Predigt

Der Mensch ist leider nicht naiv… (Predigt über Epheser2,4-10)

foto:sxc.hu

Liebe Gemeinde, es geht das Gerücht, ein Pfarrer aus der Provinz hätte angesichts dieses Predigttextes einen Brief an seinen Bischof geschrieben.
Einen Brief mit folgendem Inhalt:

„Liebe Bruder im Herrn, ich weiß nicht, was man mit der öffentlichen Lesung der Predigttexte erreichen will, wenn sie solchen Charakter haben, wie der im Epheser Brief im zweiten Kapitel vom vergangenen Sonntag.
Es handelt sich hier doch um einen Text, der ohne eingehende theologische Auslegung gänzlich unverständlich bleibt. Soll ich im Rahmen einer Predigt nun Unterricht in der christlichen Religion betreiben?
Das wäre doch wohl ein falsches Predigtverständnis, oder?
Ich finde solche lehrhaften, theologisch dichten Texte ungeeignet zur öffentlichen geistlichen Rede und bin nicht willens meine Gemeinde mit derartiger Dogmatik zu belasten.
Ich habe mich deshalb entschieden den Evangeliums Text vom Pharisäer und Zöllner zu predigen. Mit freundlichen Grüßen Ihr Pfäfflein aus der Provinz….“

Leider, liebe Gemeinde wissen wir nicht, was der Bischof geantwortet hat, wenn er überhaupt geantwortet hat und wir wissen auch gar nicht recht, ob das „Pfäfflein“ aus der Provinz diesen Brief überhaupt abgeschickt hat…
Aber fest steht:
Selbst wenn das alles gar nicht stattgefunden haben sollte. Es gibt Predigerinnen und Prediger, die so etwas machen, und es gibt sicher auch Hörerinnen und Hörer, die dem sofort und ohne jedes zögern zustimmen würden.

Warum nun ist das so und warum bekommen sie heute hier dennoch eine Predigt zum Epheserbrief zu hören?

Zum einen ist zu sagen, dass es ein durchaus berechtigtes Anliegen des Pfarrers aus der Provinz ist, das zu hörende Bibeltexte auch wirklich gehört werden können, und da besteht bei unserem Predigttext schon ein gewisses Problem.

Dennoch, meine ich, kann es gelingen, auch zunächst vielleicht abständiges und schwieriges fruchtbar zu machen, gerade weil es zunächst abständig ist.

Die Tendenz zu genereller Aussparung nicht eingängiger Inhalte, ist –jedenfalls was den christlichen Glauben betrifft- nicht mitzumachen!

Was nun den so viel gescholtenen Text angeht ist zu seiner Rettung zu sagen, dass er in ungewöhnlicher Dichte den Versuch macht den Kern christlicher Botschaft in wenige Sätze zu fassen.

Der Autor macht es deshalb, weil es sich bei diesem Brief ursprünglich um ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden handelte, die alle im Begriff waren ihre jeweilige Glaubensauffassung als christliche Gemeinde noch zu finden und einzugrenzen.

Damit dieses Eingrenzen und Vereinheitlichen auch über Distanzen und Zeiträume hinweg gelang greift der Autor sogar zu einem Trick, der in der damaligen Zeit nicht unüblich war, um einem Schreiben zu nötiger Reputation zu verhelfen:
Er schreibt im Namen des Apostels Paulus, um deutlich zu machen, dass er sich in Einklang mit der paulinischen Auslegung des Evangeliums befindet.

Und er tut das gar nicht mal schlecht, auch wenn man hier und da erkennen kann, das hier nicht der Apostel selbst schreibt (aber das würde jetzt zu weit führen…)

Der Text erscheint so dicht, weil hier die zentralen Begriffe paulinischer Theologie
miteinander auf engstem Raum verwoben werden:
Sünde, Christus, Liebe, Gnade, Glaube, Werke, Tod und Leben.

Und an der Zuordnung und Reihenfolge dieser Begriffe entscheidet sich nun gerade der evangelische Glaube, oder sollen wir besser sagen zeigt sich evangelisches Profil? Jedenfalls versteht sich der Schreiber als eine Art Profilgeber, der folgendes unterstreichen will:

„Durch Jesus Christus bin ich, was ich bin, nämlich ein von Gott geliebter und angenommener Mensch. An seinem Schicksal hängt mein Leben und nur durch ihn kann ich getröstet durchs Leben gehen.

Hätte er nicht alles für mich getan, wüsste ich nicht, was Liebe ist.
Aus dieser Liebe lebe ich. Wäre sie nicht da, mein Leben wäre leer. Ich wäre tot.
Ich hätte keine Hoffnung und wüsste nichts mit meinem Leben anzufangen, weil ich keine Orientierung hätte.

Ohne Gottes Handeln in Jesus Christus und ohne Jesu Zuwendung zu den Menschen könnte auch aus meinen Taten nichts Gutes erwachsen.

Denn ich bleibe immer zuerst auf meinen Vorteil bedacht und hätte ständig das Gefühl benachteiligt zu werden.
Ich würde immer meine Ellenbogen ausfahren um selber atmen zu können, weil alle anderen mich bedrängen, weil sie ja auch alle nur ihren Vorteil suchen.

Durch Gottes Liebe aber kann ich atmen. Weil Gott mir den Raum gibt, den ich brauche. Und so muss ich den anderen auch nicht immer die Butter vom Brot nehmen.
Ich muss nicht immer der beste sein. Ich muss nicht immer gewinnen. Ich kann auch andere gewinnen lassen, denn Gott lässt jedem seine Räume.
Er engt niemanden ein.

Weil Gott mich aus dieser Angst um mich selbst herausholt, kann ich neue Hoffnung schöpfen und mich meinen Mitmenschen zuwenden.
Ich sehe in ihm den von Gott geliebten Menschen, der ich selber bin.

Ohne Gottes Liebe in Jesus wäre er nur mein Konkurrent im täglichen Kampf um Nahrung, Raum und Macht.
Weil Gott ihn aber genauso ansieht wie mich begreife ich erst, was es heißt zu lieben.

Ich begreife erst, das das Gnade genannt zu werden verdient, die kein Mensch zu spenden in der Lage ist.
Ich begreife erst, dass Gottes Liebe grenzenlos ist und deswegen Barmherzigkeit genannt werden darf.

Und ich begreife erst recht, dass ich nicht Gott bin, weil ich das alles nicht schaffe!

Was ich schaffe, schaffe ich durch ihn, weil er es für mich geschafft hat.
Darum muss ich mir nicht selbst auf die Schulter klopfen, sondern kann fröhlich von Gottes Liebe weitererzählen, die solches zu leisten im Stande ist.
Wenn mich seine Liebe erreicht, ist auch das sein Geschenk an mich, aus dem heraus ich mich neu begreifen kann.

Ich bin nicht mir gefangen in mir selbst (=tot), sonder er hat mich aus diesem Zustand (=Sünde) herausgerissen, um mir wahres Leben (=Auferstehung) zu schenken.“

Liebe Gemeinde, wenn man das so sagt, muss man zwar mehr Worte machen, es klingt etwas anders.

Allerdings wird auch dieser so formulierte Glaube immer Widerspruch provozieren.

Es ist für den modernen Menschen offenbar schwerlich hinnehmbar, dass letztlich nicht Gutes am Menschen gelassen wird, sondern alles Gute sich dem Wirken Gottes verdankt.

Wer will sich das schon gefallen lassen?

Offenbar doch mehr Menschen als man denkt:

In einem deutschen Popsong gedichtet in Zeiten der Wende der 90er Jahre gibt es eine Textzeile die da lautet:

„Der Mensch ist leider nicht naiv.

Der Mensch ist leider primitiv.

Freiheit, ,
Ist das einzige, was zählt.“

Das erstaunliche ist, dass tausende mitsingen, dass aber sobald von „Sünde“ geredet wird, scheinbar von etwas ganz anderem geredet wird.

Dabei stehen „Freiheit“ und „primitive“ Schuldverfallenheit von Menschen doch tagtäglich vor Augen.

Ein Brückenschlag zur Deutung der Wirklichkeit mit den Augen des Glaubens erfolgt nur selten.
Zu sehr funktioniert der Reflex „die“ Kirche als Hort und Hüterin moralisch untadeligen Lebens zu begreifen.

Dabei ist für den Autor unseres Predigttextes, wie für den Apostel Paulus vollkommen klar, dass es darum nicht gehen kann.
Es geht im christlichen Glauben nur bei der Sünde um einen Zustand!
Beim christlichen Leben hingegen geht es um einen Prozess; Um ein „Werden“.

Niemand anders hat es in schönere Worte zu fassen vermocht, als Martin Luther:

„Es geht nicht um „ein Frommsein, sondern ein Frommwerden; nicht (um) ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden;
 überhaupt nicht (um) ein Wesen, sondern ein Werden; 
nicht (um) eine Ruhe, sondern eine Übung.

Wir sind’s noch nicht; wir werden’s aber.

Es ist noch nicht getan und geschehen, 
es ist aber im Schwang.

Es ist nicht das Ende, es ist der Weg.“