Predigt

Von Weltmeistern und Doping-Sündern (Predigt über Lukas 18)

„Ich bin in der Form meines Lebens!“

Diesen Satz können Sie dieser Tage besonders oft hören, wenn Sportlerinnen und Sportler vor anstehenden Wettkämpfen nach ihren Chancen gefragt werden.

Das gilt nicht nur für Leichtathleten, man könnte genauso gut Fussballer oder Radfahrer zitieren.

„Ich bin in der Form meines Lebens“ das ist wohl ein Satz, den die Sportpsychologen zum Aufbau der mentalen Stärke offenbar als Mantra empfehlen, denn längst ist klar, das die physische Stärke der Athleten so eng beieinander liegt, dass das Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit über Sieg oder Niederlage entscheiden kann.

Und wer will schon eine Niederlage?

Wer will Platz 4 oder Platz 11?

Wer will Fussball-Vize-Weltmeister sein? Da wandert gleich schon nach dem Empfang die Medallie in die Hosentasche! Wir (und vor allem wir als Zuschauer) wollen Sieger sehen!

Möglichst noch sympathisch und nicht maulig.Noch besser gutaussehend und an der richtigen Stelle tätowiert, dann lässt sich richtig gut verdienen –und alle sind zufrieden. Bei der folgenden Geschichte, die Jesus seinen Hörern damals erzählt wird, müssen wir, damit sie heute so funktioniert wie damals, einen kleinen Trick anwenden! Denn Jesus ist ein Erzähler unbequemer Geschichten; von Geschichten, die uns einen Strich durch die Rechnung machen, die uns aufregen, weil sie die Dinge auf den Kopf stellen. Der kleine Trick geht so: Wo in der Luther Übersetzung „Pharisäer“ steht lese ich im folgenden „Stahlender Weltmeister“. Und wo „Zöllner“ steht lese ich „Doping-Sünder“.

Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein strahlender Weltmeister, der andere ein Doping-Sünder. 11 Der strahlende Weltmeister stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Doping Sünder. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Doping Sünder aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.

Einige werden jetzt fragen: War das wirklich nötig mit dem Tausch der Begriffe? Ist damit wirklich etwas gewonnen? Verfälscht das nicht sogar die Aussage des Gleichnisses? Ich glaube nicht. Ich glaube vielmehr, dass die meisten unter uns die Geschichte so gut kennen (zu gut!), dass von vorn herein klar ist, wer unsere Sympathien hat. Nämlich der demütige Sünder. Er ist zum Prototypen christlicher Demut stilisiert, die er in der ursprünglichen Erzählung allertdings nicht hatte. Dort waren alle Sympathien bei dem, der fromm die Gebote Gottes hielt, und sein ganzes Leben danach ausrichtete. Die Überraschung jedenfalls war riesig, als Jesus sich auf die Seite des Zöllners schlug.

Ähnlich ist es nun, wenn wir uns die strahlenden Sieger ansehen, die zurecht den Jubel der Massen genießen, als Lohn für ihr ganz auf trainieren, essen und schlafen ausgerichtetes Sportlerleben. Da darf man doch (ähnlich wie beim Pharisäer) sagen: Hut ab! Glanzvolle Leistung. Herzlichen Glückwunsch! Oder darf man das nun nach dem Gleichnis etwa nicht mehr? Doch man darf es! Man darf es, weil es in diesem Gleichnis gar nicht um die Fragen des Lebensstils geht. Es ist ja überhaupt nicht so, dass das fromme Leben des Pharisäers von Gott abgelehnt würde.

Jesus geht es wohl eher darum aufzuzeigen, dass das Vergleichen und die mangelnde Einsicht in die eigenen, dunklen Lebensseiten den Menschen von Gott entfernen.

Der strahlende Weltmeister hat keine dunklen Seiten, selbst sein Zähne sind für das gewinnende lächeln extra weiß. Da ist nicht der Anflug eines Schattens und erst recht kein Selbstzweifel angesagt. Er ist uneingeschränkter Gewinner, in der Form seines Lebens. Er hat an sich geglaubt, darum hat er gewonnen. Er wusste es quasi schon vorher, dass er gewinnen musste, daher ist es keine Überraschung (und schon gar nicht eine Begabung, oder auch ein Quäntchen Glück), sonder fast schon logische Konsequenz des zielorientierten Trainings. Gegen solche Egomanie richtet sich das Gleichnis. Gegen den eher idiotischen statt blasphemischen Satz: „Ich habe immer an mich geglaubt!“

Die Stars solcher Sätze gehen zutiefst unmenschlich mit sich und anderen um, weil für ein Scheitern kein Platz mehr ist! Verlierer zählen nicht mehr, das sind die Leute auf den Plätzen zwei und drei. Jenseits dessen gibt es wirklich die ganz großen Verlierer, die schon gar keine Erwähnung mehr finden.

(In Klammern gesagt, gilt das nicht nur im Sport, das gilt auch in politischen und wirtschaftlichen Krisenzeiten: Wer sich nicht als Gewinner zelebriert hat schon verloren. Und wer einmal insolvent war, kriegt selten eine zweite Chance.)

Die eigentliche Größe des Doping-Sünders demgegenüber liegt darin, dass er seine völlige Niederlage einsieht. Er macht sich nichts mehr vor, sondern spürt seine vollkommene Angewiesenheit auf Zuwendung. Bringt er ein Gebet zustande spürt er seine vollkommen Angewiesenheit auf Gott. Gerade diesem Punkt liegt nun die Chance zum Neubeginn. Das Neue Testament sagt dazu Umkehr! Johannes der Täufer und Jesus haben darauf immer wieder hingewiesen:

„Kehrt um!

Seid euch selbst nicht genug!

Setzt die Dinge die euch umgeben nicht an die Stelle Gottes!

Sprecht über die Dinge, die man nicht kaufen kann und die euer Leben doch reich machen.

Und denkt dran: Gott kommt euch entgegen.

Nicht als strahlender Sieger, sondern als am Kreuz gescheiterter kommt er.

Nicht mit Siegerkranz und Gloria, sondern unscheinbar auf einem Esel.

Gott kommt nicht so, wie wir ihn erwarten, denn er kommt als einer, bei dem das Scheitern Methode hat!

Er will es uns einfürallemal austreiben, das wir an uneingeschränkten Erfolg und maßloses Wachstum glauben.

Er will, dass wir als gescheiterte zu ihm kommen, weil es weiss, was es heisst zu scheitern!

Weil er es bis zur letzten Konsequenz, weil er es bis zum Tod mitgemacht hat, darum tun wir gut daran ihm unser Scheitern einzugestehen, indem wir sprechen:

„Gott sei mir Sünder gnädig!“

In dieser Talsohle, ganz am Ende, ganz unten, tut sich uns dann der Himmel auf, weil wir uns von der Pflicht zum Erfolg verabschiedet haben und neu beginnen können.

Dieser Neuanfang ist nun auch ganz besonders unserer Kirche zu wünschen, die mit diesem Gleichnis bis heute nicht ernst zu machen bereit ist. Sie ist es deswegen nicht, weil sie in weiten Teilen bürgerliche Wohlanständigkeit mit Kompetenz zur Kirchenleitung und Evangeliumsverkündigung verwechselt. Ein blick in die Kirchengesetze, wenn es um Personal geht, spricht Bände.

Wir wären mit dem Gleichnis ein Stück weiter, wenn es unter uns passierte, dass jemand bei einer Wahl (einer kirchlichen Wahl) sagen würde:

„Ich habe viel mitgemacht in meinem Leben. Ich habe Fehler gemacht und meine Familie zerstört. Ich habe über ein Jahr in der Klinik verbracht, bevor ich wieder in den Spiegel schauen konnte. Aber ich weiss dass ich Gott unendlich nötig habe. Das möchte ich auch anderen sagen und bitte sie daher um ihr Vertrauen.“

Wenn dieser Mann oder diese Frau in ein kirchenleitendes Amt gewählt würden, hätten wir ernst gemacht mit Jesu Gleichnis.