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Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht (D. Bonhoeffer)

Da hab ich gestern in twitternder iPod-Laune ein bekanntes Zitat von Bonhoeffer benutzt und daraus ist in einem andern Blog, (den ich hier nicht verlinke, weil der Autor anonym bleiben will) ein interessanter Kommentar entstanden, den ich hier posten möchte, damit er mir nicht verloren geht. Alexander Ebel hat ihn für sich auch schon digital archiviert. Warum diesen Kommentar dann nicht in den (kirchlichen) Kontext „zurück bringen“ in der er ursprünglich gehört. Volker Nies (helias00) hat ihn geschrieben. Es zeugt von großem theologischem Sachverstand, Chapeau! Nun hat er einen eigenen Blog eröffnet und den Diskussionsgang dort entfaltet:

Einen Gott den es gibt gibt es nicht

foto: sxc.hu

Volker Nies hat zu dem Bonhoeffer Zitat „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, S.514f. Er bezieht sich aber auf seine Aussagen in „Akt und Sein“ S. 94) folgendes angemerkt:

Um Bonhoeffer zu verstehen ist weit mehr nötig als drei, vier tweets. Eigentlich braucht es einen soliden background an philosophischen Positionen, um das Zitat angemessen deuten zu können. Man kann den genannten Ausspruch jetzt entweder epistemologisch, fundamentalontologisch oder religionsphilosophisch deuten.
 Die epistemologische Lesart wäre: Einen Gott, den “es gibt”, gibt es nicht, denn die menschliche Erkenntnis von Gott kann immer nur fragmentarisch und zeitlich sein. Insofern gibt es kein abgeschlossenes Gottesbild in unserer Welt, das wirklich Gott voll entsprechen würde.
 Fundamentalontologisch könnte man einwenden, dass eben bestimmte Dinge nicht einfach “sind”, sondern ihren Existenz eigentlich erst im Werden verwirklichen. Auch der Mensch “ist” nicht einfach, sondern befindet sich stets im Prozess seines Lebensvollzugs und kann sich wesentlich erst in Reflexion auf sein eigenes Werden bestimmen. So ist es auch mit Gott. Nach jüd.-christlicher Überlieferung nennt sich Gott selbst “Ich bin, der ich bin” oder “Ich werde sein, der ich sein werde” oder “Ich bin, der ich sein werde” (je nach Übersetzung). Diese Mehrdeutigkeit ist auch im Hebräischen vorhanden und damit vermutlich beabsichtigt. Gott selbst nennt sich also nicht irgendwie (”Ich bin Gott ABC”) und “ist” damit Gott ABC, sondern benennt sich als Sein und Werden selbst. Insofern gibt es einen Gott, den es gibt (”es gibt den Gott ABC, …”), gerade nicht, sondern Gott selbst ist. Man kann das ganze jetzt im Rahmen von Blochs Noch-Nicht-Seins-Ontologie lesen, aber das führt hier zu weit. Allgemein zum Thema kann ich Quines Aufsatz “Was es gibt” empfehlen.
 Religionsphilosophisch kann man noch mit Tillich und Buber an die Sache rangehen: Gott “ist” nicht einfach, sondern immer nur im Bezug zum Menschen (Buber würde sagen: Im Grundwort Ich-Du). (Das überschneidet sich mit der Epistemologie:) Das heißt, dass es Gott immer nur für einen bestimmten Menschen in bestimmter Art und Weise zu einer bestimmten Zeit “geben” kann, aber niemals von Außen-/Beobachterperspektive, die als dritte in diese Beziehung hineinschaut. Das liegt an Gottes Wesen “das, was uns unbedingt angeht” (Tillich) zu sein. Gott als Urgrund des Seins kann uns nur unbedingt betreffen, niemals mittelbar (vgl. dazu Hegel).
Alles in allem war Bonhoeffer ein zu schlauer Mensch, um halbgare philosophische Aussagen von sich zu geben. Insofern wäre ich immer vorsichtig damit, anderen Denkern vorschnell Dummheit zu unterstellen, ohne sicherzugehen, dass mir nicht das philosophische Grundwissen fehlt, um die Gedanken überhaupt ansatzweise begreifen zu können.

Man könnte auch noch semiotisch ansetzen, und einen neueren systematischen Vertreter nennen: Hermann Deuser.
Und wer was richtig grundlegendes zur Erkenntnistheorie haben möchte greift direkt zu den Schriften von C.S. Peirce .

Dazu schreibt man dann Bücher. Zum Beispiel dieses hier von Ernst Feil.

8 Kommentare

  1. Lutz Ohl sagt

    Gott als Geländer

    Der Mensch, der glaubt, läuft viel behänder,

    entlang am göttlichen Geländer.

    Dran hält er fest und meint, das kennt er .

    Denn die Welt ist groß und klein — unendelich.

    Und so etwas, versteht er nicht,

    Das macht ihn fast schwindelig,

    und den Zustand mag er nicht.

    Und damit er sich davor hüte,

    erfindet er Gott mit seiner Güte.

    Der uns und alles, die Welt, gemacht.

    Das hat sich ein schlauer Mensch erdacht.

    So baut er sich ein Gotteshaus,

    geht dort regelmäßig ein und aus.

    Lässt vieles, um Gott nicht zu missfallen.

    vor allem

    Sachen

    die ihm Freude machen.

    Und wenn das Leben dann verstrichen,

    und seine Gebeine sind verblichen,

    erhofft er den schwer erkämpften Lohn,

    durch Gott selbst oder seinem eingeborenen Sohn,

    den Spruch vom jüngsten Gericht,

    erfährt hier: ob`s Leben gut war oder nicht,

    und ab nun, ewig, weilen muss,

    nach göttlichem, unanfechtbarem Beschluss,

    was vielleicht schade iss,

    im Himmel oder im Hades.

    Und keiner weiß, was begehrenswert,

    was richtig ist und was verkehrt.

    Dabei hat er, der Mensch, ganz vergessen,

    dass er seinen Gott hat selbst erdacht,

    und was Sünde ist auch selbst bemessen,

    dadurch auch sein Mühsal selbst gemacht,

    so auch am Schluss die bangen Stunden,

    die nützlich, meine ich unumwunden,

    weil sich der Mensch, im ganzen Leben,

    selbst bespitzelt, vom Gewissen eben,

    hat sich dadurch auch meist gut benommen,

    weil ganz am Schluss die Rechnungen kommen.

    Dieser Selbstbetrug ist wichtig

    und in seiner Wirkung richtig.

    Denn wie finden wir sonst denn den rechten Weg,

    wenn nicht am göttlichen Geländer, dem schwankenden Steg?

  2. knuuut sagt

    „Vorne“ heißt zunächst, wie immer im „Wettkampf“ vor dem Gegner! Von Platz eins wag ich gar nicht zu träumen!

  3. Was bedeutet denn „vorne zu sein“ genau? Unter den ersten 10 – oder gar Platz 1?

  4. knuuut sagt

    So, nun hat alles seine Ordnung! Der Autor Volker Nies hat seit heute (!) seinen eignen Blog und ist anständig verlinkt und auch als Autor deutlich gekennzeichnet.
    Und anonyme Blogs verlinke ich nicht! Wer aus seiner Deckung kommt wird verlinkt.
    Nehmen wir es sportlich: Wer es schafft bei google mit „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ vorne zu sein gewinnt. Wir sind den „Atheisten“ dicht auf den Versen und werden es bestimmt bald auf Seite eins schaffen.

  5. Wieso willst Du mein Blog nicht verlinken, weil ich anonym bleiben will? Was ist denn das für eine Logik?

    Du zitierst einen (anonymen) Autor eines Kommentars in meinem Blog vollständig, ohne die Quelle anzugeben?

    Knut, Knut, Knut. *kopfschüttel*

    Ist es möglich, dass Du mit der Kritik an Deiner Position nicht einverstanden bist und den Blogeintrag deshalb nicht verlinkst?

  6. Pingback: sapere aude

  7. Und für alle die nicht wissen, welch fantastische Mölichkeiten Google bereithält – Suchet und ihr werdet finden: http://tinyurl.com/3yk3lub Allein diese Aussage: „Wenn die Bibel mit “Gott” einen Himmelhitler bezeichnet…“ zeigt mir wessen geistig Kind das ist… Schwätzer!

  8. Pingback: Uwe Weider

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