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Nikolaus Schneider: Der Islam gehört auf andere Weise zu Deutschland

Präses Schneider hat in einem Interview in der „WELT“ über seine Motivation gesprochen Ratsvorsitzender der EKD zu werden. Daneben sprach er auch über die andauernde Integrationsdebatte, ja sogar über Theologie.

Islam gehört auch zu Deutschland

foto: sxc.hu


Auf die Frage an seiner Freude an dem Amt des Ratsvorsitzenden „bekannte“ er:

Es ist wunderbar zu erleben, wie mir hier in der EKD zugearbeitet wird, und die Möglichkeit zur Teilnahme an öffentlichen Debatten ist verlockend groß.

Das heißt frei übersetzt: „Ich habe endlich noch mehr Leute unter mir und endlich hört mir jemand zu!“ Diese Antwort ist zugegebener Maßen ehrlich, qualifiziert aber nicht notwendig für ein Amt. Der Ratsvorsitzende ist eher so etwas wie ein „Bundespräsident“, kein „Generalsekretär“.

Die Äußerung zu theologischen Themen, die Bürger interessieren, bleiben angesichts seiner sonst kompetenten sozialethischen Zuspitzungen eher vage und hölzern. Die Sache mit der „Selbstwahrnehmung“ leuchtet mir überhaupt nicht ein: Ich kenne Menschen, die sich als zufälliges Staubkorn im Weltall begreifen und deren Selbstwahrnehmung (was genau ist das?) sich von meiner (eingebildeten?) Selbstwahrnehmung keineswegs „gewaltig“ unterscheiden.

DIE WELT: Was sind spezifisch theologische Fragen, die Bürger interessieren?

Schneider: Die Gottesfrage ist nach wie vor die zentrale Frage. Ob ich ein zufälliges Staubkorn im Weltall oder von Gott gewollt und geliebt bin, ist ein gewaltiger Unterschied in der Selbstwahrnehmung der Menschen. Das interessiert die Leute, nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit dem Atheismus. Zur Gottesfrage gehört auch, dass wir Menschen nicht alles allein tragen können, sondern auf Stellvertretung angewiesen sind. Damit ist die Kreuzestheologie berührt: Wir können darauf vertrauen, dass Gott in Jesus die entscheidende Stellvertretung geleistet und unser Leid am Kreuz auf sich genommen hat.

Treffsicher dagegen argumentiert Schneider, als es um die Stellung des Islam in Deutschland geht. Da ist er merklich auf seinem Terrain!

In Österreich haben sich die Muslime geeinigt und sind dort eine Körperschaft des öffentlichen Rechts.

DIE WELT: Sie würden es begrüßen, wenn das auch in Deutschland gelänge.

Schneider: Aber natürlich.

DIE WELT: Wie fanden Sie den Satz von Bundespräsident Christian Wulff, dass der Islam mittlerweile auch zu Deutschland gehört?

Schneider: Zweierlei ging mir durch den Kopf. Zum einen: Recht hat er, vier Millionen Muslime leben hier, der Islam ist in unserem Land, er wird bleiben. Zum andern, und das hat der Bundespräsident in seinen Formulierungen ja auch angedeutet: Der Islam gehört auf andere Weise zu Deutschland als Christentum und Judentum. Das konnte der Bundespräsident in fünf Sätzen nicht in aller Komplexität darstellen, seine Rede ist hier also interpretationsbedürftig, aber auch interpretationsfähig im Sinne einer Aufgabenstellung, wie Wolfgang Huber es zutreffend festgestellt hat. Soll heißen: Nachdem der Bundespräsident unseren gläubigen muslimischen Mitbürgern verdienstvollerweise die Hand gereicht hat, können wir nun offene Fragen mit ihnen besprechen. Welche Theorie kann der Islam entwickeln, um mit der Trennung von Staat und Kirche fertig zu werden? Was ist zu tun, damit alle Muslime anerkennen, dass der Wahrheitsanspruch des Islam nicht mit Gewalt durchgesetzt werden darf? Oder das Verhältnis von Mann und Frau, die Gültigkeit der Scharia – all das sind Themen, bei denen man sagen muss, dass der Islam Teil unserer Gesellschaft, aber noch nicht eingewoben ist in unsere Verfassungsordnung und -wirklichkeit.

In der Frage der PID ist er für konservative Kreise sicherlich genau soweit über das Ziel hinaus geschossen wie in der Bewertung der Frage nach der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken. Mir gefällt diese Eindeutigkeit dagegen ausgesprochen gut.
Ich bin sicher, dass wir im November einen starken, gestärkten neuen Ratsvorsitzenden erleben werden.
Gleichwohl: Die Lücke, die Margot Käßmann hinterlassen hat, wird noch lange nicht geschlossen werden können.