noch mehr davon links liegen lassen.

Reden von Gott den es nicht gibt

foto: sxc.hu

Die Ausgangslage hat sich (seit 1925 „Welchen Sinn hat es von Gott zu reden?“) nicht verändert. Ergänzend könnte natürlich gefragt werden welchen Sinn es macht, das in 140 Zeichen bzw. 1:30 Min zu tun. Aber das wäre einen neuen Blogeintrag wert.

Gott als Wort unserer Sprache, als Begriff, als etwas das wir damit bezeichnen, ist weniger fragwürdig als zu Bultmanns Zeiten.

Der Status-Reflex (Wenn der Papst/Pfarrer bzw. theologische Fachmann das glaubt, kann es so verkehrt nicht sein!) greift in einer komplexer werdenden Welt weit stärker als gedacht (siehe P.L. Berger in seiner neuen „Elefanten Analyse“).

In der Universitären Theologie ist das oft nicht anders: Wenn allen voran Luther, Schleiermacher, Barth, Tillich, Pannenberg, Jüngel, Dahlferth, Herms usw. das gut begründen können, muss es für den stud. theol. und späteren Pfarrer auch reichen.

Das kann man beklagen aber nicht leugnen.
In anderen Bereichen funktioniert das ähnlich: Über Krebs kann so mancher referieren ohne Onkologe zu sein. Und wie sehr man den Bank-Beratern vertraute ohne zu wissen was ein Derivat eigentlich ist, hat die Lehman-Brother-Krise gezeigt.

Ist (die Vorstellung von so etwas wie) Gott aber unstrittig (und das ist in den meisten pfarramtlichen Fällen so), ist der Glaube in der Gemeinde vor Ort ebenfalls nur hier und da fraglich.

Meist steht er als unangefochtene Prämisse (als Erfahrung/Gefühl) vollkommen außer Frage. Angesichts dieser Ausgangssituation die Gratwanderung zwischen Stärkung von Glauben (certidudo) und Abwehr von fälschlicher Sicherheit (securitas) zu leisten empfinde ich als in vielen Fällen anstrengend.

Zumal kirchenleitende Verlautbarungen oft nur so vor securitas strotzen.
Ein wenig mehr kirchliche Bescheidenheit und Nachdenklichkeit (in theologischen, und ethischen Fragestellungen) würde den pfarramtlichen Alltag schon erleichtern.

Ich verstehe (meinen) christlichen Glauben als eine (für mich einzige) Deutekategorie des Lebens (mit Denken, Fühlen, usw.), welche ich anderen Menschen versuche als auch für sie gangbaren Weg aufzuzeigen. Nicht mehr. Das mag für einige zu wenig sein. Für mich wäre mehr vermessen.

Die akademische (systematische) Theologie bleibt für meinen Glauben die Bezugsgröße hinter die ich nicht mehr zurück kann und nicht mehr zurück will.

In der Praxis des Lebens erweisen sich die Dinge dann oft einfacher als gedacht: Dann ist die Erzählung des Gleichnisses vom verlorenen Groschen auf einmal mehr Gotteslehre als der betreffende Abschnitt in der systematischen Theologie und der doxologische Charakter des gemeindlichen Glaubens steht im Vordergrund.

Was bleibt ist die Aufgabe, Gott (als Wort unserer Sprache) so (mit E. Fuchs) zur Sprache zu bringen, dass er eben nicht mehr als etwas gedacht werden will, was ist, sondern dessen Sein im Werden (E.Jüngel) erfahren werden will.

D.h. also auf der einen Seite eine Erfahrung mit der Erfahrung zu machen. Und auf der anderen Seite für eine Vorstellung der Wirklichkeit zu werben, die sich nicht auf die Wirklichkeitserfahrung beschränkt, die man zählen, messen und wiegen kann.

Es gilt deutlich zu machen, dass es in unserer Wirklichkeit um Beziehung (also um relationales Sein) geht. Und in diesem Zusammenhang wäre dann auch die Trinitätslehre neu zum leuchten zu bringen. Denn diese hat ihre Spitze genau darin zu zeigen, dass es so etwas wie „Gott“, jenseits von Ihr gerade nicht gibt. Außerhalb der Beziehungen (Relationen) der Personen untereinander ist kein Gott. Die notwendig zu treffende Unterscheidung zwischen immanenter und ökonomischer Trinität lassen wir hier einmal sträflich beiseite.

Schließlich ist zu beachten, dass ein Gedanke oder ein Gefühl (auch das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“, Schleiermacher) immerhin so real ist, dass es sich mit modernen bildgebenden Verfahren beobachten lässt, wie U. Schnabel es in der „Vermessung des Glaubens“ dargestellt hat.

Die größten Hemnisse für nicht Glaubende Menschen liegen m.E. in einer persönlichen Vorstellung eines Gotteswesens einerseits, und der demgegenüber vehement geäußerten Form von Glaubensgewißheit. Nun allerdings nicht zur persönlichen Glaubensstärkung, vielmehr als apologetische Haltung, dass sich Verzicht lohnen muss.
Oder anders formuliert:

Ein Erwählungsgedanke führt auf der anderen Seite zu einem Reflex von Defiziterfahrung, die ihrerseits in offene oder verdeckte Aggression führt.

Demgegenüber sollte Luthers Satz: „non temptatus, non christianus“ wesentlich öfter in Gebrauch genommen werden. Denn die radikale Frage: „Was wäre, wenn kein Gott ist?“, bewahrt Christinnen und Christen vor Überheblichkeit und Bevormundung derer, deren Deutung der Welt ohne einen Begriff von Gott auskommt.