Predigt

Scheiden tut weh

Manchmal in diesen Tagen beschleicht es uns.

Wir nehmen heimlich oder offen Abschied von den letzen schönen, sonnigen Tagen.

Wir stellen uns ein auf rauhere Witterung.

Wir werden im Einkaufsmarkt angehalten Lebkuchen und Printen zu kaufen.

Und einige Weihnachtsmärkte haben schon seit drei Wochen geöffnet. Haben wir es vielleicht verlernt Abschied zu nehmen? Meist fängt gibt es diesen Punkt im Spätsommer, wenn die Luft auf einmal nach Herbst riecht. „Das wars dann wohl“ denke ich wehmütig. Doch im Hinterkopf lauert die Hoffnung auf eine Verlängerung des Sommers: Vielleicht im Herbst doch noch einmal in den Süden. Dem Herbst entfliehen, den Sommer verlängern…

Fängt es damit schon an, dass wir Abschied nur schwer nehmen können?

Auch am Bahnhof, wenn der ICE einfährt und Menschen ein- und aussteigen hat sich der Abschied verändert. Durch getönte Scheiben kann man kaum noch erkennen ob jemand richtig den Zug auch bestiegen hat. Kein zu öffnendes Fenster, kein Händehalte bis der Zug anfährt. Kein letztes Nachrufen eines „AUFWIEDERSEHEN“. Stattdessen die Geste ans Ohr: Wir telefonieren!

Ist das wirklich nur eine banale Alttagsbeobachtung oder spiegelt sich darin schon unser Verdrängen notwendiger Abschiede? Ganz ähnlich geht es bei der Betrachtung körperlicher Alterung. Für viele ist das erste graue Haar eine Katastrophe und ein Politiker ging sogar gerichtlich gegen die Darstellung vor, er färbe sich die Haare.

Alles nur banale Alltagsbeobachtungen oder Spiegel der Nichtbereitschaft der Vergänglichkeit ins Auge zu sehen und Abschied von der „ewigen Jugend“ zu nehmen.

Am deutlichste lässt sich nach meiner Wahrnehmung die Unfähig zum Abschied erkennen, wenn es um den Tod geht: Da ist der Vater noch nicht gestorben, und der Sohn überreicht mir ein knappes DIN A4 Blatt mit biographischen Daten. Damit ich mich vorbereiten könnte, wenn es soweit wäre.

Ist es dann soweit muss alles noch schneller gehen. Nur ja soll der letzte Abschied, nicht nur vorüber gehen, sondern erst gar nicht als solcher deutlich werden. Der Tod soll weg aus unserem Alltag, die Verabschiedung als Vorbote eines endgültigen und letzten Abschieds soll keine Macht über uns gewinnen. Wir weichen aus, nur allzugern. Wir lenken uns ab und bilden uns ein die Zeit sei lang.

Indem wir das tun nehmen wir uns aber etwas entscheidendes: Wir nehmen uns etwas von der Fähigkeit uns und unser Leben in einen Maßstab zu setzten. Ohne diesen Maßstab erscheinen allerdings kleine Dinge groß. Ohne diesen Maßstab wir aus einer Mücke manchmal der sprichwörtliche Elefant. Hielten wir inne im Abschied, hielten wir ihn aus, statt ihm auszuweichen, hätten wir die Chance Ausschau zu halten. Wir hätten die Chance im Abschied nach Gott Ausschau zu halten, der uns dort begegnen will, wo wir nicht abgelenkt sind.Wir hätten vielleicht sogar die Chance in gerade dort zu entdecken.

Und Gott?

Gott wäre nicht mehr weit weg.

Er wäre nah.

Und wir?

Wir könnten uns freuen.

Im Abschied.

An IHM.